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ARBEITER*INNEN BRIEFE

Das zornige Schreiben der Miriam Cahn.

  • Aug 19 2022
  • Miriam Cahn
    is a Swiss artist. In her paintings she pushes for the abolishment of social norms and counters the traditional representation of the female and gender-specific roles.

Aquarellfarbe fließt über ihren dunklen Blick, wo sich viele Farben übereinander stapeln, betont durch schwarzem Crayon. Eine pastellgelben Aura umrahmt und kontrasiert eine nicht evidente, aber doch ziemlich präsente Kraft, die im wütenden Rot dieser Augen aufflammt. ‘Kriegerin’ heißt die ikonische Arbeit, die für Miriam Cahns Ausstellung im Haus der Kunst als Abbildung ausgewählt wurde: ICH ALS MENSCH. Es ist unmöglich, dieses Bild nicht als Selbstporträt zu lesen. Denn die Malerei von Miriam Cahn ist, wie sie selbst, unbedingt frei, überwältigend und empathisch zugleich das heißt absolut real. 

Cahn zählt zu den angesehensten Künstlerinnen der Gegenwart. Lange war der kreative Weg, auf dem sie in Kohlezeichnungen, in Darstellungen der Verletzten, Diskriminierten und Bedrohten dieser Welt, einen Kampf gegen Geschlechter- und Macht Konstruktionen im Medium der Kunst formulierte. DAS ZORNIGE SCHREIBEN, erschien im Frühjahr 2019 parallel zu der ersten Station einer Ausstellungstour durch Bern, Bregenz, Madrid und München, versammelt Briefe, Essays und Tagebucheinträge der letzten vier Jahrzehnte, in denen Cahn das Kunst- und Weltgeschehen kommentiert und mittels ihrer Arbeiten durchleuchtet. Wenige kommentieren das eigene Schaffen und die gesellschaftliche Bedeutung von Künstlerinnen literarisch so konsequent wie sie.

Ihre Auseinandersetzung mit Krieg und Existenz, Flucht und Vertreibung, Körper und Gender, Politik und Intimität, ermöglicht eine wache und kritische Politik der Körper- und Menschenbilder im unkontrollierbaren Ozean der digitalen Bildproduktion. Für die Reihe der Arbeiter*innenbriefe, die AWC als Plattform der Beschwerden gegen ungerechten Arbeits- und Lebensbedingungen anbietet, präsentieren wir eine Auswahl der bösen und doch fairen Briefe, die Miriam Cahn an die Herausgeberin einer renommierten Kunstzeitschrift, den Leiter der ProHelvetia, einen mächtigen Galerist, ihrer ehemaligen Galeristin und einen Künstler schrieb. 

Miriam Cahn, fluechtling, 2002.
Courtesy of the Artist, Gallery Meyer Riegger and Galerie Jocelyn Wolff

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PARKETT KUNSTZEITSCHRIFT/ARTMAGAZINE

Zürich, 11. Juni 1986

liebe Miriam
hast Du es wohl gut gehabt in Australien? Ich hoffe natürlich, dass Du die Reise gut überstanden hast. Und nun möchte ich Dich gleich mit meinem Anliegen überfallen. Du weisst, wir haben bei unserem letzten Zusammentreffen ja ein bisschen darüber geredet: Ich möchte Miriam Cahn im Parkett! Meine Überlegungen diesbezüglich drehten sich immer um die Fragen “wie?” + vor allem “wer?”... bis ich die Idee hatte, liebe Miriam, Dich aufzufordern für uns ein sogenanntes “Insert” zu machen. Das heisst, Du würdest im Parkett 10-12 Seiten gestalten - diese könnten auf spezielles Papier gedruckt werden und könnten auch “formatabweichend” sein als eine Art “Heft im Heft” und wären als Insert (=Einschub) ein eigenständiger UNKOMMENTIERTER Bildbeitrag.

Wir machen solche Inserts seit der 6. Ausgabe. Bisher haben Lothar Baumgarten, John Baldessari, Robert Mapplethorpe und Edward Ruscha solche Beiträge gestaltet. Natürlich habe ich für diese Rubrik immer solche Künstler ins Auge gefasst, die von ihrer Arbeit eine Affinität zum Medium Heft - zum Blättern von Seiten - zum Offsetdruck etc. zeigten. Und da staune ich, dass ich nicht schon früher gemerkt habe, dass diese “Insert-Möglichkeit” genau auf Dich zugeschnitten scheint.
Nun bin ich ganz aufgeregt, und will Dich schnell anrufen und hören, was Du meinst. Am liebsten w-re mir, Dein Insert könnte schon in die Septembernummer gelangen.
Also auf bald!
Mit lieben Grüßen
Bice [1]

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Miriam cahn
Berlin, 15. Juli 86

liebe bice,
vielen dank für deinen brief und deine bitte, das “insert” in eurem heft “parkett” zu machen.
Leider begeistert mich das nicht besonders. das “parkett” hat einen stil, der komplett entgegengesetzt ist von dem, was ich unter einem kunstheft verstehe. es ist auch meilenweit davon entfernt von meiner auffassung von kunst und künstler/innen-dasein.
meine arbeit entsteht mit dem hintergrund feministischer theorien und ist gleichzeitig total provisorisch in technik und auffassung. euer heft passt voll in die “postmoderne”: es ist sehr schön gestaltet (schön im traditionell-klassischen sinn), vermischt modisches mit kunst und trend, vermittelt eine (künstliche) amerikanisch-europäische achse ohne zu hinterfragen, und der internationale jet-set-tourismus tanzt auf eurem parkett- warum nicht.
jetzt, wo auch ein paar sammler mich sammeln, ein paar museen mich kaufen und ausstellen, fällt dir plötzlich ein, dass ich ja hefte und serien im offset-verfahren direkt ab original mache- und dass das gut in euer “insert”-programm passt. besonders originell ist das nicht, und ausserdem vom informativen standpunkt aus überflüssig- ich habe ja schon ca. 10 solcher drucksachen gemacht, und das schönste heft ist wohl das vom kunstmuseum bonn.
“miriam cahn im parkett”(unter uns: findest du das gut, in dieser werbesprache mit mir zu reden?)- ganz bestimmt NICHT in einem unkommentierten beitrag. bereit wäre ich, eine art streitgespräch zu machen, aber ganz bestimmt nicht als “insert”, und auch nicht als “liebes” gespräch, sondern gut vorbereiten (nicht: schön). Wie wäre (das nur als schneller einfall) cahn-stadler-burckhardt-schenker-amann oder so? na?
nichts für ungut
gruss
miriam

Miriam Cahn, Herumliegen/Fremdkoerper, 2016.
Courtesy of the Artist, Gallery Meyer Riegger and Galerie Jocelyn Wolff


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PRO HELVETIA:einladung zur ausstellung im Louisiana Museum of Modern Art Kopenhagen
Berlin, 9. März 88

Lieber herr durschei,[2]
Vielen dank für Ihren brief + Ihre einladung zur ausstellung im louisiana museum. Ich werde aber nicht mitmachen, und zwar aus folgenden gründer: dies ist wieder mal eine typische pro helvetia multipack-CH-ausstellung: immer dieselben namen, schön pluralistisch aufgeteilt in medium (möglichst verschieden), in sprachen (möglichst alle landessprachen), in bekanntheitsgrad (bekannte + weniger bekannte gut durchmischt). allerdings haben Sie dabei merkwürdigerweise die quotierung vergessen (zuwenig künstlerinnen! zuviele künstler!). wie auch immer: ein durchschnitt ist garantiert + damit eine langweilige ausstellung, die weder etwas aussagt über die künstlerinnen + künstler noch über die ausstellungsmacher. Schön neutral.
wenn es Ihnen wirklich darum ginge, schweizer kunst im ausland informativ zu fördern, dann wäre es besser, kontinuierliche, über jahre hinweg KLEINE gruppenausstellungen + vor allem einzelausstellungen zu machen: mit bekannten, weniger bekannten, sperrigen, anderen, merkwürdigen etc. künstlerinnen + künstlern.
die erfahrungen zum bsp. In der ausstellung “stiller nachmittag” im zürcher kunsthaus haben mir gezeigt, dass es so nicht mehr geht.
In diesem multipack-ausstellungen hat ein komplizierter, kommerziell kaum verwertbarer künstler wie rémy zaugg z.bsp. keinen platz - obwohl international bekannt. sperrige leute wie guido nussbaum auch nicht. rut himmelsbach + silvia bächli werden noch behandelt, als wären sie anfängerinnen. Etc. clara saner kommt auch vor. Etc. nein, es wird immer dasselbe paket genommen: raetz-disler-stadler-cahn-fischli/weiss-müller + noch ein paar “garnierungen”. mir hängt das zum hals raus, ein bis zweimal reicht.
so, bevor ich mich noch endgültig in wut schreibe, höre ich hier auf + grusse Sie herzlich,
Ihre miriam cahn

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Brief an Jochen Gerz [3]
basel, 11. dezember 1997

lieber jochen,
Habe Dein interview in der NZZ gelesen und bin nicht nur überhaupt nicht einverstanden, sondern find’s schrecklich - Dein satz “nur die zeit ist das messer, das die wunde offen lässt etc.” zeigt mir endlich den kern Deiner gedenkstätten-arbeiten, bei denen mir immer unwohl war - mit ausnahme des “dachau-projektes”, das ich nach wie vor grossartig finde in seiner ganzen schärfe. Dieser satz zeigt mir diese deutsche lust, im zustand des ewigen “in den alten wunden wühlens” zu verharren, statt die wunden verheilen zu lassen, die narben zu tragen und durch diesen natürlichen zeitablauf - was für ein schöner satz: “die zeit heilt alle wunden” - gefasster, interessierter, vielfältiger und “als vorbei” die geschichte zu betrachten.
ich finde diesen holocaustgedenkstättenwahn in deutschland besonders abscheulich, diese pseudowiedergutmachung meiner generation intellektuell schwammig und masochistisch. diese generation deutscher war schliesslich nicht persönlich beteiligt, das ist zwar keine “gnade”, aber doch eine tatsache.
auch Du genießt ganz offensichtlich Deinen status als spezialist des gedenkens in form von gegenwartskunst - sei’s drum:

zum abschluss noch ein gespräch mit meinem vater, bei dem wir so lachen mussten:
miriam: und überhaupt diese ganze oberpeinliche sache mit dem holocaustdenkmal… und was mich vor allem nervt, ist dieses ständige betonen auf eime “ort der stille”, wie wenn sowas “erholsam” sein soll mitten im zentrum einer grossstadt - “ort der stille” - könnt mich grad reinsteigern.
vater: “ort der stille”? Eigentlich sollte es “stilles örtchen” heissen

miriam: genau, die sollten dort ein WC-häuschen abuen.
vater: genau, und ausgewiesene holocaust-opfer dürfen gratis dort pinkeln…

miriam:... während die andern zahlen müssen, und das kommt dann in einen holochaustfonds.

Herzlich miriam

Miriam Cahn, HIRNRAUSCHEN, 2013.
Courtesy of the Artist, Gallery Meyer Riegger and Galerie Jocelyn Wolff

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Iwan Wirth
miriam cahn
Basel, 8. August 99

lieber herr wirth,

schnelle und ganz und gar undiplomatische reaktion auf Ihr interview in der sonntagszeitung: bin beleidigt. Ihre aussage, dass die in der CH lebenden künstlerinnen und künstler erst durch das erscheinen des Iwan Wirth adäquat international “platziert” werden (was auch immer das platziert heisst: ICH weiss es nicht), ist ganz einfach falsch und geschichtsfälschung zu Ihren gunsten. da Sie laut interview einen bescheidenen beitrag zur kunst- und kulturgeschichte leisten wollen, hier ein paar stichworte: diter rot, oppenheim, etc. haben oder teilweise in der CH gelebt und garantiert mehr im ausland als im inland ausgestellt, wie auch meine generation, und jetzt red’ ich als noch nicht gestorben von mir: in den letzten 20 jahren schon soviel im ausland und übersee ausgestellt und verkauft, während die CH und besonders ZH eher ein hartes pflaster… vielleicht weil ich immer noch selbst bestimme, wann, wo, und mit wem ich ausstelle und mich nicht einfach “platzieren” lasse.
klar, wenn Sie die welt unterteilen in “reale” welt= stundenlohn, leistung und mehrwert hier, und dort, die welt der kunst als “geistige” definieren, in der die “fantasie” gilt (was auch immer das sein soll, ICH weiss es nicht”), sind künstlerinnen und künstler in Ihrer logik wesen, die sich in der “realen” welt nur mit IHRER hilfe herumbewegen können und sollen - toll - das 19. jahrh. lässt grüßen.
dann noch was: diese ewige nervige verlogenheit mit dem geld. nur galerien mit grossen finanzreserven können grosse projekte vorfinanzieren - hab’ ja garnix gegen. Ihr programm, die künstlerinnen und künstler, die Sie vertreten, all das hängt doch zum grössten teil mit ihren finanzierungsmöglichkeiten zusammen, und wenig mit “obsession” (was auch immer das heisst etc…)
viele grüsse
Ihre miriam cahn

Miriam Cahn, Unklar, 2017.
Courtesy of the Artist, Gallery Meyer Riegger and Galerie Jocelyn Wolff

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13 january 2016

dear Elizabeth,
I am thinking about our future, about how we should act in the coming years. My main problem: you don’t sell. 2015: nothing. 2014: absolutely nothing. With no question, I like you a lot, but I think that things aren’t working out. I can’t have a gallery which doesn’t sell, as I live ONLY on sales of my works.
We have had several discussions on the “cooperation” between shows in institutions - or participation in shows in institutions - and sales. your tactic of making the prices higher so that collectors would take my work more seriously works very well for my other galleries but, strangely enough, obviously not for you, who had this idea. and until now there has not been much possibility of a show - group or even better solo - in an American institution.

to me, you seem very much interested in gallery politics, like inventing “independent” and so on. This is intelligent and interesting, but in our case isn’t working in the sense of selling and looking for other external cahn shows.
so, I am thinking of leaving you.
I will decide about this for good at the end of March after having installed and opened my show at the “kunsthalle zu Kiel” and having in mid-March moved the content of my whole studio from Basle to Bregaglia.

All my very best wishes to you!

miriam

Aus: Miriam Cahn, DAS ZORNIGE SCHREIBEN, 2019 © Hatje Cantz Berlin, und Autoren.

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Banner: Miriam Cahn, Le milieu du monde, 2017/2018. 
Courtesy of the Artist, Gallery Meyer Riegger and Galerie Jocelyn Wolff



  • Footnotes
    [1] Bice Curiger, Kuratorin und 1984-2017 Chefredakteurin der Kunstzeitschrift Parkett, Zürich.
    [2] Victor Durschei, Kunsthistoriker, Genf.
    [3] Künstler (*1940), 1966-2001 in Paris, heute Kerry, Irland.

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