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I AM NOT MY NEGRO

Über Kara Walkers Zeichnungen, die bis vor kurzem niemand öffentlich sah, und die als visuelle Anti- Verschwörungstheorie diese Ausgabe begleiten.

  • Jan 31 2022
  • Verena Lueken
    ist Autorin und Kritikerin in Frankfurt und Berlin.

Als Kara Walker in der Schirn Kunsthalle zum Auftakt ihrer riesigen Ausstellung von Arbeiten auf Papier ein paar Fragen der Presse beantwortete, kam es zu einem jener peinlichen Augenblicke, denen Schwarze Künstler in weißer Umgebung immer wieder ausgesetzt sind: "Sind Sie optimistisch, was Amerika und die Rassenbeziehungen dort angeht?", fragte jemand. Kara Walker zuckte kaum, aber ihre Antwort war eisig. "Ich arbeite", sagte sie. "Ich beschäftige mich nicht damit, Antworten auf Ihre Fragen zu finden." Toni Morrison hatte bei Gelegenheit einmal ähnlich reagiert. Was für eine Verschwendung, so etwa beantwortete die Literaturnobelpreisträgerin eine vergleichbare Frage nach einem der zahllosen rassistischen Anschläge der letzten Jahrzehnte, zu dem sie sich äußern sollte, mich immer wieder mit Ihren Problemen rumschlagen zu müssen.

Die Ausstellung in Frankfurt, die zuvor in Basel zu sehen war, ist in jeder Hinsicht eine produktive Zumutung für die Betrachter*innen. Sie umfasst mehr als 600 Arbeiten, zum großen Teil zuvor noch nie gezeigt. Kara Walker hat ihr Archiv geöffnet und erlaubt somit einen Blick auf ihre künstlerische Auseinandersetzung mit der Schwarzen Existenz in weißem Umfeld. Ihre Scherenschnitte, mit denen sie in den Neunzigern berühmt wurde, waren das perfekte Darstellungsmittel für diese Welt und die unerträglichen Grausamkeiten, die ihre Geschichte und ihre Erzählungen grundieren. In der aktuellen Ausstellung (die ebenfalls einige Scherenschnitte und Filme umfasst) zeigt sich nun, dass Kara Walker vor allem anderen eine begnadete Zeichnerin ist – mit Stift oder mit Tusche wie mit Pastelkreide oder Wasserfarbe. 

Wir sehen also: Traumprotokolle, betippte Karteikarten, Skizzen unterschiedlicher Größen, Collagen, Gouachen, Tuschezeichnungen, manche mit Slogans übermalt, Texttafeln, Notizblätter, Zeitungsausrisse, gefundene Objekte. Allein ihre Menge übersteigt das Fassungsvermögen eines durchschnittlichen Speichers für visuelle Eindrücke, dazu kommen die sprachlichen Herausforderungen, denn es sind ja nicht nur die Bilder, Zeichnungen, Comics zu sehen, sondern eben auch Texte zu lesen, traurige, wütende, komische, gemeine, rätselhafte, ganz kurze und sehr lange und solche, an denen der Blick kleben bleibt: "I Am Not My Negro", in derselben Schrift wie auf dem Plakat zu Raoul Pecks Baldwin-Film ("I Am Not Your Negro"). Ein Raum ist Barack Obama gewidmet. Diese Variationen auf Historienbilder sind riesig und sorgfältig ausgearbeitet: Obama als Othello etwa mit dem abgeschlagenen Kopf seines Nachfolgers im Arm, einen Daumen wie selbstvergessen in dessen Augapfel gedrückt. Es ist eine brutale Geste, außerhalb des Repertoires staatsmännischer und stereotyper fetischisierter Darstellungen des Präsidenten wie auch des Schwarzen Mannes überhaupt.

Die Zeichnung ist nicht nur das bevorzugte Medium Kara Walkers, es ist vielmehr ihr Instrument des Nachdenkens. Zeichnen ist ein Denkprozess, deshalb sind die Ergebnisse mal tiefsinnig, oft paradox, sehr oft witzig in brutalster Form, obszön, widersprüchlich, aber immer dran am Thema Schwarzer Existenz, was immer auch heißt: Auslöschung der Existenz Schwarzer Menschen.

Denn darauf deutet der Titel der Ausstellung hin: ein schwarzes Loch ist ein kosmologisches Phänomen, in das alles stürzt, das den Ereignishorizont überschreitet, an dem Raum und Zeit kollabieren. Dahinter ist das Nichts, doch aus einem schwarzen Loch kann ein neues Universum entstehen. Die Nicht-Existenz des Schwarzen Menschen in einem Kosmos weißer Überlegensheitsideologie – diese Denkfigur steht auch im Zentrum des philosophischen Afropessimismus, aus dem nur ein Ende der Welt, wie wir sie kennen, herausführen könnte. Mit ihm ist die Kunst der Kara Walker eng verbunden, das heißt aus ihrer Kunst und dieser Philosophie ersteht ein Schwarzes Universum der Negation, das von keiner Versöhnungsphantasie zu durchdringen ist.

Überwältigung. Scham. Staunen. Gelächter. Das sind die Zustände, in denen man durch die Ausstellung streift, sich über Vitrinen beugt, in denen zum Teil krass obszöne Szenen in einander folgenden Einzelbildern als Comic dargeboten werden, oder an Wänden entlang geht, die in enger Hängung brutalste Darstellungen brutalster rassischer Klischees hintereinander reihen. Schwarze Frauen mit hochgestellten dicken Hintern und schwülstigen Lippen, die Männer mit den überlangen hochragenden Schwänzen, Strichkinder an Bäumen baumelnd, zusammengebracht mit Zitaten klassischer weißer Kunstgeschichte, der Mutter mit Kind mittelalterlicher Meister, Goyas verwehten Schlachtfeldern, Rembrandts nahen Gesichtern bei Kerzenschein: afroamerikanische Selbstbildnisse als Travestien weißer europäischer Kunstgeschichte.  

Am Eingang hängt für Jugendliche unter fünfzehn eine Triggerwarnung. Sie sollen den Zumutungen der Ausstellung nicht ohne erwachsenen Beistand ausgesetzt werden. Wer bereit ist, den weißen Kanon infrage zu stellen, dem alle Grausamkeiten entstammen, auf die Kara Walker Bezug nimmt, kann allerdings gar nicht früh genug damit anfangen.

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  • Image Caption
    Kara Walker, Untitled, 2019, from a 36-part series: Notebooks 2019, Collage, ink, marker, photocopy, tape, stickers, gouache, watercolor, graphite, and colored pencil on paper, 27,6 x 22,5 cm, Private Archive Kara Walker © Kara Walker

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