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BRIEF AN DAS BÜRGERAMT

Ein fiktionaler Brief an das Einbürgerungsamt aus der Perspektive einer ukrainischen Person, die schon vor 20 Jahren nach Deutschland immigrierte  und sich nun um eine Einbürgerung bemüht.

  • May 11 2022
  • Volodymyra Aminova

Liebes Einbürgerungsamt, 

ich hab es wirklich satt, geghostet zu werden. Meine Anrufe nehmt ihr nicht an. Den Anrufbeantworter habt ihr ausgestellt. Und doch: Wenn ich eine E-Mail an euch verfasse, fühle ich mich, als stünde als Reaktion darauf gleich die Polizei wegen Ruhestörung vor meiner Tür. Das ist aber im Moment mein geringstes Problem. In der Ukraine herrscht jetzt Krieg. Ok, nicht erst jetzt. Aber erwartet ihr echt, dass sich im Moment jemand ernsthaft dafür interessiert, meinen ukrainischen Pass zu zerschreddern und Präsident Selenskyj mich per Unterschrift aus der Staatsbürgerschaft entlässt? Glaubt ihr nicht auch, es wäre langsam an der Zeit, die doppelte Staatsbürgerschaft zuzulassen? 

Ich hab jetzt nämlich keine Kraft, das Ganze nochmal von vorne anzufangen, zwischen Studium und zwei Nebenjobs. Noch mal Unterlagen sammeln, den Einkommensnachweis, seitenweise Kontoauszüge, alle meine Wohnorte und Arbeitsstellen auflisten mit Adresse und genauem Datum, und noch viel mehr. Ich habe einfach keine Energie. Meine Familien und Freunde verstecken sich in Kellern, Väter ziehen in den Krieg. Kyiv wird mit Raketen beschossen und es ist einfacher, meinen Cousin in einem ukrainischen Dorf zu erreichen, als euch, obwohl ihr nur ein paar Bushaltestellen von mir entfernt sitzt.

Und es ist nicht einmal so, dass ich diesen ganzen Prozess zum ersten Mal durchlaufen muss. Auch 2020, als die Pandemie begonnen hatte, war der  Einbürgerungsprozess auch ohne Anwalt für eine Studentin kaum zu stemmen:

- 43,65 Euro für die Übersetzung der Einbürgerungszusicherung vom Deutschen ins Ukrainische  
- 37,70 Euro für die Übersetzung der Empfangsbestätigung des Antrages auf Verzicht auf die ukrainische Staatsbürgerschaft vom Ukrainischen ins Deutsche
- 20 Euro für einen Stempel auf der Übersetzung, damit ihr mir glaubt, dass ich euch nicht bescheiße
- 255 Euro, damit ihr die 60 Seiten meines Antrages durchlest und einen Stempel draufsetzt
- 280 Euro, damit mein Pass zerschreddert wird 

Es ist das Jahr 2020. Ich habe keinen Cent Erspartes, keine Rücklagen. Wie ich den nächsten Monat Miete decken soll, ist noch unklar. Aber ich lasse mich einbürgern. Ich will 636,35 Euro zusammenkratzen, egal woher, ich kann auf ein paar Mahlzeiten verzichten, mein kaputtes Handy weiter benutzen und von mir aus auch weiter ohne Licht am Fahrrad fahren. Den Strafzettel riskierte ich dann einfach mal. Ein Strafzettel ist zum Glück kein Verbrechen (musste ich allerdings erst mal googeln, als ich letztens in der Ausländerbehörde per Unterschrift zusicherte, dass ich keine Vorstrafen habe). Apropos: Hatte ich mich auch strafbar gemacht, als ich beim Frauenkampftag dabei war? Denn eigentlich kann ich mich als Nicht-Deutsche nicht aufs Versammlungsrecht berufen. Einen Verein gründen wäre dann auch nicht erlaubt, oder? Aber zählt dazu auch ein Künstler*innenkollektiv, das ich schon gegründet habe? 

Ich glaube, ich bin auf dieses Versprechen reingefallen: Ich bekomme die gleichen Chancen wie alle, wenn ich nur die Sprache lerne, mich anpasse. Ich hab so langsam die Vermutung, ihr wollt gar nicht, dass ich eingebürgert werde. Werden in den Formularen vielleicht mit Absicht jegliche hilfreiche  Erklärungen ausgelassen? Hätte deshalb auch meine Niederlassungserlaubnis nach sechs Monaten im Ausland erlischen können? Ist das vielleicht wie eine Bank mit Stacheln zwischen den Sitzplätzen, sodass man sich „freiwillig“ nicht hinlegt? 

Ich fürchte, während ihr noch auf meiner Ausbürgerung beharrt, wird es bald nichts mehr geben, aus dem ich ausgebürgert werden könnte. Denn Putin arbeitet an der Zerstörung eines Landes  – und dann wird auch kein ukrainischer Präsident mehr übrig bleiben, der mich aus der Staatsbürgerschaft entlässt. 

Mit freundlicher Mitwirkung

Eurer Geschäftszeichen 01/BöD 8 567-01-36487/09

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