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DEGROWTH

Manifest einer Modefotografin.

  • Apr 12 2022
  • Anna Rosa Krau
    geboren im Ruhrgebiet. Ihr Studium führt sie von der Philosophie zur Fotografie, von Düsseldorf über Potsdam nach London zum LCP und Central Saint Martins. Sie ist eine explizit nachhaltige Modefotografin und Mitbegründerin des Lissome Magazines (climate.fashion.vision) und Kollektivs. Seit 2015 ist ihr Ansatz komplett auf regeneratives Arbeiten ausgerichtet. Sie produziert ausschließlich für nachhaltige Kunden. Ganzheitliche Kriterien wie Zero waste, plastikfrei, Co2reduktion und Vermeidung sind integraler Bestandteil ihres Arbeitsprozesses.

Ja, stimmt, der Titel klingt ein wenig seltsam. Als ob sich hier mal wieder jemand aus der Modebranche mit all ihrer perfekten Oberflächlichkeit in die Kunstgeschichte oder, noch schlimmer, in den politischen Widerstand einreihen möchte. Und ich kann Sie beruhigen, Ihre Intuition trügt Sie nicht. Genau dorthin zielt dieses Manifest. Denn die Fotografie ist historisch tatsächlich eng verbunden mit dem Kapitalismus. Ihre Geburtsstunde liegt in etwa zwischen Adam Smiths “Wealth of a Nation” und dem “Kommunistischen Manifest” von Marx und Engels. So ist es kaum verwunderlich, dass sie sich alsbald sehr erfolgreich in dessen Dienst stellte. Eine ganze Teilbranche, die Werbe- und Modefotografie, ist nicht denkbar ohne den Kapitalismus. Diese symbiotische Koexistenz, das stellt sich im ausgehenden fossilen Zeitalter heraus, ist lange nicht so harmlos, wie sie zunächst daherkommt: bunt, fröhlich, unterhaltsam, schier unerschöpflich in der Art, wie sie Träume erzeugen und projizieren kann. Von Kindesbeinen an wissen wir aber, dass zum Träumen immer auch der Albtraum gehört.

So beschreibt Susan Sontag in ihrem Buch “On Photography“ die kapitalistische Gesellschaft als eine Schicksalsgemeinschaft, deren Kultur maßgeblich auf Bildern gründet. Diese Bilder, so stellt sie fest, sind erforderlich, um permanent zu unterhalten, das Kaufverhalten positiv zu beeinflussen und zu stimulieren. Vor allem aber, um von den eigentlichen Wunden, wie sozialer Ungerechtigkeit, unüberwindbarer Klassenzugehörigkeit, sexueller wie rassistischer Diskriminierung, Ausgrenzung und politischer Unterdrückung abzulenken. Es müssten ständig Informationen generiert werden, um neue Wege zu schaffen, die planetare Ausbeutung zu optimieren, um die allgemeine Produktivität zu erhöhen, um die Ordnung wiederherzustellen, um Kriege vom Zaun zu brechen und um die Bürokratie mit Arbeit zu versorgen. Kameras definierten die Wirklichkeit hierbei auf zweierlei Art und Weise: als Spektakel für die Massen und als Herrschaftsinstrument ihrer Führer. So wird, schlussfolgert sie, echter sozialer Wandel ganz einfach durch einen Wechsel in der Bildsprache ersetzt.

Und genau das erleben wir gerade in Form des sogenannten Greenwashing in nahezu jedem Bereich der konsum-basierten Medien. Aber wie kommt es überhaupt zum Greenwashing und was macht uns alle zu diesen willigen, abhängigen Komplizen im System Mode?


Fashion! Klingt doch harmlos und spielerisch. Natürlich ist das System Mode weniger naiv, als wir es gern erscheinen lassen. Wenn man Mode liebt, tut die Wahrheit weh. Und ich liebe die Mode trotz all ihrer komplizierten Verdrehtheit noch immer. Natürlich wasche ich meine Hände selbst kaum in Unschuld. Dafür bin ich viel zu lange dabei. Gerade weil aber alles so harmlos wirkt, wie ein Spiel, ist es auch so erfolgreich. Die Mode (wohlgemerkt nicht das ursprüngliche Handwerk der Bekleidung) ist im Grunde nichts anderes, als ein sozio-ökonomisches Konstrukt zur Machterhaltung. Es ist ein sehr effektives System, um Macht auszuüben, und ein perfektes Werkzeug, um Konsumenten begeistert im kontinuierlichen Kreislauf des Konsums voll abhängig bei der Kleiderstange zu halten. Wenn etwas aus der Mode kommt, muss es durch etwas Modisches ersetzt werden und zwar lange, bevor es kaputt geht. Es ist sozusagen systemimmanent, dass die Mode mit Hierarchien operiert und sie festigt. Ein Selbsterhaltungs-Mechanismus. Alle Systeme, die hier am Werk sind, kennen wir gut, wir verabscheue sie, stecken trotzdem mittendrin und machen uns dennoch nur zu gerne zu ihren Erfüllungsgehilfen. Do’s und Dont’s, „Ins und Outs, Inklusion und Exklusion, Willkür und Gruppendynamik lösen in uns Urängste von gesellschaftlicher Stigmatisierung, Fremdheit und Ausgrenzung aus – die wir mit Konsum zu überwinden hoffen. Wer möchte schon unMODErn sein.

Die gute Nachricht ist: Wir haben das System konstruiert, also können wir es auch dekonstruieren. Die schlechte: Es wird schwer und brutal – und das bedeutet nicht mal seinen unausweichlichen Tod. Wir können vielleicht Teile erhalten und modifizieren, wieder andere können vielleicht auch recycelt werden. Aber eine Sache ist sicher: dass es sich nicht wieder einfach nur verkleiden kann, um ein Comeback in ein bisschen „grüner“ zu feiern. Der Wandel muss umfassend sein. Die Mode muss von der Hülle an ihr Futter vordringen, an tiefere, essentiellere Schichten, an ihren eigenen Kern. Es muss alles auf den Tisch und das kann nichts anderes sein als das Herz des Systems, dem sie huldigt – der Kapitalismus. Auf einem Planeten, auf dem es bald um weit dringenderes geht als nur um die Verpackung. Nämlich um die Versorgung der Menschheit mit ausreichend Nahrungsmitteln, um das Überleben des gesamten Planeten und somit natürlich auch unser eigenes. Das ist die unbequeme Wahrheit, die hier bitte niemand formulieren sollte. Aber genau darum geht es doch. Es geht eben schon lange nicht mehr nur um unsere Kleidung, es geht um Wassermangel und endliche Nahrungskreisläufe. In einem vor kurzem erschienenen Bericht kommt die UN zum Schluss, dass wir durch die Atrophie und Minderwertigkeit unserer ausgelaugten Böden weltweit nur noch mit etwa 50 bis 60 Erntezyklen rechnen können. Also maximal 50-60 Jahre. Das entspricht nicht mal einer Generation! Das betrifft unsere Nahrung genauso wie Rohstoffe textiler Fasern wie Baumwolle, Leinen und Viskose. Diese Dringlichkeit ist erschreckend.
Aber die Notwendigkeit, der schmerzhaften Wahrheit mutig ins Auge zu schauen und deshalb entschlossenen Schrittes voran in eine veränderte Zukunft zu gehen, hatte der Club of Rome schon 1972 in seinem Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ sehr deutlich aufgezeigt. Eine Studie, die übrigens faszinierender Weise aus Mitteln der Volkswagenstiftung finanziert wurde.
Sie ist nur ein Beispiel dafür, wie Konzerne in der Geschichte des Kapitalismus durchaus positiv und mit viel Weitsicht agieren können. Damals war es schwer vorstellbar, dass derselbe Konzern Jahrzehnte später Geschichte schreiben sollte mit der Verschleierung von Emissionen und die Klimaziele mit seiner Abschalttechnologie durchtrieben und heimlich umging. Seit dem Bericht über die Grenzen des Wachstums von vor 50 Jahren ist viel Zeit ins Land gegangen. Der Klimawandel aber ist ungebremst, ja, sogar beschleunigt, vorangeschritten. Durch ihn stellt sich Schritt für Schritt eine neue, teils unumkehrbare Realität ein. Das beginnende Ende einzelner Branchen, wie wir sie kennen, bedeutet aber noch nicht das Ende von allem. Es ist eher ein Wandel, in dem sich natürlich zwangsläufig andere Bereiche und Felder auftun werden, in denen wir ohne Frage weiter von großem Nutzen sein können. Sofern wir gewillt sind, ALLES in die Waagschale zu werfen. Bevor wir wieder anfangen zu zögern oder gleich alles auseinander zu nehmen, sollten wir positive Leitbilder kreieren. Sonst überrascht uns der Wandel (klimatisch, gesellschaftlich, ökonomisch) mit einem großen nihilistischen Spektakel. Dem kann man nur mit radikaler Hoffnung entgegentreten. Also braucht es eine Satzung, einen Fragenkatalog, einen Leitfaden, eine Absichtserklärung, ein Manifest.

Das Faszinierende daran ist: Wenn man einen solchen Gedanken fasst, ihn dreht und wendet, ihn schließlich begreift und festhalten will, dann ist der Weg zum Manifest eigentlich schon gemacht. Denn “Manifest” bedeutet genau das: etwas greifbar machen. Sich festlegen. Wirklich festhalten kann dabei eigentlich nur die Hand. „Manus“, Lateinisch für “Hand”, beschreibt die Natur eines solchen Schriftstücks sehr treffend. Die Gedanken formen und verfestigen sich im Gehirn. Die Hand macht sie begreifbar, also tatsächlich physisch erfahrbar, und ermöglicht es so, sie festzuhalten. Ein Großteil unserer kognitiven Leistung wird durch den manuellen Gebrauch der Hand und durch ihr Gestikulieren entwickelt – das Denken und das HANDeln sind also eng miteinander verknüpft. Ohne sie würden wir gerade die emotionalen Anteile unserer Gedanken kaum verarbeiten können. Die Sprache unserer Innenwelt ist eine aktive. Und das wiederum trifft auf alle Sprachen der Welt zu. Die Gedanken zu den natürlichen Wachstumsgrenzen des Kapitals wollen folglich zunächst mental begriffen und dann manifestiert werden – das wiederum bringt uns zum Aktivismus. Für jemanden wie mich, die es sich seit ein paar Jahren zur Aufgabe gemacht hat, die Zerrissenheit und das Versagen unserer Branche in der eigenen Arbeit zu thematisieren – mit eigenen strengeren Maßstäben von innen heraus Überzeugungsarbeit zu leisten und neue Wege aufzuzeigen – gehört das Aktivwerden zum Handwerk. Aber sich zu exponieren mit einer nicht mehrheitsfähigen Meinung ist eben immer auch ein hohes Risiko. Man könnte nicht mehr gebucht werden und auf dem Abstellgleis landen – an einem Ort also, an dem Aktivismus herzlich wenig ausrichten kann. Andererseits: Wer den Weg des Aktivismus beschreitet, der fühlt sich ohnehin der Wahrheit verpflichtet und nicht der Angst.


Es ist also nicht nur ein Festhalten von Gedanken. In der Öffentlichkeit wird ein Manifest eher zu einer Art Selbstverpflichtung. Das ist auch das Interessante an dieser politischen Kunstform. Man geht ein Commitment ein; das unterscheidet das Manifestieren vom kritischen Denken. Es ist auch etwas anderes, als ein Manifest zu lesen oder zuzuhören, wie darüber gesprochen wird. Man verpflichtet sich und exponiert sich mit seinem Versprechen. Auch wenn Manifeste oft hoch gegriffen sind und meist schwer einzuhalten, so sind sie doch die Messlatte, an der sich alles Tun und Handeln orientieren sollte. Man beginnt also, die eigene Realität daran auszurichten und überprüft ab diesem Zeitpunkt alles Handeln anhand dieser Vorsätze. Daraus kann eine ganz eigene Dynamik erwachsen. Eine Kraft, die mich beflügeln und andere mitreißen soll. Aber es ist auch dieselbe Messlatte, an der sich all mein zukünftiges Handeln messen lassen muss. Wenn ich produziere, arbeite ich schon sehr lange mit dieser Art von nachhaltigen Einschränkungen. Ich sage regelmäßig Jobs ab, bei denen mir Firmen zu wenig nachvollziehbare nachhaltige Ansätze haben oder bei denen ich ein hohes Maß an Doppelmoral und Greenwashing ausmache. Aber weil es mir selbst zu unfrei vorgekommen wäre, habe ich meine Grundsätze noch nie in einem Regelwerk zusammengefasst. Allerdings bin ich auch ein großer Fan davon, mit gutem Beispiel andere zu motivieren. In diesem Sinne verstehe ich das Manifest: als eine Selbstverantwortung, bei der man mich auch in die Verantwortung nehmen kann. Natürlich nicht auf der juristischen Ebene, aber auf der sozialen. Von der wir durch Instagram, Twitter, Facebook und Co. wissen, wie groß dort der Druck werden kann. Eine noch übersteigertere Form hiervon kennen wir aus autoritären Staaten wie China. Dort ist das Social Scoring eine unmenschliche staatliche Erziehungsmaschine. Diese Form von Kontrolle geht natürlich viel zu weit und verbietet sich in einer westlichen Demokratie. Ich denke eher an eine gelebte Vorbildfunktion. In ihr liegt auch eine große Chance, Verantwortung zu übernehmen und mit ihr den ersten Schritt auf einem Weg zu beschreiten, den andere im besten Falle mitgehen wollen. Das Gegenteil von Druck also: eine Art Sog, der eine mitreißende Wirkung entfaltet. Diesen Sog kennen wir aus der Mode nur zu gut. Wenn er keine Tiefe und keinen Inhalt hat, entwickelt er sich nur an der Oberfläche. Kann er aber wirkliche Kraft entfalten, so entwickelt er eine Art soziale Klebe und es wird ein solides Phänomen. In Anbetracht unserer Lage ist das alles, was wir erhoffen können. Deshalb wird sich auch die Mode fragen müssen, ob das Schreckgespenst „Degrowth“ zu einem neuen authentischeren Aufbruch in eine regenerative Zukunft nicht unweigerlich dazu gehört. „Less is more“ und „Less is beautiful“ werden wohl die unausweichlichen Trends der Zukunft sein. Wer das nicht begriffen hat, klammert sich ängstlich an ein System, das nicht stirbt, weil es keinen Erfolg gehabt hätte, sondern gerade weil es so erfolgreich war. Dieser Erfolg bemisst sich in der Absolutheit toter Materie, dem Gegenteil aller regenerativen Lebendigkeit.

Wenn wir es ernst meinen mit dem sinnvollen Wandel, brauchen wir definitiv etwas anderes als eine neue grüne Umverpackung. Von leeren Verpackungen haben wir mehr als genug. Und zwar so viele, dass dieser Tage erneut eine planetare Grenze unumkehrbar überschritten wurde, die fünfte von neun: Die Gesamtmasse des Plastiks auf der Erde überwiegt seitdem die komplette Masse allen Lebens auf unserem Planeten. Wir sollten also sofort auf jegliche Form von Plastik verzichten. Denn das basiert immer auf Erdöl und somit auf unwiederbringlicher fossiler Verschmutzung. Plastik ist bequem, keine Frage; manche würden sogar sagen, es sei alternativlos. Der Haken: Es lässt sich nur downcyceln, nicht recyceln, wie gern behauptet wird [1]. Es lässt sich auch nicht ungiftig upcyceln. Und es verschwindet nicht. Plastik löst sich nicht auf, es zerfällt über Jahrhunderte zu immer kleineren Partikeln, dem Mikroplastik. Man kann es am Strand sammeln oder im eigenen Kiez, aber es kommt über die Abfallwirtschaft und den natürlichen Kreislauf immer wieder an derselben Stelle an. Auch die Bekleidungsindustrie recycelt nur PET-Flaschen, nicht aber textiles Plastik – und damit weniger als ein Prozent der vorhandenen Menge. Mittlerweile haben aber mehr als 80 Prozent unserer Textilien einen Plastikanteil. Dazu kommt, dass sich diese Mischfasern nur selten aufwendig und ausschliesslich chemisch separieren lassen. Auch hier können wir wieder nur downcyceln zu minderwertigem Plastik, das kaum mehr Verwendung in der Bekleidungsindustrie findet. Ganz zu schweigen von den giftigen Wolken, in die gehüllt wir täglich durch die Straßen spazieren.


Plastik ist bequem, aber alles andere als gemütlich. Denn es vermüllt am Ende unseren Planeten und unser klares Denken. Die Verpackungsflut, die Überproduktion von Konsumgütern jeglicher Art ist so gigantisch, dass sie längst begonnen hat, alles Leben auf der Erde in atmungsinaktivem Plastik zu ersticken. Schluss jetzt mit diesem unsäglichen Müll, sei er geistig oder aus Plastik. Wir brauchen Systeme, die radikaler sind, die andere bewegen.
Ich sage, in global verständlichem Buzzword-Sprech:

Radical MODEsty!

LESS IS MORE
15 Steps into meaningful Degrowth in Fashion

1. Save water drastically, reuse wastewater
2. Save energy, where possible use renewables
3. Learn how to choose compostable & biodegradable
4. Stop using plastic, choosenatural materials in regenerative quantities
5. Honesty, transparency & humbleness / Greenwashing is no option
6. Keep it small & local
7. Support only regenerative practice
8. Reciprocity / enable well-being in others / nurture
9. Diversify / decolonize / be inclusive / ease pressure on global South
& activly support indigenous knowledge
10. Call out injustices, unhealthy hierarchies & toxic self-perpetuating
loops of power
11. Co-create with humans & nature
12. Share (goods & knowledge) / eradicate competition
13. Slow down
14. Question your own progress & motivations be curious & open at
all costs / listen & learn (always!)
15. Abolish Fast Fashion.


SUSTAINABILITY IS NEVER PERFECT
...
NEVER DONE!

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