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HABEN UND SEIN: VOM LEBEN IN SOZIALER UNGLEICHHEIT

Aus dem neu erschienenen Buch “Wir nennen es Familie - Neue Ideen für ein Leben mit Kindern”

Für die meisten Paare mit Kinderwunsch ist es naheliegend, zusammenzuziehen – naturgemäß in eine größere und damit teurere gemeinsame Wohnung. Genau das nicht zu tun, sei vielleicht »nicht die mutigste, günstigste und romantischste Lösung, aber vielleicht ja die am wenigsten nervenaufreibende«, schreibt die teilalleinerziehende Mutter Rilana Kubassa, die mit ihrem Kind in einer Einzimmerwohnung lebt. (1)

Die Statistik bestätigt ihren Befund: Für Berlin stellt der Wohnraumbedarfsbericht von 2019 zum Beispiel heraus, dass für Menschen mit einem Nettoeinkommen unter dem ermittelten Durchschnitt von 2025 Euro in der Stadt längst nicht genügend Wohnungen zur Verfügung stehen. Insgesamt fehlten mehr als 105.000 bezahlbare kleine Wohnungen für eine Person oder eine Person mit Kind. Paare mit durchschnittlichem Einkommen haben es laut des Berichts ungleich leichter, Wohnraum zu finden. 

 

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In der Stadt ist eine Wohnsituation für Familien, die nicht im Standardmodell Kleinfamilie zusammenleben wollen, derzeit eher nicht zu haben, wenn sie nicht sogar ganz und gar utopisch ist. Die funktionelle Wohnungsnorm, die vor etwa 100 Jahren nicht zufällig zum selben Zeitpunkt wie die Kleinfamilie entstand, lautet: drei Zimmer, Küche, Bad. Vater, Mutter, Kind. Noch die Anordnung der Steckdosen in einem Altbauzimmer kann darauf verweisen, wo die Architekten das Ehebett mit den zwei Nachtischchen vorgesehen hatten.

»Staatliche Wohnungsbaugesellschaften, Immobilienentwickler und Bauträger fragen viel zu selten, für wen sie ei- gentlich bauen«, so der Architekturkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Niklas Maak. »Sie ignorieren das Phänomen einer alternden Gesellschaft, die nicht mehr über die gleichen räumlichen und finanziellen Ressourcen verfügt wie frühere Generationen und die sich schon aus ökonomischen Zwängen heraus einschränken muss – und sie ignorieren die Entwicklung zu einer Gesellschaft, in der die klassische Familie nicht mehr die Mehrheit stellt.«

»Drei Monate beträgt die gesetzliche Kündigungsfrist. Ende des Jahres müssen wir hier raus«, heißt es in Anke Stellings Roman »Schäfchen im Trockenen«, der von einer inzwischen in vielen Städten wohlbekannten Geschichte handelt. Die Erzählerin Resi und ihr Mann, »zwei brotlose Künstler mit vier Kindern«, bekommen einen Brief. Der setzt sie davon in Kenntnis, dass ihnen die Wohnung gekündigt wurde, die sie als Untermieter von Frank bewohnen, einem alten Freund Resis.

Der Titel des Buches, »Schäfchen im Trockenen«, bezieht sich auf eine der Phrasen, die Resi in ihrem Freundeskreis zu hören bekommt. Dieser besteht aus Familien, die, anders als Resi und ihre Brut, alle zusammen in einem Baugruppenhaus wohnen. »Nichts währt ewig«, heißt es dort, oder »Kinder kosten Geld«. »Der Mensch ist des Menschen Wolf.« Und eben: »Man muss seine Schäfchen ins Trockene bringen.« Das, stellt Resi fest, bedeute nicht etwa, »mit dem Schäferhund befreundet zu sein. Sondern den Stall und das Land zu besitzen.« (2)

Die Geburt der Kinder und der darauffolgende Hausbau hat einen entscheidenden Unterschied zwischen den Freunden zutage treten lassen: Die einen haben Privilegien, die anderen nicht. Die einen haben einen Stammbaum, der in Leder gebunden in der Vitrine des Elternhauses steht, die anderen waren die Ersten in ihrer Familie, die Abitur machten. Die einen haben Eigentumswohnungen, die anderen bekommen die Kündigung für die Mietwohnung. Die einen erben, die anderen nicht.

Nino Memanishvili 2020

Derzeit wird in Deutschland ein gewaltiger Vermögenstransfer vorgenommen. Laut einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Altersvorsorge von 2015 vererbt die BRD-Nachkriegsgeneration im laufenden Zehnjahreszeitraum bis 2024 ganze 3,1 Billionen Euro – mehr als ein Drittel des Nettovermögens aller Privathaushalte. Etwa zwei Drittel davon, also 2,1 Billionen Euro, gehen dabei von der Elterngeneration auf die Kinder über, 205 Milliarden Euro im Jahr. (3) Das sind 57 Milliarden Euro mehr, als die gesamten öffentlichen Bildungsausgaben im Jahr 2019 betrugen. Kaum ein anderes Land verfügt über ein solches Erbvolumen.

Die Eltern, die dieses Vermögen weiterreichen, gehören meist der Generation an, die ihre Berufskarrieren im bundesrepublikanischen Wirtschaftswunderwachstum begann, in sicheren Jobs mit Aussicht auf gute Rente arbeitete und in den 1960er- und 70er-Jahren Wohnungen und Häuser kaufte, die seitdem im Wert gestiegen sind. Diese Immobilien vermachen sie heute zusammen mit Geldvermögen ihren Kindern, deren Erwerbsleben vom Umbau des Sozialstaates, stagnierenden oder sinkenden Löhnen und dem Gebot privater Altersvorsorge geprägt ist. (4)

Was den Wert dieser Vererbungen angeht, gibt es laut der Untersuchung eine eindeutige, die Ungleichheit verstärkende Tendenz, die als »die Gretchenfrage« in Sachen Vererbung bezeichnet wird: ob dabei Immobilien im Spiel seien oder nicht. Ein Nachlass enthalte nicht entweder hohe Geld- oder Immobilienvermögen. Viel eher sei es so, dass, wenn schon Immobilien vorhanden seien, das auch mit hohem Geldvermögen einhergehe. »Das A und O für die Höhe der Hinterlassenschaft besteht also in der Frage, ob eine Immobilie vererbt wird oder nicht.« (5) Das sei etwa in fast der Hälfte der Fälle so.

Wenn Resi auf die herrschende Ungleichheit aufmerksam macht, die zwischen ihr und ihren Freunden herrscht, erntet sie ein achselzuckendes »Selbst schuld«. Sie hätte ja besser studieren, einen anderen Job anstreben, wen anders heiraten und weniger Kinder bekommen können.

 

Johan Nieuwenhuize 2020

Das Argument, man sei selbst schuld, ein Geringverdiener zu sein, ist insofern perfide, weil hinlänglich bekannt ist, dass Einkommen und Vermögen höchst ungleich verteilt sind – mit einer Tendenz zur Verschärfung der Unterschiede. Außer man geht davon aus, dass der Chef der Deutschen Bank mit sieben Millionen Euro Jahresgehalt 200-mal härter arbeitet als, sagen wir, eine Krankenschwester auf der Intensivstation. (6)

Und »selbst schuld« kann auch kaum gelten für die, deren Eltern und Großeltern in der DDR gelebt und gearbeitet haben und somit kaum Wohneigentum erwerben konnten. Wenn sie es doch taten, dann ist es heute durch den geringeren Verkehrswert in diesen Regionen weniger wert als vergleichbare Immobilien im Westen Deutschlands. So konzentrierten sich zwar 22 Prozent aller Erbfälle auf die neuen Länder, aber nur acht Prozent des vererbten Immobilienvermögens. In Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen- Anhalt und Sachsen wird pro Erbe nicht einmal halb so viel vermacht wie im bundesdeutschen Durchschnitt, während die Höhe eines vererbten Vermögens in Bayern ganze 46 Prozent höher liegt, als dieser Durchschnitt beträgt. Ein Fazit der Untersuchung: »Hohe Erbschaften fließen eher denjenigen Erben zu, die bereits eigene Vermögen besitzen.« (7) Hinzu kommt, dass ärmere Elternhäuser tendenziell auch kinderreicher sind. Und je kinderreicher die Familie, desto geringer die Erbschaft pro Kind. Zusammenfassend lässt sich etwas vereinfacht sagen: Westdeutsche Akademiker erben größere Summen, Ostdeutsche, kleine Angestellte, Arbeiter und andere Geringverdiener erben und vererben wenig bis nichts.

Das hat weitreichende Folgen. »Die Ideologie, dass man Eigentum bilden soll, ist noch immer vorherrschend«, sagt die Stuttgarter Wohnsoziologin Christine Hannemann in der FAZ. »Doch allein mit redlicher Arbeit schafft man das selbst als Besserverdiener heute nicht mehr. Immer mehr Menschen fühlen sich abgehängt, regelrecht verschaukelt, weil sie das Gefühl haben, nicht mithalten zu können, egal, wie viel sie strampeln.« Der Frust, der durch diesen Eindruck des Abgehängtseins entsteht, reiche bis tief in die bürgerliche Mitte der Gesellschaft und sei dramatisch. Demokratiegefährdend sogar. Der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty hat gezeigt, dass das Privatvermögen in den meisten Industrieländern des Westens seit Jahrzehnten wesentlich stärker steigt als die Löhne und Gehälter. (8) So werden Gräben gerissen, das gesellschaftliche Fundament bröckelt. Das Geld der Alten entscheidet über das finanzielle Glück der Jungen – oder ihr Unglück.

Die Autorin Julia Friedrichs beschreibt das Leben von Erben als eines »von Gnaden der Vorgängergeneration« (9) , und das ist nicht immer glücklich. Auch vielen Erben selbst ist klar, dass sie ihren Wohlstand nicht ihrer eigenen Anstrengung verdanken, häufig finden sie aber keinen scham- und schuldfreien Umgang mit dem Geld, das ihnen die Eltern zu Lebzeiten vererben oder das auf einem Konto, in einem Aktiendepot oder in Form von Immobilien auf sie wartet.

»Keiner wollte sich mehr schämen müssen angesichts ungerechter Verteilung«, so Resi über ihren Freundeskreis, »aber ohne Um- und Neuverteilung blieb nur der Ausweg, das Augenmerk auf die Idee der Schicksalsschmiede, des persönlichen Versagens und ungeschickter Einzelentscheidungen zu lenken.« (10) So entsteht bei den Habenichtsen Neid und Missgunst – oder ihnen wird beides von den Erben unterstellt. Wahlweise wird auch mit einer angeblichen »Opfermentalität« argumentiert.

 

Gloria Oyarzabal 2020

Häufig kommt es auch einfach nur zu Situationen wie dieser: Ein Bekannter mit überschaubarer Arbeitszeit und ebenso überschaubarer künstlerischer Produktion sucht per Gruppenmail eine Wohnung in Frankfurt, »Kaufpreis bis eine Million Euro«. Die Mail geht auch an diejenigen im Freundeskreis, die mit mehreren Kindern in einer genauso engen wie überteuerten Mietwohnung sitzen. Selbst schuld.

Julia Friedrichs entwirft das Bild einer zufriedenen, gesättigten und antriebslosen Erbengeneration. Ihrer Gesellschaftsanalyse stellt sie eine Songzeile des Musikers Rainald Grebe voran: »Wir werden ihre Häuser erben, aber keine neuen bauen.«

Warum also wird nicht gerechter verteilt? In Deutschland werden Arbeit und Konsum relativ hoch besteuert. Diejenigen, die arbeiten und dieses Geld dann in den Geschäften wieder ausgeben, bezahlen also für die Gemeinschaft. Jede Kartoffel kostet 19 Prozent, jedes Buch sieben Prozent Mehrwertsteuer. Diejenigen, die ihr ebenfalls erarbeitetes, immer häufiger aber ihr bereits selbst geerbtes Geld an ihre Kinder weitervererben, zahlen fast nichts. Pro Kind gewährt der Staat 400 000 Euro steuerfrei, erst bei höheren Summen verlangt er einen Anteil. Der Spitzensteuersatz von 30 Prozent wird erst bei einer Erbsumme in Höhe von 26 Millionen Euro fällig. (11) Im Durchschnitt werden lediglich 2,8 Prozent der Vererbungssumme an Steuern abgeführt, das liegt an den hohen Freibeträgen und weil Eltern ihren Kindern schon zu Lebzeiten Vermögen schenken, es also »mit warmer Hand« vererben. Das geschieht dann absolut steuerfrei. Das jährliche Erbschaftssteueraufkommen trägt damit etwa ein Prozent zum gesamten Steueraufkommen von Bund, Ländern und Gemeinden bei. Gemessen am gesamten Geldvermögen aller privaten Haushalte entspricht es seit Jahrzehnten etwa einem Promille: 0,7 Milliarden Euro im Jahr 1983, 1,6 Milliarden Euro im Jahr 1993 und 4,2 Milliarden Euro im Jahr 2013. (12)

Das derzeitige deutsche Erbrecht stammt aus dem späten 19. Jahrhundert und hat sich seitdem kaum verändert. »Es hat seinen Ausgangspunkt in traditionellen Familienstrukturen«, so der Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, Jens Beckert, das heißt, es setzt vor allem auf die Ehe und die »blutsverwandte Sippe«. (13) Und die ist, wie bereits erwähnt, ein Ergebnis der Erbschaftsinteressen der Kirche, die mit dem Verbot der Verwandtenehe dafür gesorgt hat, dass Verfahrensweisen wie Adoption, Polygynie, Scheidung und Wiederheirat nicht länger für Erben sorgten. Bis heute bevorzugt dieses Erbrecht Nichten und Neffen vor dem langjährigen Partner oder der langjährigen Partnerin eines Menschen. Auch hier liegt ein Grund dafür, warum die »Ehe für alle« so ein Gewinn für Schwule und Lesben war.

Weil heute der Großteil der Wähler bereits Rentner sind und viele junge Wähler, also die Kinder dieser Rentner, ebenso wenig Interesse daran haben, etwas an der bestehenden Gesetzeslage zu verändern, bleibt einstweilen alles, wie es ist. Auch die eingangs zitierte Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge kommt, nachdem das Dilemma ausführlich dargestellt, die bestehende Erbschaftssteuer mit ihren Schlupflöchern als ungerecht bezeichnet und auf der Suche nach der optimalen Erbschaftssteuer eine Art Flatrate diskutiert wurde, zu einem äußerst mutlosen Schluss: »Der Status quo des deutschen Erbschaftssteuerrechts dürfte dem Gerechtigkeitsempfinden der hiesigen Steuerzahler vermutlich eher entsprechen als eine flat rate Lösung.« (14) Vermutlich, vielleicht aber auch nicht. Kommt wohl darauf an, wen man fragt. Die Einkommenssteuer wird im Übrigen auch von vielen als ungerecht empfunden. Gezahlt wird sie trotzdem.

Der Politikwissenschaftler, Soziologe und Philosoph Christian Neuhäuser fordert dagegen einen Spitzensteuersatz auf Einkommen, Vermögen und Erbschaften von bis zu 100 Prozent und damit eine Obergrenze für Reichtum – im Sinne der Gerechtigkeit, die derzeit »als zentraler Wert sozial negiert« sei. »Die Wahrheit ist, die Reichen haben ihren Reichtum nie verdient. Denn er geht nie nur auf eigene Leistung, sondern immer auch auf unverdiente Talente oder bloßes Glück – wie Erbschaften, Beziehungen – zurück.« Ein hoher Spitzensteuersatz könne, statt die wirtschaftliche Leistung zu senken, sie sogar steigern. Denn wenn das soziale Ungleichgewicht abnehme, erhöhe sich die Bereitschaft, sich für soziale und globale Belange wie die Armutsbekämpfung und den Umweltschutz einzusetzen. (15)

 

Adebisi Sulaimon 2020

Doch einstweilen bleibt alles, wie es ist: Manche werden reich, indem sie beim Notar ein Papier unterschreiben, die anderen strampeln sich ab und kommen häufig trotz guter Abschlüsse und aufreibender Jobs nicht vom Fleck. Ihren Kindern wird es aller Voraussicht nach genauso gehen.

Denn die Lebenssituation von Kindern ist in Deutschland stark von ihrer sozialen Herkunft geprägt. Je gebildeter und wohlhabender die Eltern, desto gesünder ihre Kinder, je höher der Bildungsstand der Eltern, desto besser die Bildungschancen ihrer Kinder. Nur sieben Prozent der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten wachsen bei Eltern auf, die einen Hauptschulabschluss besitzen, und nur zwei Prozent bei Eltern ohne allgemeinbildenden Abschluss. (16)

Die Folge all dessen nennt Jens Beckert die »Entsolidarisierung« der Wohlhabenden. Auf die soziale Ungleichheit reagiere die obere Mittelschicht mit der Vererbung von Ver- mögen an den eigenen Nachwuchs, im Versuch, ihn vor dem unvorhersehbaren Markt zu schützen. Ein Abschied aus der Solidargemeinschaft. (17) Wer dagegen nichts erbt, bekommt vielleicht besser gleich gar keine Kinder.

Aber bleiben wir noch ein wenig bei den Immobilien. Neben allem anderen, was Elternschaft oft so unerbittlich macht, spielt auch der Städtebau keine ruhmreiche Rolle. »Städte haben im Grunde ihre Kinder verkauft, indem sie sie gegen Kapital eingetauscht haben«, bringt es der Autor Derek Thompson auf den Punkt. Während Städte einst Familien aller sozioökonomischen Klassen einen Raum boten, seien sie heute mitunter Unterhaltungsmaschinen für die jungen, reichen und meist Kinderlosen. (18)  Auch damit kann es zu tun haben, dass in Deutschland ein Großteil der Ehen heute kinderlos bleibt. Die Zahl der Kinder ist in den vergangenen 20 Jahren um 14 Prozent gesunken, sie machen heute nur noch einen Anteil von 16 Prozent der Bevölkerung aus – mit weiter abnehmender Tendenz. (19)

Natürlich bestimmt die Frage, wie familienfreundlich ein Wohnort organisiert ist und ob Kinder überhaupt erwünscht sind, eine Rolle im Familienleben. Wie viel Geld bei Stadt- wie Landbewohnern vorhanden ist, bestimmt mit darüber, wann und unter welchen Umständen jemand eine Familie gründet und wie viele Kinder dann dazugehören. Die Frage, die auch in meinem Freundeskreis immer wieder auftaucht, lautet: Wie können die sich das (das dritte Kind, die Eigentumswohnung bzw. das Haus, manchmal beides) leisten? Auch hier lautet die Antwort so gut wie immer: dank der Eltern.

Dasselbe gilt für Trennungen. »Paare mit einem ökonomisch schwachen Hintergrund trennen sich trotz desolater oder gar kaputter Beziehung häufig nicht mehr, da sie zu Recht befürchten, dass eine Trennung zum finanziellen Ruin der Familie führen würde«, so die Familientherapeuten Ochs und Orban. (20)  Oder sie trennen sich, bleiben aber zusammen wohnen. In meinem Bekanntenkreis gibt es drei solcher Fälle: Derjenige Elternteil, der beschlossen hat, auszuziehen, findet schlicht keine bezahlbare Wohnung, die eine gleichberechtigte Betreuung der gemeinsamen Kinder ermöglichen würde. Oft bleibt nur der Rückzug zu den eigenen Eltern, manchmal Hunderte Kilometer weit entfernt vom anderen Elternteil. So hält der Wohnungsmarkt zusammen, was nicht mehr zusammen sein will, es entstehen unfreiwillige Co-Parenting-WGs. Man könnte auch sagen: Zwangsgemeinschaften.

Im Bundesdurchschnitt stehen jeder Bewohnerin Deutschlands 46,7 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. (21) Gleichzeitig werden 40 Prozent der etwa 40 Millionen Haushalte in Deutschland von einer einzelnen Person bewohnt. (22) Viele davon sind ältere Menschen, denen ihre geräumigen ehemaligen Familienwohnungen längst viel zu groß geworden sind, die aber an ihnen festhalten, weil eine passendere Single-Wohnung in vergleichbarer Lage ihre finanziellen Mittel übersteigen würde.

Anke Stellings »Schäfchen im Trockenen« endet mit einem Kapitel, das mit »Opfer« überschrieben ist. Die Familie wird wohl an den Stadtrand ziehen, irgendwo weit jenseits des S-Bahn-Rings, in einen Außenbezirk, in eine Wohnung mit niedrigen Decken. »Es ist okay«, heißt es. »Vielen wird es im Verlauf der nächsten Jahre genauso gehen.« Dabei hatte der von Stelling beschriebene Freundeskreis mal diese Idee vom gemeinsamen Leben, Wohnen und Arbeiten, die irgendwann nicht mehr weiterverfolgt wurden, »das war irgendwie zu schwierig. Also wurden wir der Reihe nach schwanger, zogen paarweise zusammen, sträubten uns vielleicht noch ein bisschen, blieben noch ein paar Monate in der WG oder allein, bis die Logistik dann doch zu kompliziert wurde, das Widerstreben albern, die alten Pläne eingerollt – was gar nicht ging, dazu waren sie längst nicht konkret genug gewesen, es gab keine Vorbilder.« (23)

 

ChristianMamoun Projetcheztoi

Nur allmählich »wächst die Einsicht, dass man das Wohnen auch jenseits aneinander gepappter Kleinfamilienzellen organisieren könnte«. (24) Versuche, den veränderten Familienkonstellationen gerecht zu werden, gibt es zum Beispiel in Wien, einer der Lieblingsstädte sozial engagierter Stadtplanerinnen, wo das konfessionell unabhängige »Zentrum für Getrennt- und Alleinerziehende« Single-Eltern mit Kindern günstige Zimmer in Wohngemeinschaften mit Menschen in ähnlichen Lebenssituationen vermittelt. Auf diesem Weg lassen sich für viele Trennungsfamilien gleichzeitig das Wohn- und das Betreuungsproblem lösen. (25) Etwas Ähnliches leistet in den USA die kostenlose Onlineplattform »CoAbode«, deren »Mom-Matching-Service« alleinerziehende Mütter zusammenbringt, die Wohnraum, Ressourcen und emotionale Unterstützung miteinander teilen möchten. (26)

In München-Riem hat eine Architekten-Arbeitsgemeinschaft einen Entwurf für ein von der Genossenschaft »Kooperative Großstadt« gebautes Wohnhaus vorgelegt, in dem Räume innerhalb dreier verschiedener Wohnungstypen miteinander verschmelzen und Rückzugsorte über Nischen, Möbel und Wandscheiben definiert werden. Im als neo-biedermeierlichen Kleinfamilien-Hort verschrienen Berliner Prenzlauer Berg hat ein Architekturbüro ein Haus in eine Baulücke gesetzt, auf dessen siebeneinhalb Etagen sich Wohnungen, Ateliers, Gewerbeflächen, gemeinschaftlich genutzte Gästezimmer und ein Dachgarten verteilen. Die Wohneinheiten sind so flexibel geplant und von mehreren Seiten zugänglich, dass sich etwa von einer 115-Quadratmeter-Wohnung eine autarke 35 Quadratmeter große Wohnung abtrennen lässt – etwa für der Familie entwachsene Kinder, pflegebedürftige Angehörige, Au-pairs, Berufspendlerinnen oder Studenten. (27) Das ermöglicht Co-Living, das den Namen verdient und nicht nur eine teure neue Umverpackung für aneinandergereihte Single-Wohnungen in hochgezüchteten Trendvierteln ist. Es gibt Forderungen, Wohnen als menschliches Grundrecht dem Markt zu entziehen, andere erdenken Strategien, gemeinschaftlich und unter Zuhilfenahme des Erbbaurechts ihren eigenen Wohnraum zu errichten.

Im brandenburgischen Wiesendorf entsteht derzeit in einer Art genossenschaftlichen Baugruppe das erste »KoDorf«, eine Ansammlung von 40 Häusern mit Wohnflächen zwischen 25 und 80 Quadratmetern und großzügigen Gemeinschaftsräumen. Hier soll die Ruhe des Landes mit der zum Arbeiten nötigen Infrastruktur der Stadt verbunden werden, mit Preisen zwischen 135000 und 330000 Euro sind die Einheiten vergleichsweise erschwinglich und explizit auch dafür vorgesehen, dass Familien, Wohngemeinschaften oder Freundesgruppen in direkter Nachbarschaft zueinander leben können. Vier weitere KoDörfer in Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen sind in Planung. (28)

Aus dem demografisch überalterten Japan stammen einige Ideen für ein postfamiliäres Wohnen in Clustern, die sich aus Wohneinheiten, Arbeitsräumen, Büros, Werkstätten, Kindertagesstätten und Kollektivküchen zusammensetzen, die die räumliche Grenze zwischen Wohnen und Arbeiten weitgehend aufheben und bei Bedarf wuchern können. (29)

Die US-amerikanische Soziologin und Autorin M.E. O’Brien imaginiert mit Rückgriff auf die Theorien des sozialistischen Denkers Charles Fourier zukünftige, in direkter Demokratie offen organisierte Kommunen mit etwa 200 Bewohnern jedweden Alters und jedweder Herkunft, die sich kooperative Küchen und Kantinen, Kinderbetreuung und medizinische Versorgung teilen. Innerhalb O’Briens Kommune wäre Platz für vielfältige Arrangements, innerhalb derer Elternschaft und romantische Liebe gelebt werden könnten. Die entscheidende Frage, die diese Gemeinschaften des Zusammenlebens zu beantworten hätten, sei diese: »Wie können wir uns umeinander kümmern?«

Auch die Arbeit wäre radikal anders verteilt, als es der seit 100 Jahren übliche und bei seiner Einführung absolut fortschrittliche, heute aber aus der Zeit gefallen wirkende Achtstundentag zulässt. O’Brien ist bei Weitem nicht die Einzige, die an der Sinnhaftigkeit des Status quo zweifelt. Die Soziologin und Philosophin Frigga Haug hat ein Modell entworfen, nach dem sich die Zeit, die wir für Arbeit aufwenden, anders denken und aufteilen ließe. Haug veranschlagt zunächst acht Stunden für ausreichenden Schlaf. Von den verbleibenden 16 Stunden verteilt sie jeweils vier auf Care-Arbeit, Erwerbsarbeit, kulturelle Arbeit wie Museumsbesuche, Hobbys und Ehrenämter sowie politische Arbeit wie zum Beispiel das Engagement in Parteien. (30)

Das Versprechen des Kapitalismus lautete einmal, die Menschen reich zu machen und von der Arbeit zu befreien. Der britische Ökonom John Maynard Keynes prognostizierte im Jahr 1930, durch den technischen Fortschritt müsse in 100 Jahren niemand mehr als 15 Stunden pro Woche arbeiten. Davon sind wir weit entfernt. Stattdessen zweifeln viele Menschen daran, dass ihr Job überhaupt irgendeinen nennenswerten Nutzen hat. (31)

 

Carolina Bedoya 2020

Ein nicht geringer Teil der täglich verrichteten Arbeit auf der Welt besteht darin, die anderen nicht bemerken zu lassen, dass es eigentlich nichts Bedeutendes zu tun gibt. Einer britischen Studie zufolge sind Büroarbeiter pro Tag ganze zwei Stunden und 53 Minuten produktiv.31 Wie Eltern vielleicht am besten wissen, bekommt man in kurzer, stark strukturierter Zeit (während des Mittagsschlafs der Kinder, in den ruhigen Morgen- oder Abendstunden) mehr geregelt als an einem vermeintlich unendlich langen Tag. Die besten Ideen kommen doch meist unerwartet und woanders: beim Spaziergang, unter der Dusche, kurz vorm Einschlafen. Nicht zuletzt Corona hat gezeigt, dass das Homeoffice an sich in vielen, wenn auch längst nicht in allen Berufen kein entscheidendes Problem darstellt – vorausgesetzt, die Kinder sind versorgt.

Auch in der deutschen Arbeitswirklichkeit mit ihren Burn-out-Diagnosen und der viel beschworenen Work-Life- Balance-Achtsamkeitsrhetorik werden Rufe nach der 32-, 25- oder gar der 15-Stunden-Woche laut. Und zwar für alle, bei vollem Lohn. Das würde, so die Überlegungen, gleich mehrere grundlegende Probleme auf einmal lösen: Selbst ein um zwei Stunden verkürzter Standard-Arbeitstag würde viele Frauen aus der Teilzeit holen, weil dann sechs Stunden Arbeit auf einmal die neuen 100-Prozent-Stellen wären. Die- se Frauen, die meist Mütter sind, hätten bessere Chancen auf Führungspositionen und eine Rente über Hartz-IV-Niveau, Väter hingegen würden sich, so die Hoffnung, mehr für die Familie engagieren.

Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung von 2018 würden 40 Prozent der weiblichen und die Hälfte der männlichen Beschäftigten ihre Stundenzahl gern reduzieren. Und dem »Trust Barometer« von 2020 der US-amerikanischen Kommunikationsagentur Edelman gemäß finden 55 Prozent der Deutschen, dass der Kapitalismus in seiner heutigen Form mehr schadet als hilft. (32)

Ganz abgesehen davon, dass viele der jüngeren Arbeitnehmer von vornherein kein Interesse daran haben, das Arbeits- und Lebensmodell ihrer Boomer-Eltern nachzuspielen.

Der Historiker Yuval Noah Harari schlägt vor, das Spektrum menschlicher Tätigkeiten, die als Arbeit gelten, zu erweitern, um dem Wegfall des Menschen in der Arbeitswelt durch Algorithmen zu begegnen. »Möglicherweise müssen wir einen Schalter in unserem Kopf umlegen und anerkennen, dass Kindererziehung vermutlich die wichtigste und herausforderndste Tätigkeit auf dieser Welt ist. Wenn dem so ist, wird es keinen Mangel an Arbeit geben, selbst wenn Computer und Roboter sämtliche Fahrer, Bankangestellte und Anwälte ersetzen.« Bliebe die Frage, wer für die Bezahlung dieser neu anerkannten und mit Wert belegten Jobs aufkomme. »Da wir davon ausgehen können, dass sechs Monate alte Babys ihren Müttern und Vätern kein Gehalt zahlen, wird die Regierung das vermutlich selbst übernehmen müssen.« (33) Am Ende von Hararis und vieler ähnlich lautender politischer wie ökonomischer Überlegungen steht ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Im Juni 2020 entschied das spanische Kabinett, den 2,5 Millionen Menschen im Land, die weniger als das monatliche Mindesteinkommen verdienen, ein Grundeinkommen von mindestens 462 Euro zu zahlen. Manche Familien erhalten so bis zu 1015 Euro. Bewerben können sich alle, die zwischen 23 und 65 Jahre alt sind und mindestens seit einem Jahr legal im Land leben. Das sei »ein großer Schritt im Kampf gegen die Ungleichheit in unserem Land«, sagte Finanzministerin María Jesús Montero. (34)

Als im Mai 2020 in Finnland ein zweijähriges Experiment zu Ende ging, bei dem 2000 zu Beginn arbeitslose Teilnehmerinnen und Teilnehmer 560 Euro im Monat ausgezahlt bekamen, blieben zwar ein paar Fragen offen, besonders die nach dem Langzeiteffekt eines bedingungslosen Grundeinkommens. Aber das Geld hatte bei allen Beteiligten zu weniger Stress, einem zufriedeneren Leben und mehr Vertrauen in ihre Zukunft, die staatlichen Behörden und ihre Mitmenschen geführt. Sie leisteten doppelt so viel Freiwilligen- und andere unbezahlte Arbeit. (35)

 

Mouneb Taim Puppet theater in the middle of destruction 2020

Wer weniger Lohnarbeit leisten muss, hat mehr Zeit für Kinder sowie für alte und kranke Menschen, soziales Engagement, Hobbys, Nichtstun. Wer Zeit hat, selbst zu kochen, zu bauen und Dinge zu reparieren, muss weniger konsumieren und deswegen auch gar nicht mehr so viel Geld verdienen. Solche Gedankenspiele (oder noch eindrücklicher sicher solche unfreiwilligen globalen Großexperimente wie in der Zeit der Corona-Krise) rütteln am Fundament der Industrienationen: dem Glauben an ewiges Wachstum.

Zurück zu den Immobilien. Nach Schätzungen des Forums »Gemeinschaftliches Wohnen«, das auch eine Kon- taktbörse für Baugruppen betreibt, gibt es in Deutschland derzeit etwa 5000 Wohnprojekte, in denen Menschen sich in Hausgemeinschaften, Baugenossenschaften und Mietshäuser-Syndikaten organisiert haben und auf der Höhe der Zeit zusammenleben. (36) Doch solange es sich nur um vereinzelte Bemühungen handelt, bleibt der große Wandel aus. »Eine fortschrittliche Familienpolitik müsste daher nicht nur neue Familienmodelle über {eine} rechtliche Anerkennung unterstützen, sondern – weil sie seit jeher ein Querschnittsressort ist – auch Impulse für Stadtplanung und Wohnungspolitik geben« (37), so die Autorin Teresa Bücker.

Wo sind also die Wohnungen und Häuser, in denen, sagen wir, ein Paar mit drei Kindern, eines ohne Kinder und ein Single-Mann gemeinsam einziehen könnten, um ihre Ressourcen, ihre Verantwortlichkeiten und ihren Alltag miteinander zu teilen? Das Leben vieler Menschen lässt sich nicht länger in 100 Jahre alte, leicht überschaubare und planbare, aber statische Einheitsentwürfe pressen, darin gleichen sich die Achtstundentag-Arbeitsnorm, die Standardwohnung und das Kleinfamilienideal. Gefragt sind elastische Lösungen, die sich nach den Menschen und ihren komplexen, sich wandelnden Anforderungen richten – nicht andersherum.

In einem fiktiven Gespräch lässt M.E. O’Brien die in einer Kommune aufgewachsene 17-jährige Kayla Puan im Jahr 2069 zu Wort kommen. Auf die Frage, ob sie sich je gewünscht habe, dass sie mit ihren vier Eltern allein und unabhängiger von den anderen Bewohnern gelebt hätte, antwortet der Tee.nager: »Nein! Oh Gott, ich verstehe, dass die Menschen früher so gelebt haben, aber es klingt so einsam und so schlimm. Und ich glaube nicht, dass es gut für mich gewesen wäre. Keiner meiner Eltern hat sich für Trans-Dinge interessiert, als ich mein Coming-out hatte, aber sie bekamen von allen hier, mit denen sie arbeiteten und aßen, jede Menge Hilfe. Das mit dem Geld und dem Eigentum hört sich nach einer vollkommen schrecklichen Idee an, und es scheint mir, als wäre es für alle echt miserabel gewesen.« (38) 

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Aus: Anne Waak, Wir nennen es Familie - Neue Ideen für ein Leben mit Kindern 360 Seiten, ISBN: 978-3-89684-283-1, 18 Euro

Alle Fotos sind Teil des Home Museum - Lagos Photo Festival 2020, Courtesy of African Artists Foundation

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