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ARBEITER*INNENBRIEFE: KRITIK AN DER "GROSSEN UMARMUNG" AUS DEM KREUZBERG PAVILLON

Wo warst du in 2020?

 

Also doch. Berlin, die Stadt der künstlerischen Projekträume und Initiativen hat es mittlerweile auf unterschiedlichen Wegen geschafft, das vermeintliche Ursprungsverhältnis zwischen Künstler*innen und Sammler*innen zu dekonstruieren. Die noch lange gepflegten Vorläufer der Museen, die Wunderkammern der Trophäenjagenden, in der die Beziehungen zu den Künstler*innen wie Kolonialobjekte präsentiert wurden, oder die eitlen Selbstdarstellungen der Sammler*innen im Spiegel ihrer Neuentdeckungen geraten schneller in Vergessenheit, als viele es vermutet hatten.

Es stellte sich heraus, dass Milliardäre vor allem darüber frustriert waren, dass der vermeintliche Totalitätsanspruch der Kunst, den ihnen ein Kunst/Schamanismus versprach, sich nicht auf sie selber übertragen ließ. Die Kunst war mittlerweile auf eine gute Weise machtlos, weniger industriell und wie man sich im Nachhinein eingestehen mußte, viel sympathischer geworden. 

Lange Jahre glaubte man, dass der Weg der Kunst linear vom Atelier über die Galerie zum Museum verläuft und dort endet. Doch vielen Künstler*innen, Kurator*Innen und Vermittler*innen, die in einer von kommerziellen Galerien bis hin zu Biennalen geprägten Kunstwelt des Jetsettens  zu prekären Kulturarbeiter*innen geworden waren, gelang es, sich und ihre Kolleg*innen mit ihren Projekträumen und Initiativen zu versorgen, und eigene hoffnungsvolle Raumkonzepte zu entwickeln, die über ein bestimmtes Potenzial für eine strukturelle Erneuerung verfügten. Einige wurden ab und zu sogar in die höchsten Ämter berufen, stellten aber fest, dass sie dadurch bald an die Grenzen ihrer Aufgaben stießen und sich langweilten. Als man tatsächlich die Grundrisse aller dieser Räume der Stadt, die sich seit Jahren  der musealen Hegemonie entzogen haben, vom Boden abtrug, auf dem das künftige Museum für Moderne Kunst Berlin am Kulturforum entstehen sollte, hatte man plötzlich eine ungefähre Vorstellung von ihrer tatsächlichen Größe in Berlin.

Weil sich die meisten Kulturinstitutionen aufgrund ihrer Ausrichtung noch mehr der Historisierung der Kunstszene zuwandten, als sich der Frage nach den Bedingungen ihrer Produktion und ihrer Verbesserung in der Gegenwart zu stellen, reichte es irgendwann nicht mehr, sich auf die Versprechen der Partizipation innerhalb der Kunst zu verlassen. Nachdem der Wunsch nach künstlerischen Experimentierräumen überzeugend genug war, verschob sich der Begriff des Kunstraums, und das Museum war bald nicht mehr das Zentrum künstlerischer Vorstellungskraft, was wiederum einen großen Einfluss auf ihre Materialisierung selbst hatte. 

Es wurde erkannt, warum es notwendiger ist, unseren Schwerpunkt von der Wahrnehmung von Kunstinstitutionen mit ihrer bestimmten Anzahl wegwerfbarer Arbeitsplätze jetzt hin  zu einer Gemeinschaft selbstorganisierter Räume zu verlagern, die sich die Zeit nahmen ihre Abhängigkeiten selbst zu wählen und dabei ihre eigene künstlerische Ökonomien zu entwickeln.

Aus "Arm aber sexy" war in Berlin mittlerweile ein echtes "Es ist genug für alle da" an den Tag gelegt worden, entstanden aus einer durch viel berechtigte Kritik herbeigeführte Phase der Resilienz. Das durch den /die Sammler*innen vertretene entsozialisierte künstlerische Subjekt hatte sich erstmal bis auf weiteres erledigt und ließ sich nie wieder, in keiner Kunst, die einen gruseligen Totalitätsanspruch für sich behauptete oder karikieren wollte, wieder herstellen als wäre es ein Teil einer zurückgewonnenen Normalität.

Für einen neuen, zeitgerechten Glanz wurde Geld, in die von Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen selbst organisierten, dezentralen Projekte investiert. Es war kein Problem den ehemaligen von der Autoindustrie gesponserten Preis der Museen durch den von Künstler*innen organisierten Berlin Art Prize zu ersetzen und anstelle großer Gebäude, einfach mal die Stadt kennenzulernen und anspruchsvolle Zeit in die verschiedenen Projekträume und Initiativen zu investieren, wie es das Project Space Festival bereits seit mehreren Jahren tat. Vielleicht wurden uns dadurch weitere, allzu leichtfertige  Urteile darüber erspart , die über eine vielschichtige und interessante Stadt wie Berlin, gerne in den Feuilletons der bürgerlichen Presse gefällt wurden, als zum Beispiel. viele weitere generische Kunstmesse-Konzepte an ihrer Verwirklichung scheiterten. Anstelle sich weiter mit der Idee eines erhöhten Ankausfetats staatlicher Museen zu beschäftigen, hatte man sich letztendlich doch für ein Grundeinkommen entschieden. Mehr Normalität zum Überleben statt versprochener Exzeptionalität weniger.

Natürlich wurde diese Entwicklung zunächst von einigen Kommentatoren, die bestimmte kulturelle Machtzentren und patriarchalen Strukturen gewöhnt waren, in ihren Meinungsmedien als provinziell und qualitativ verurteilenswert empfunden, weil sie damit den alten Anspruch an das Hegemoniale verteidigten. Aber warum reichte ihnen dafür das neue Stadtschloss nicht? Es war letztendlich derselbe Anspruch der zur selben Zeit von wütenden Protesten auf den Straßen, weltweit von den Sockeln gerissen wurde, aber who cares?

Als man endlich an der Spitze des Eisbergs angelangt war, an dem die Entwicklung einer verfehlten Liegenschaftspolitik institutionell sichtbar gemacht wurde, bemerkten wir also, dass es eigentlich gar keine wirklichen Institutionen mehr in der Stadt zu geben schien, die für ein allgemeines Interesse gedacht sind. Woher sollte also noch dieser unbedingte Wille kommen aus einer Reihe von prominenten Steuerabschreibungsprojekten einen gesellschaftlichen Kanon zu konstruieren? Man mußte sich dazu mit einer allzu vereinnahmenden Kunstauffassung, ihren hegemonialen Räumen und der öffentlichen Wahrnehmung die sie beanspruchen noch kritischer auseinandersetzen als man es bisher in seiner institutionellen Kritik erwartet hatte.

 

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Für Arbeiterkinder ist es übrigens immer voll motivierend zu lesen wenn andere Kinder deren Eltern bereits Künstler*innen, Galerist*innen, Rektoren von Universitäten oder Diplomaten waren, selbst zu tollen künstlerischen und kuratierenden Persönlichkeiten aufgestiegen sind, und es in Institutionen, so, richtig weit zu etwas gebracht haben. Bravo! Tolles Erbe und echte Traditionslinien über die gar nicht genug Artikel geschrieben und geteilt werden können. Nein, wirklich. Tolle Frau, toller Mann, tolles X, welche sich schon so früh im Leben, so vollkommen eigenwillig all diese Dinge in den Kopf setzen konnten, sich nichts dabei haben sagen lassen und konsequent allen möglichen Dingen ihre Alltäglichkeit nahmen, um über die anfänglichen Widerstände hinaus alles großflächig und intelligent auf den Kopf zu stellen. Selbstverständlich in den adäquatesten Räumlichkeiten zu der sich der ehemalige industrielle Raum und die allerbesten Zweckbauten nach deren Verfall noch herrichten ließen. Denn eigentlich müssen solche Ausstellungen in eigentlich noch viel größeren Hallen, die politisch unbedingt mit allen Mitteln erhalten werden müssen, jetzt noch viel dringender gesehen werden als je zuvor.

Selbstverständlich mit allen Formen experimenteller und inklusiver Vermittlung, damit sich ihr gesellschaftlicher Wert noch anschaulicher vermittelt. Und vergesst nicht ihnen für ihre außerordentlichen Lebensleistungen weiterhin die besten akademischen Stellen von allen zu geben, in denen sie selbstverständlich die meiste Zeit nur durch die Besten von uns vertreten werden sollten. Denn so ein richtig künstlerischer Anlauf gelingt nämlich erst in zweiter oder dritter Generation und nur dann wenn wir es gemeinsam schaffen unsere ganze informierte, künstlerische Aufmerksamkeit auf eine ganz bestimmte Auswahl von ihnen zu konzentrieren, so daß es uns evtl. doch noch am Ende ein Stück gelingen wird, diese gekonnte Abstraktion als Weltsprache zu verstehen. We are one.

 

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Kreuzberg Pavillon ist eine von drei Stationen in Berlin, die ehrenamtlich dafür sorgt daß Straßenverkäufer*Innen durchgehend Zugang zur neuesten Ausgabe der Arts of the Working Class erhalten und das Magazin auf die Straße gelangt. 2019 organisierte das Team des Kreuzberg Pavillon Lisa Schorm und Heiko Pfreundt in Zusammenarbeit mit 29 translokalen Projekträumen und Initiativen das Project Space Festival Berlin – When the Hunger Starts. 

www.kreuzbergpavillon.de ; www.projectspacefestival-berlin.com



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