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IHR WOLLT ÜBER EIN VIRUS REDEN, DAS SICH UNKONTROLLIERT AUSBREITET? MAN BRINGT UNS UM.

Das feministische Performance-Kollektiv LASTESIS aus Chile hält Antworten auf Fragen bereit, die sich hierzulande noch immer zu wenige stellen, und demonstriert, wie Feminismus eine Bedrohung etablierter Verhältnisse darstellen kann.

  • Nov 25 2021
  • Alex Ostojski
    (*1997) is a Polish-German writer and scholar of art history in a global context at Freie Universität Berlin. Their research focuses on contemporary art, queer theory and popular culture.

Was, wenn wir nicht im Angesicht einer, sondern multipler Pandemien stehen; wenn kein Impfstoff zu immunisieren vermag, weil die Bedrohung ein integraler Bestandteil des Systems ist, etwas, das durch Sozialisation in unser aller Körper eingeschrieben wird? Viele von uns wissen seit jeher, was es bedeutet, in ständiger Angst zu leben, überall diffuse Bedrohungen zu wittern, nirgends sicher zu sein. Wir haben Erfahrungen gemacht, in denen wir gedemütigt wurden, um unsere körperliche Unversehrtheit oder gar unser Leben fürchten mussten, ob in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz oder im vermeintlichen Schutzraum des eigenen Zuhauses. "Ihr wollt über ein Virus reden, das sich unkontrolliert ausbreitet?", fragen LASTESIS in ihrer kürzlich erschienenen Kampfschrift. "Man bringt uns um."[1]

Nicht einzig aufgrund von Covid-19 und nicht erst seit einem Jahr findet ein Massensterben statt. Femizide oder Feminizide, Morde an Frauen aufgrund von Frauenhass, sind lediglich die traurige Spitze eines massiven Eisbergs von mannigfaltigen Formen patriarchaler Gewalt, denen trans und cis Frauen, trans Männer, inter, nicht-binäre und agender, homo-, bi-, pan- und asexuelle Menschen überall auf der Welt ausgesetzt sind. In Deutschland fehlt es an Zahlen und Forschungen zu Femiziden, doch laut einer Polizeistatistik zu Partnerschaftsgewalt wurden allein 2019 117 Frauen von ihrem (Ex-)Partner getötet, 191 entkamen dem Versuch. Im Durchschnitt wurde alle drei Tage ein Frau umgebracht und da die Statistik lediglich angezeigte Fälle in Partnerschaften beinhaltet und trans Frauen mitunter ausschließt, ist mit einer höheren Dunkelziffer zu rechnen.[2]

Wie zu sehen sein wird, haben Femizide eine längere Tradition, das Konzept des Femizids wurde jedoch Mitte der Siebziger in autonomen feministischen Kreisen geprägt. 1992 erschien mit Femicide. The Politics of Women Killing die erste wissenschaftliche Untersuchung zum Thema von Diana Russell und Jill Radford. Das Buch konzentriert sich auf die Situation in Großbritannien und den USA, fand aber insbesondere in Lateinamerika Beachtung. In der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez kam es damals zu einer Welle brutaler Hassverbrechen, bei denen vor allem junge, migrantische Frauen verschwanden und anschließend tot, misshandelt und verstümmelt aufgefunden wurden.[3] Seit den 90er Jahren hat sich einiges getan, aber wenig verändert. Heute befinden sich 14 der 25 Länder mit den höchsten Femizidraten in Lateinamerika und der Karibik, im Durchschnitt werden dort über 2000 Frauen pro Jahr umgebracht.[4] Die Morde wurden lange Zeit bagatellisiert, als "Beziehungstat" oder "Eifersuchtsdrama" abgetan und so der Blick auf Kontinuitäten versperrt.

Doch zunehmend formiert sich Widerstand. Ein weiterer Mord unter vielen bewegt 2015 eine Gruppe argentinischer Journalist:innen, Künstler:innen und Aktivist:innen, dem Massensterben nicht länger zuzusehen: Als die 14-jährige Chiara Paéz sich weigert, eine Abtreibung vornehmen zu lassen, von ihrem Freund erschlagen und mithilfe seiner Familie im Garten vergraben wird, gründet sich das Kollektiv Ni Una Menos ("Nicht eine weniger"). Es ist der Beginn einer Bewegung, die einen Nerv trifft und Hunderttausende in Lateinamerika und darüber hinaus mobilisiert.[5] Als sich 2019 in Chile infolge neoliberaler Reformen soziale Unruhen entladen, tritt durch massive staatliche Repressionen der rechtsgerichteten Regierung des Unternehmers Sebastián Piñeras die Komplizenschaft von Staat und Patriarchat deutlich zutage. Genau wie die Protestbewegung Ni Una Menos kanalisiert das chilenische Kollektiv LASTESIS, das nun erneut in Berlin zu Gast ist, in Performances die Wut im Angesicht der Brutalität zur Triebkraft sozialer Umwälzungen. Beiden Kollektiven ist gemein, dass sie die strukturelle Dimension patriarchaler Gewalt in den Fokus stellen, womit nicht lediglich die Quantität der Taten gemeint ist, sondern die genuine "Verzahnung von neoliberalem Kapitalismus und Patriarchat."[6]

"Das Patriarchat pulst in den Adern von Regierungen und Machtapparaten, von Medien und Polizei."[7]

Am 25. November, dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, zeigen LASTESIS in Santiago als Reaktion auf sexualisierte Polizeigewalt die Performance Un violador en tu camino ("Ein Vergewaltiger auf deinem Weg"). Mit verbundenen Augen adressieren tausende Frauen und Queers kollektiv ihre wutentbrannte Klage an ein generisches Maskulinum: "Das Patriarchat ist ein Richter, der uns verurteilt von Geburt und unsere Strafe ist die Gewalt, die du nicht siehst. […] Und es war nicht meine Schuld, egal wo ich war, egal wie ich angezogen war. Der Vergewaltiger bist du." Die Performance verbreitet sich über das Internet und wird von Feminist:innen in diversen Ländern adaptiert. Von "Erfolg" zu sprechen, wäre irreführend, unterstreicht die rasante Verbreitung der Performance doch vor allem ihre globale Relevanz. 

Kunst und Aktivismus sind für Lea Cáceres, Paula Cometa, Sibila Sotomayor und Daffne Valdés, die 2018 LASTESIS gründeten, unabdingbar miteinander verbunden. In ihrem 2020 erschienenen Manifest Verbrennen wir die Angst! markieren sie durch die konsequente Verwendung der ersten Person Plural die Universalität ihrer Anklage und wenden sich gegen die "Vereinzelung des Empfindens."[8]  Sie bauen Brücken zwischen individuellen Erfahrungen und halten der Gesellschaft den rissigen Spiegel vor, um auf Veränderung zu drängen. Die künstlerische und soziale Praxis des Kollektivs kommt einer Übersetzungsarbeit gleich: Komplexe Inhalte des akademischen Feminismus werden durch popkulturelle Strategien niedrigschwellig einer breiten Masse zugänglich gemacht. Durch Verquickung von Theorie mit Emotionen entsteht enormes Mobilisierungspotenzial. LASTESIS lehnen das "mörderische gesellschaftliche und politische System aus Kapitalismus und Patriarchat ab"[9] und knüpfen damit an die feministisch-marxistische Tradition an. Insbesondere Rita Segato, die an einer Diskussion mit LASTESIS im HAU Hebbel am Ufer teilnimmt, und die politische Philosophin Silvia Federici mit ihrer wegweisenden Arbeit Caliban and the Witch aus dem Jahr 2004 nehmen in der Praxis des Kollektivs eine Schlüsselrolle ein.

"Der Feminismus ist ein Akt des Widerstands und Mutes angesichts eines geschichtlichen Erbes, das zur Kontrolle der dissidenten Massen auf Angst und Terror setzt, wobei feminine und transfeminine Körper die schwersten Verletzungen ihrer Menschen- und Bürgerrechte erleiden."[10]

 Die in Europa wütenden Hexenverbrennungen wurden von Marxist:innen zwar lange weitgehend ignoriert, ihre Gleichzeitigkeit mit der Etablierung kapitalistischer Verhältnisse im Übergang vom Feudalismus ist jedoch keineswegs ein Zufall, so Federici: "Die Hexenjagd war ein Krieg gegen Frauen: ein konzentrierter Versuch, sie abzuwerten, sie zu dämonisieren und ihre gesellschaftliche Macht zu brechen. Gleichzeitig waren die Folterkammern und Scheiterhaufen, auf denen die Hexen starben, die Orte, an denen die bürgerlichen Ideale der Weiblichkeit und Häuslichkeit erfunden wurden."[11] Magische Praktiken und Weltanschauungen, die der kapitalistischen Arbeitsmoral zuwiderliefen, mussten von Staat und Kirche zur Etablierung des Systems ebenso ausgemerzt werden wie die Macht von Frauen, die durch ihre Sexualität und Kenntnisse der Naturheilkunde die Reproduktion kontrollierten. Im Geiste der mechanizistischen Philosophie wurde der weibliche Körper unterjocht und zur Geburtenmaschine degradiert. So schuf der Kapitalismus Menschen nach seinem Bild.[12] 

"Im Geiste der mechanizistischen Philosophie wurde der weibliche Körper unterjocht und zur Geburtenmaschine degradiert. So schuf der Kapitalismus Menschen nach seinem Bild."

Heute sind geschlechtliche Reproduktion von Arbeitskraft und unentgeltliche Pflegearbeit Stützen des Kapitalismus, die heterosexuelle Kernfamilie seine Keimzelle. Durch die Naturalisierung bürgerlicher Ideale werden Frauen an "ihr Schicksal" gebunden. LASTESIS greifen das kapitalistische System in seinen Grundfesten an, indem sie Essentialisierungen infrage stellen und Fürsorge im Anschluss an feministische Theoretiker:innen als "kollektive und gesellschaftliche Aufgabe"[13] definieren: "Wir sind nicht, wie uns der Markt und das Patriarchat gern hätten, damit wir unser Leben im Dienst eines Systems verbringen, das uns unterdrückt und von uns verlangt, dass wir produzieren, dass wir die Erde, auf der wir leben, ausbeuten, alles hemmungslos ausplündern und Kinder in diese Welt setzen, die den Kreislauf aus Ausbeutung und Konsum aufrecht erhalten."[14] Geblendet von neoliberalen "Girlboss"-Narrativen wird allzu leicht vergessen, dass trotz des Zugangs vieler Frauen im globalen Norden zur Lohnarbeit geschlechts- und klassenspezifische Ausbeutung fortgeschrieben und durch rassifizierte Implikationen ergänzt wird, wenn Berufstätigkeit lediglich Doppelbelastung oder die Auslagerung von Care-Arbeit an prekär beschäftigte migrantische Arbeiter:innen bedeutet.

Seit hunderten von Jahren wird bestimmten gesellschaftlichen Subjekten das Recht auf freie Entfaltung und ein selbstbestimmtes Leben verwehrt, weil sie eine Gefahr für die etablierte Ordnung darstellen. Autoritäre Regierungen wie die polnische PiS-Partei maßen sich gleichzeitig Eingriffe in den Uterus an und verkünden "LGBT-freie Zonen", Abtreibungsgegner:innen in São Paulo verbrennen Abbilder von Judith Butler als Inbegriff der "Gender-Ideologie" auf offener Straße. Weibliche und queere Körper, die sich der heterosexuellen Matrix und somit der normativen Kontrolle der Reproduktion entziehen, sind Schlachtfeld ideologischer Kämpfe und gleichzeitig Orte des Widerstands; eine Ambiguität, die LASTESIS in ihren Performances mobilisieren. Um Scheiterhaufen (und Waldbrände) zum Erlöschen zu bringen, müssen hiesige Massenbewegungen sich mit Blick nach Lateinamerika für den gedanklichen Spagat zwischen Feminismus und Antikapitalismus warm machen. Globale Allianzen und intersektionale Solidarität sind nötig. Und auch wenn viele derweil noch in eurozentrisch-rassistischer Tradition die Emanzipation der europäischen Frauen im Gegensatz zu "rückständigen" Geschlechterrollen im globalen Süden (und damit die eigene Überlegenheit) konstruieren, sollten Femizide in Debatten um "europäische Leitkultur" künftig nicht fehlen.

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Im Rahmen des Schwerpunkts "Zusammen verbrennen wir die Angst!" (1.–5. Dezember) sind LASTESIS erneut zu Gast im HAU Hebbel am Ufer und setzen ihre Auseinandersetzung mit kapitalistisch-patriarchaler Gewalt, die unser aller Körper durchdringt, fort.

 



  • Footnotes
    [1] LASTESIS: Verbrennt eure Angst! Ein feministisches Manifest, Frankfurt am Main 2021, p.29.
    [2] Rosa-Luxemburg-Stiftung (Hrsg.): #keinemehr – Femizide in Deutschland, Berlin 2020, p.17.
    [3] Vgl. ebd., p.4.
    [4] Vgl. Awarie, Nina: Ni Una Menos – Perspektiven einer Bewegung, in: Revolutionäre Frauenzeitung Nr. 7, 2019
    (URL: http://onesolutionrevolution.de/ni-una-menos-perspektiven-einer-bewegung/) 22.11.2021, o.S.
    [5] Vgl. ebd.
    [6] LASTESIS: Verbrennt eure Angst! Ein feministisches Manifest, Frankfurt am Main 2021, p.42.
    [7] Ebd., p.48.
    [8] Ebd., p.7.
    [9] Ebd., p.35.
    [10] Ebd., p.57.
    [11] Federici, Silvia: Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation, Wien/Berlin: mandelbaum kritik & utopie 2020 (zuerst 2012). Originalausgabe: Caliban and the Witch: Women, the Body and Primitive Accumulation. Brooklyn, NY: Autonomedia, 2004, p.230.
    [12] Vgl. ebd. p.179, 182, 228.
    [13] LASTESIS: Verbrennt eure Angst! Ein feministisches Manifest, Frankfurt am Main 2021, p.38.
    [14] Ebd., p.66.











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