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LETTERS OF WORKERS

What issues will workers be facing in 2038?

LETTER #1

Inhabit and you will have your best deserved monument.

We need no monument to commemorate this: the city we tread on and the life it has been infiltrated with in the past decade is monumental enough.

We’re speaking of an island, but the rules of water have equipped us with a universal mindset. We acted according to simple humane instincts. No rocket science needed!

We have saved our city, you can save your’s.

It’s almost a clichée, for Venice’s rich history has already taught the world so much. It’s strength is born from its fragility; one has to be creative when the forces of nature are upon you. Islanders know this; they become self-sufficient. Historically, Venice is the overachiever par excellence amongst islands. Around the millennium 2000 however, short-sighted administration, neglect, brain drains and mass tourism brought Venetian qualities – think of constructing on marshland, inventing postal services and spectacles – to hit rock bottom.

In most ways, our set-point is more complicated than that of mainland territories. When you are surrounded by water that originally threatened to close in on you and creep up from down under, you learn to work with those sharing the same habitat. As a human species, we have known this, and so in times of Corona, we rather effectively implemen- ted lock-down rules. Quarantine is in the DNA of Venetians, so that may have been an easy one. When life got back on track, we had even less money than before but the absence of mass tourism fortunately made the mainland administration lose their interest in us up to the point that we managed, by vote, to finally obtain independence from the Veneto region. Under the administration from Mestre, we were on a steady ride towards disaster. Once we were left to our own fate, we were able to rebuild quicker that which the world seems to have forgotten: collective achievement based on individual strengths. It sure was a rocky ride at times, sure, but what counts is that we have mastered the skill of unsteady travel through years of what seemed utter hopelessness.

And so we have a plea for those still in doubt: young people care about both the planet and the space they inhabit because chances are they will be around longer. Turning Venice back into an inhabited city, we have proven that the young can come up with solutions. First things first: the record acqua alta of November 12th 2019 almost flooded us entirely. We were wetter than usual, littered and the stones that carry us more brittle. Environmental scientists, climatologists, activists, volunteers and fans scattered across the globe had – for respect of man’s achievements endemic to Venice – fortunately constructed a solid infrastructure that allowed, when push did come to shove, a kind of mobilisation that for its efficiency even startled locals. Why? Because the core of Venice alls was – and continues to be – young. Too often derided for being naive and taken seriously rather by the grandparental than the more immediate parental generation, young people have proven that generational complacency and sense of authority is, in the long-run, obsolete. It was not too long ago high noon to work together on achieving collective good. We’ve done a great job, sure. But let that so very recent proximity to apocalyptic experience be a lesson for good: reach for helping hands, make space for worried voices and don’t brush away creative solutions. It works, trust us. We are alive because we made our city inhabitable again. Can you think of a better rebirth than reconquering mutual understanding?

With love, Venice Calls, 4.5.2038

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LETTER #2

Wir bauten Kunstwerke. Wir agierten hinter der sichtbaren Bühne und sorgten dafür, dass der Glaube an den Genius des Künstlers lebendig blieb.

Anders als bei anderen Künsten war die Idee vom gemeinsamen Schaffen nicht erwünscht. Anders als bei anderen Künsten wurde hier alles Interesse auf einen einzigen Menschen konzentriert. Der Musiker, der Schauspieler, der Regisseur etc., alle arbeiteten in Teams zusammen und jeder bekam Credits dafür. Nicht, dass es dort nicht auch hierarchische Strukturen gegeben hätte, die sich dann materiell zeigten. Aber nirgends war die Idee des Genius so präsent wie in der bildenden Kunst.

Es war ein gigantischer Markt für wenige, die partizipieren konnten und dies als Zeichen ihrer Möglichkeiten und Macht auch gerne taten. Hier wurden Werte durch Herbeireden generiert und zuweilen auch zerstört. Das Spektakel folgte schwierig nachzuvollziehenden Bewegungen, die immer flüchtig blieben um die Spannung für die Teilnehmenden hoch zu halten. Ob aber ein Großteil der Beweggründe Kunst zu machen und Kunst zu sammeln in 20 Jahren immer noch greifen würden, bezweifelten wir bereits damals. Noch war das Bewusstsein Materialien aller Art zu verwenden, diese auf langen Seewegen und Luftwegen der Verarbeitung zuzuführen, kein Grund des Anstoßes gewesen.

Sich von Ort zu Ort über den Planeten befördern zu lassen um der Eröffnung der eigenen Ausstellung und denen anderer Künstler*innen beizuwohnen, ohne dies zu hinterfragen war lange kein Thema gewesen, bis es dann für Selbstdarstellungszwecke von der einen oder dem anderen erwogen wurde. Es gab keine Ethik hinter der Produktion, obwohl der Zeigefinger sich gegen alles erhob, was problematisch war – ohne je Stellung zu beziehen, denn man wollte sich nicht angreifbar machen. Das war alles per se schon unglaublich langweilig und es stellte sich die Frage, warum der Homo Sapiens in der Lage war sich derart lange nicht der eigenen Scheinheiligkeit bewusst zu werden, geschweige denn sie abzulegen. Heute vermisst es niemand aufgeblähte Pseudo-Bekundungen und Absichtserklärungen zu hören und ehrfürchtig oder auch nur in guter Aktionärsmanier einzukaufen, in der Hoffnung etwas ewig währendes zu besitzen oder aber eine gute Wertanlage zu haben. Trotz einiger Sammler*innen alter Dinge und Kunst, wird diese nicht mehr als Ware hoch gehandelt.

Die Weltbevölkerung beanspruchte den Platz, an dem Museen und andere Tempel, die mehr als Landmark dien- ten denn als Institutionen mit einem Bildungsauftrag, für sich. Den Menschen heute die Welt von damals nahezubringen und unsere Herkunft und Erinnerungen zu bewahren, ist nach wie vor Aufgabe einer Gesellschaft aber dazu sind keine Museen von Nöten. Nicht alles ist taktil und haptisch erlebbar, sondern mit Hilfe der modernen Technik vermittelbar für alle und überall, ohne um den Globus jetten zu müssen.

Eine kleine sehr vermögende Gruppe Menschen streitet sich, aus reinem Spieltrieb, um Dinge die niemand mehr braucht. Waren sind weitestgehend über einfach zu bedienende Tools online erhältlich. Diese werden regional gefertigt in Anlagen, die mit, nach der Ethikreform von 2030, erlaubten Materialien arbeiten. Zeichner*innen, Planer*innen und Produzent*innen wurden durch künstliche Intelligenz ersetzt. Damit war die Künstlerin, die sich dem nach Perfektion gierenden Markt unterwarf, überflüs- sig geworden. Wir können Objekte und Waren schlechter herstellen als Maschinen, aber wir rationalisierten uns nicht weg weil wir effizient sein wollten, sondern weil wir die Zeit für andere, neue Aspekte frei machen wollten. Es spricht noch immer nichts dagegen sich handwerklich zu betätigen, aber wir generieren keinen Mehrwert damit und dienen nicht als Helfer*innen für andere, die einen noch weit größeren Mehrwert für sich haben wollen, ohne je zu wissen warum eigentlich. Die Konstellation Künstler*in, Galerist*in, Messe, Biennale etc. ist nicht mehr reizvoll in einer Welt, die verstanden hat, dass es keinen Sinn hat, Ressourcen für schale Behauptungen, Etikette und Egoberauschung zu opfern.

Die Idee des Mehrwertes ist in eine Idee des Common Good übergegangen.

Somit ist es zwar immer noch durchaus möglich, dass Objekte zur gemeinsamen Erquickung gebaut werden, aber das Gros der Auseinandersetzung der Menschen ist inhaltlicher sowie spiritueller Natur geworden. Natürlich wird die Diversität dessen, was getan und gedacht wird, nicht abnehmen, aber der Fokus auf Wachstum im wirtschaftlichen Sinne wird der Konzentration auf das Wie-wir-miteinander-umgehen weichen. Nachdem die Spezies Mensch sich Jahrhunderte lang mit Macht und der Dingwelt beschäftigt hatte und 2020 miterleben durfte, wie ein kleiner Virus das anfällige Gefüge aus den Angeln hob, begann man sich auf die Unterschiede zwischen Mensch und Maschine zu besinnen, der Maschine ihren Platz zu geben und den Menschen zu entlasten. Er entdeckte seine einzigartige Fähigkeit, sein Bewusstsein, wieder, und gestattete sich, verpasste Entwicklungen nachzuholen. Der Mensch lernte es sich zu verbinden mit seinem Selbst, anderen und schließlich mit allem was seine Existenz ausmachte. Diese Entwicklung machte es der Spezies möglich, ihr Verhalten zu ändern. Aus der Verbindung mit allem erwuchs die Erkenntnis, dass man sich selbst schädigt, wenn man das Ganze schädigt.

Es war schön Kunst zu bauen um des Bauens Willen. Heute bauen wir keine Kunst mehr, wir denken und teilen sie.

Brief von Attila Saygel, 19.5.2038

 

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"Letters of Workers" was published in print issue 120, "The New Serenity"

 

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