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DAS SEIN UND DIE MILCH

Die Ausstellung „Mother Tongue“ von Camille Henrot in der Kestnergesellschaft Hannover bezieht sich auf Sprache als Mittel der Weltaneignung, auf die Zunge als Ausdrucks- und Konsumorgan und erschafft dabei eine sensible Revision der Weltkrisen.

  • May 10 2021
  • María Inés Plaza Lazo
    likes to develop curatorial and communication strategies for others, individuals and institutions. She grew up in Guayaquil, Ecuador, lives and works between the streets of Berlin and the world.

Das Stillen ist Poiesis an sich; die Bekanntschaft eines wortlosen Mundes mit einer Brustwarze, die den menschlichen Körper in Essen verwandelt. Es sind Köpfe, die in der Lage sind, undefinierbare Emotionen zu visualisieren; Emotionen, die bereit sind, durch Sprache geformt zu werden. Ich kann’s mir kaum vorstellen, wie das ist mit der Verwischung der Grenzen zwischen Ernährung und Entsorgung, von Leben und Tod, aber ich kann es im Rückgrat meines Gedächtnisses fühlen, in dem verkörperten Wissen meiner Lippen, was es bedeutet, durch den Mund in die Röhre des Lebens zu münden. Und während ich das schreibe, möchte ich mich auch in Essen verwandeln. Camille Henrot zeigt mir in ihrer Ausstellung, wie man sich dem Stillen nähern kann, weit entfernt von der romantischen Version von Mutterschaft, von der lächerlichen Idee der Vollkommenheit, die, wie Fred Moten sagt, wie ein Völkermord ist.

Jenseits von Neurowissenschaft, Soziologie oder der Literatur untersucht Camille Henrot, wie das Leben aussieht, ohne Worte, im Bekenntnis der Unvollkommenheit, die sich intensiviert durch gegenseitige Abhängigkeit. Damit verfolgt sie den Anspruch, die Fürsorge dieses Lebens zu entkolonisieren, Mutterschaft zu entsakralisieren, Wut und Zärtlichkeit in dieser Care-Arbeit zu vereinigen. Cis-Männer können nämlich perfekte Mütter sein, auch wenn sie (noch) nicht die gleich hormonelle Stimulation durch das Stillen haben. Ein Kind, das nicht sprechen kann, annonciert mit seiner bloßen Existenz all die Unheimlichkeit und Traumata, die ein alternder Körper zu verbergen versucht.

 

 

Henrots Gouachen denunzieren, schließen sich an die internationale Unruhe im Angesicht der Klimakrise an, komponieren dabei die Vielschichtigkeit der ambivalenten, gewaltsamen Beziehung zwischen Brust und Mund, zwischen Fülle und Verschwendung, zwischen Fruchtbarkeit und Kompost, zwischen Haltung und Dekadenz, Exzess und Verhungern. Gier und Ablehnung in den Lippen, Angst vor dem Leben: Das Stillen verbreitet sich in dieser Serie wie das Ringen um einen Platz zum Ausruhen in der post-pandemischen Zeit. Dieser Platz ist für die meisten Menschen dieser Welt nicht zu Hause zu finden, denn wer fühlt sich heute sicher, zwischen vier Wänden, begraben in dem geistigen Druck, von außen, von innen.

Der süße Geschmack der Brustmilch verbirgt sich in Camille Henrots Zeichnungen hinter Erfahrungen von Schmerz, von Isolation, von der Maschinisierung des Körpers durch Brustpumpen und einem latenten, humorvollen Existentialismus, der zum Teil der Gärung der Milch wird. “Wet Job” ist eins der imponierenden (Selbst-)Porträts im zentralen Raum dieser Ausstellung. Wo die Brustpumpe mit zahlreichen Schichten von Farbflecken und Pinselstrichen zusammenkommt, schaut Henrot den Betrachter*innen ins Gesicht: Die Tabus des Bildes der Masturbation und des Bildes des stillenden Körpers sind Kausalitäten der irrationalen Demütigung der Fortpflanzung durch Kommodifizierung. Das Bild zeigt die Fetischisierung der eigenen Fortpflanzungsmöglichkeiten der Menschen, als das eigentliche Problem, gleichsam zu Brand geronnene Flüssigkeiten, und  nicht die Ambivalenz im Körper.

Es ist einfach noch kein Ende in Sicht für die Art und Weise, wie weibliche Rollen als kriminalisierte Pflegearbeit thematisiert werden, als ob dies nicht der Möglichkeit inhärent wäre, das Leben in dieser Welt zu atmen und zu erden. “Muttersprache” revidiert die ständige Brutalisierung der sozialen Existenz durch den Kapitalismus und plädiert für eine Pause im Erleben der Schönheit der Unvollständigkeit. Diese Einladung geht von Camilles ontologischen Fresken aus, die Videoarbeiten, satirische und cartoonesque Zeichnungen, Aquarelle und Bronzeskulpturen zusammenführen.


Ich finde es unglaublich, wie Camille Henrot mit dieser Sprachlosigkeit der frühkindlichen Beziehung zur Welt gleich zu einer ontologischen Untersuchung des gesellschaftlichen Seins gelangt. Ihre gedankliche Struktur öffnet sich über die Beziehung zwischen Mutter und Kind hinaus zu Metabolismen der Dinge und ihrer Eigenschaften als Kunstwerke und Nicht-Kunstwerke. In eben diesem Prozess sublimiert sich die Kreation von Kunst und Leben. Die Wirklichkeit durch die künstlerischen Arbeiten von Camille Henrot sind sowohl Zeugnis vom Alltag, als auch vom Fabelhaften. Namen von Kunstwerken werden zu Gedichten, die von basalen menschlichen Bedürfnissen an der Grenze zwischen Natürlichem und Künstlichem handeln. Brustpumpe und Hunger definieren Augenblicke, die sofort an existentiellen Fragen Anschluss finden, wie der nach der Diskontinuität des weiblichen Körpers und vom Rest der Welt, der Identität.

 

 

Eine riesige, ans Gesicht eines weinenden Kolibri angeschlossene Brustpumpe zeigt, wie wenig für Camille im Leben kontinuierlich ist, sondern vielmehr eine Juxtaposition zusammenhängender komplexer Kausalitäten. Die schwebende Matratze auf zwei Plastikstühlen, die faltige, müde Hülle ihres Körpers in Bronze, das Bett des Kuscheltiers, umgeben von Fresken von Urängsten, stoisch personifiziert. Mutterschaft zum Zentrum ihrer Arbeit zu machen, würde ihre Karriere ruinieren, haben einige gewarnt. So naiv wie es auch wirken möchte, wie direkt sie über Mutterschaft spricht und arbeitet, so ist dies doch der einzige Begriff, der sich kontinuierlich im Leben der Individuen transformiert. Und es ist genau dieses Kontinuum, in dem Camille durch eine Ansammlung zahlreicher Schöpfungsmythen weltberühmt wurde. Sioux, Navajo, Inuit, Shinto: In ihrem mit einem silbernen Löwen von Venedig preisgekrönten Video Grosse Fatigue fanden sich Erzählungen von der Schöpfung der Welt im Vergleich mit deren Wiedergabe auf einem Desktop. Mal kam Gott vor der Erschaffung der Erde, mal gab es nur Wasser, manchmal das Nichts. Wie der Glaube, das Zentrum der Grosse Fatigue, fügt “Mother Tongue an der Kestnergesellschaft primäre Emotionen mit existentiellen Themen zusammen.

Es gibt hier keine einzelne, eigene Geschichte, die nicht mit sozialen und physikalischen Gesetzen gemessen würde. Jede Zeichnung ist eine universelle Referenz einer Galaxie von Variationen der Geburt und des Todes, auf die Notwendigkeit, Dinge zu zerstören, Absurdes zu personifizieren, Natürliches zu animieren. Skulpturen verkörpern Oral History eher als die in Stein gemeißelten Regeln der Kunst. So wurde Camille zu einer der ersten Künstler*innen, die die unsichtbaren Archive der Museen als Material nutzen, um den Weg für ein abstraktes Unbehagen (damals in den 2010er Jahren) zu bahnen, das den kolonialen Blick der kulturellen Institutionen exorzieren kann. Die Stimme von Akwetey Orraca-Tetteh und die Musik von Joakim Bouaziz machten das möglich. Das Gedicht um Ursprungsgeschichten orchestrierte die Entblößung eines kulturellen Systems anhand der ethnologischen Sammlung des Smithsonian, eine Entblößung, deren Gegenstände sich in dieser Post-pandemischen Zeit weiter herauskristallisiert haben: Die Hauptmerkmale der westlichen Produktions- und Konsumformen basieren auf der Extraktion vom Leben der Dinge, der Pornifizierung der Arbeit (siehe Paul B. Preciado), ergo auf einer postfordistischen Biopolitik der Für- und Selbstsorge.

 

 

Grosse Fatigue bedeutet auf Französisch Depression, aber auch Ruhe, als Milderung des Todes. Begibt man* sich auf das Spannungsverhältnis zwischen den Bedürfnissen nach Bindung und Trennung in den ersten Tagen unserer Existenz, löst sich diese Apotheose des Stillens von dem heteronormativen Kitsch, der das Essen aus der Brust als Geisel der binären Beziehung in der Welt nimmt, um es zum Gesamtgewicht der planetarischen Schönheit zu verbreiten. 

 

Mother Tongue ist bis zum 8. August in der Kestnergesellschaft, Hannover.

Read the print version or this piece in the upcoming issue, FOOD EATS THE SOUL!