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INTERVIEW: HIGHER POTENTIAL

Ein Gespräch mit Johannes Büttner über Affiliate Marketing Systems, Promotion Videos, Bildschirme und Spiegelfolie.

  • Sep 21 2021
  • Laura Ewert
    schreibt als freie Autorin für Zeit (online), taz, Der Freitag und andere über Kultur- und Gesellschaftsthemen und hat sich für den Podcast In Sekten mit der Coaching-Szene beschäftigt.

Vor kurzem war die Mehr-Kanälen-Installation „Higher Potential” von Johannes Büttner in der Kunsthalle Mainz zu sehen. Der Ausstellungsraum wird sogenannten Mindset-oder Business-Coaches überlassen. Seine Protagonisten, alle Männer, reden von drei Bildschirmen auf die Besucher*innen ein, sprechen sie persönlich an und versuchen, Kurse zur Selbstoptimierung zu verkaufen. Ihr Versprechen: hohe Einkommen, großer Erfolg und endlich Unabhängigkeit. 


Außerdem im Raum: Eine künstlichen Intelligenz. Sie „verbessert” neben Screens und Skulpturen kontinuierlich den Ausstellungstext und kuratiert sogar neue Ausstellungen. Im Rahmen der Basler Messe-Woche veröffentlichen wir das Gespräch, das in der Kunsthalle Mainz zur Ausstellung “Theoretisch geht’s mir gut” stattfand, bevor die Studierenden der Kunstakademie zur Kim-Kardashian-Maskenball einluden. ​​Vor allem bei dem Vokabular des Kunstmarktes, das obsolet ist aber weiter als Avantgarde verkauft wird, lässt sich die patriarchale Struktur dieses seltsamen Betriebes in Worte wie „Neuentdeckungen“, „Prioritätenliste“ und „Leitkultur“ wiedererkennen (Siehe Pressemitteilung der Messen). 


„Higher Potential” zeigt eben die Parallelen zwischen Kunstmarkt und Coaching-Crazyness; sie ist eine Spiegelung der Rolle des Künstlers in der Welt als jemanden, der Angst vor ökonomischen und sozialen Auf- und Abstieg hat. Diese Angst verbindet Büttner mit der Zielgruppe der Coaches; seine Vermutung, dass die Mindset- und Business-Coaching Welt sehr viel mit der Kunstwelt und dem dort vorherrschendem Leistungsdruck und internalisierten Kapitalismus zu tun hat, wurde von dieser Männlichkeitsperformance jedenfalls bestätigt. - AWC

 

 

Laura Ewert: Erstmal, wie hast du deine Protagonisten rekrutiert?

Johannes Büttner: Ich würde eher sagen, dass ich rekrutiert wurde. Es gibt diese Werbung vor YouTube-Videos, in denen sehr motivierte Männer versprechen ihr Geheimnis zum Erfolg zu teilen. Versprochen wird übernatürliches Wachstum, passiv Einkommen zu generieren, jahrelange schädliche Programmierung des Mindsets neu zu formatieren oder eine unbekannte Methode zum Erreichen von Reichtum und Glück sowie die zusätzliche Befreiung aus dem Hamsterrad. Das hat mich an utopische Geschichten erinnert.

 

Also bist du auf die Versprechen der Coaches reingefallen?

Am Anfang interessierte mich vor allem, wie Arbeit und auch Männlichkeit in diesen Videos dargestellt wird. Also hab ich auf die Links zu den kostenlosen Live Webinaren geklickt. Dann wurde ich eingesaugt - ich wollte die „einmaligen” Chancen, die oft mit einem Countdown versehen sind, nicht verpassen. Ich habe Buchgeschenke bestellt, swipte up und vereinbarte unverbindliche Strategiegespräche mit Coaches, Mentoren und Experten. Außerdem habe ich einige Gratis-Webinare geguckt. Das war aber ein bisschen enttäuschend, denn bevor das Geheimnis gelüftet wird, kommt immer der Upsale: Um weiter zu machen, soll ich das nächste Seminar kaufen. 

Dabei geht es nach eigener Aussage keinem der Coaches darum, mit mir Geld zu verdienen. Ich soll mit dem Bezahlen mein Commitment zeigen und der Preis sei im Verhältnis zur erbrachten Gegenleistung sowieso lächerlich gering. Sie hätten außerdem schon genug Geld. 

Andererseits sei Geld auf keinen Fall negativ belastet, was die Coaches nach eigener Aussage vom Rest der Gesellschaft unterscheidet. Denn der hätte durch lebenslange Programmierung uns allen falsche Glaubenssätze zu Geld, Reichtum und Erfolg beigebracht. Von diesen Glaubenssätzen gelte es sich zu befreien und ein Schritt dahin sei eben, in sich selbst zu investieren, sich selbst nicht mehr klein zu halten. Als ich dann anfing, den Coaches auf Instagram zu folgen, bekam ich personalisierte Sprachnachrichten: Kumpelig, locker, ungezwungen und wahrscheinlich vom Strand verschickt oder einem anderen Ort, an dem gewöhnliche Menschen Urlaub machen.

 

Hattest du das Gefühl, dass du, von den Coaches angestachelt, produktiver wurdest?

Je mehr Videos ich mir angesehen habe, in denen mir geheime Strategien, Motivationssteigerung oder 100% sichere und legale Methoden versprochen wurden, desto schlechter ging es mir, weil ich ja scheinbar nicht richtig skaliere. Ich wurde süchtig nach der Hoffnung, mit dem nächsten Video dann wirklich die richtige Strategie zu erfahren.

 

Wie bist du dann an die Coaches herangetreten?

Um eine Geschäftsbeziehung mit ihnen einzugehen, habe ich überlegt, ob es ein Kapital gibt, das ich mit der Ausstellung in der Kunsthalle Mainz generieren kann und das für die Coaches interessant sein könnte und welches Kapital sie wiederum haben, von dem ich profitieren könnte. Ich habe den Coaches angeboten, für Ihre Produkte in der Ausstellung zu werben und mich bei jedem Verkauf als Affiliate Marketer mit einer Provision am Gewinn zu beteiligen. Ich verkaufe also die Aufmerksamkeit der Besucher*innen der Ausstellung. Das Prinzip des Affiliate Marketings, bei dem der Werbetreibende mit personalisierten Links, oft nicht auf den ersten Blick als Werbung ersichtlich, Werbung betreibt, habe ich von den Coaches übernommen. Diese Art des Vertriebs ist in der Szene üblich.

Gekaufte Grussbotschaft von Jordan Belfort, dem Wolf of Wall Street, für Johannes Büttner, 2021

 

Gibt es ein Muster, nach dem die Storys der Sales-Videos aufgebaut sind?

Die meisten Narrative verlaufen nach einem festen Muster, das an Abenteuergeschichten und die darin stattfindende Heldenreise erinnert. Durch die Wahl der Kulisse und Inszenierung wird einerseits ein Beweis für den Erfolg geliefert, andererseits eine gewisse Beiläufigkeit suggeriert. Wir sehen teure Autos, Swimming Pools, Luxus-Uhren, Strände oder Dachterrassen in Dubai und eine verwackelte Handykamera, die vermittelt: das ist mein normaler Alltag und eben keine Inszenierung. Es ist extra nicht „corporate“, sondern scheinbar authentisch. Dann folgt die Erzählung, die damit anfängt, dass der Coach von ganz unten kam und ihm nichts geschenkt wurde. Er war arbeitslos, obdachlos oder schlimmeres - bis er seinen eigenen Coach getroffen hat. Der öffnete ihm die Augen und es ging steil bergauf. Er weiß also, wie es mir geht, wenn ich vor meinem Bildschirm auf Werbung klicke, und er möchte mich vor noch tieferem Abrutschen bewahren.

 

Ein beliebtes Narrativ, nicht nur in Hollywood.

Das Stilisieren als Außenseiter, die von unten kommen und es allen beweisen, hat mich an die Silicon Valley-Erfolgsgeschichte „aus der Garage zum mächtigen Tech-Konzern” erinnert. Das Narrativ der Aussteiger und Universitätsabbrecher ist populär und oft kopiert. Bei der Beschäftigung mit Coaches wurde ich oft an Inszenierungen von CEOs erinnert, wie Adam Neumann von WeWork, oder andere Figuren der Tech-Szene. Die deutschen Inszenierungen wirken natürlich provinzieller, was ich aber umso charmanter finde. „Fake it till you make it“- gilt ja auch in der Tech-Szene als Standard. Ich würde sagen die Technik des Manifestieren ist, runtergebrochen, genau das.

 

Manifestieren - was muss man sich darunter genau vorstellen?

Das sogenannte „Gesetz der Anziehung“ und die damit verbundene Technik der „Manifestation“ geht davon aus, dass man durch reine Vorstellungskraft die materielle Realität beeinflussen kann. Man soll etwa auf seinen Kontoauszug den Betrag schreiben, den man sich dort wünscht. Und: Gleiches zieht Gleiches an; aus diesem Grund umgeben sich erfolgreiche Menschen mit erfolgreichen Menschen und Gescheiterte mit Gescheiterten, so die Theorie. Deswegen müsse man in seinem Umfeld die Menschen, die einen runterziehen, ausmisten. Die Idee des Manifestierens und das Gesetz der Anziehung taucht bereits Mitte des 19. Jahrhunderts bei der christlichen Religionsgemeinschaft „New Thought“ auf. Deren Anhänger gehen davon aus, dass der Mensch und dessen Sein einzig und alleine auf den Geist zurückzuführen sei. 

 

Gibt es eigentlich Literatur, auf die sich die Coaches beziehen?

Immer wieder tauchen zwei Bücher auf „must read“ Listen auf, die in der Szene als Standardwerke gelten. Das 1925 von Napoleon Hill geschriebene Buch The Law of Success ist eines der erfolgreichsten Ratgeber-Bücher aller Zeiten. Der Autor behauptet, die Entstehung des Buches und damit sein Erfolg gehe auf ein Treffen mit Andrew Carnegie, dem damals reichsten Mann der Welt, zurück. Dieser hätte ihn beauftragt, eine Reihe von erfolgreichen Unternehmern und Wissenschaftlern zu interviewen, woraus Hill das Geheimnis der Reichen und Erfolgreichen entschlüsselt habe. Dieser Mythos wird unter anderem von dem Biographen von Carnegie angezweifelt -  wahrscheinlich sind sich die beiden nie begegnet. Die Behauptung eines Geheimnisses oder eines in der Schule nicht gelehrten Wissens zieht sich wie ein roter Faden durch jedes Narrativ von Coaches und Mentoren. 

 

Diese Coachings sind ein exemplarischer Ausdruck unseres Zeitgeistes, bei dem alle Verantwortung auf das Individuum übertragen wird und solidarische Kollektive mit Skepsis betrachtet werden. 

 

Das Geheimnis, das Napoleon Hill herausgefunden hat, ist ebenfalls die Grundlage des Buches The Secret aus dem Jahr 2006 von Rhonda Byrne, das mit großem Erfolg verfilmt wurde. The Secret lässt Pseudowissenschaftler*innen, spirituelle Mentor*innen und Prominente zu Wort kommen und führt Experimente an, bei denen sich zum Beispiel durch Massenmeditation die Kriminalitätsrate einer Stadt senken lassen habe. Ein weiteres Buch ist von Robert Kiyosaki. In Rich Dad Poor Dad (1997) werden die Lebensrealitäten und die Einstellungen zu Geld und Erfolg von Kiyosakis armen, leiblichen Vater - der für sein Geld als Lehrer arbeiten muss - und seinem reichen, von ihm selbst gewählten Vater - der das Geld für sich arbeiten lässt - gegenübergestellt. Die Lektion, die der reiche Vater, der Mentor von Kiyosaki ihm und damit den Leser*innen lehrt ist, dass es Geheimnisse gibt, die die Reichen ihren Kindern weitergeben, deswegen diese reich bleiben, während die Armen für immer arm bleiben müssen. Diese finanzielle Intelligenz fußt vor allem auf wirtschaftlich libertären Ideen, nach denen es am besten ist, Steuern zu vermeiden zu zahlen.

 

In der Ausstellung gibt es nur Videobotschaften von männlichen Coaches. War das eine bewusste Entscheidung?

Ja, mir ist aufgefallen, dass traditionelle Geschlechterrollen in dieser Szene eine essenzielle Rolle spielen. Viele Coaches haben dicke Muskeln und Autos, schmücken sich also mit traditionell als männlich gelesenen Insignien der Macht. Bei weiblichen Coaches wird oft die Weiblichkeit performativ in Szene gesetzt. Wer „Girlboss“ sein will, muss die eigene Sexyness spüren und beim „Orgasmic Millionaire Goddess Coaching“ wird feministisches Vokabular benutzt, um neoliberale und teilweise sexistische Inhalte zu bewerben. Die Widerständigkeit des Feminismus und auch Intersektionalität wird dabei nicht mitgedacht. Vielmehr geht dieses Vokabular in der Affirmation von Klassenhierachien auf und wird zum konsumierbaren Lifestyle gemacht. Ähnliche Mechanismen kann man teilweise auch in der Mode oder der Kunst beobachten. Für mich ist das ein weiteres spannendes Kapitel, dass ich aber erstmal ausklammere. Ich konzentriere mich auf männliche Coaches, auch weil ich interessant finde, in welcher Form „Menschen helfen“ - man könnte auch sagen „Care Arbeit“ -  von männlichen Coaches interpretiert wird.

 

Der Coachingmarkt boomt, so sehr, dass sogar die staatlichen Sektenberatungsstellen aufmerksam werden. Momentan fühlen sich erstaunlich viele Menschen berufen, anderen - sagen wir - zu helfen. Es gab aber auch schon früher mal Motivationstrainer, die Hallen gefüllt haben und mit Grenzerfahrungen, wie gemeinsam über glühende Kohlen gehen, geworben haben. Die neue Coaching Szene, die du beobachtest hast,  findet aber vor allem auf Instagram, Facebook und Youtube statt. Wie hat sich das entwickelt?

Als einen Vorläufer dieser Youtube-Pitches für Seminare und Coachings sehe ich die Dauerwerbesendungen in den 90ern, die Problemlöser von Problemen verkauft haben, von denen man bisher gar nicht wusste, dass man sie hat.Die Szenen haben gemeinsam, dass die Tätigkeit des Verkaufens intern als eine Art Königsdisziplin gehandelt wird. Weisheiten aus der Welt des Vertriebes werden in den Coachings auch auf andere Bereiche des Lebens übertragen: „Wer verkaufen kann, wird es zu jeder Zeit und auch in Zukunft, unter jeglichen Voraussetzungen leicht haben. Du könntest mir alles wegnehmen und ich wäre in kürzester Zeit wieder Millionär, denn ich kann verkaufen“. „Verkauf mir diesen Stift“, die legendäre Szene aus „The Wolf of Wall Street“ wird in „Sales Accelerator“ Seminaren nachgespielt, um sogenannte Einwandbehandlungen zu üben und die Abschlussquote zu steigern.

Sell me this pen - Wolf of Wallstreet

 

Was sind Einwandbehandlungen?

Bei der Einwandbehandlung versucht man Einwände wie „Das ist mir zu teuer”, „Dieses Produkt brauche ich nicht” oder „Ich bin von den versprochenen Leistungen nicht überzeugt” aus dem Weg zu räumen. Dafür gibt es Techniken, wie zum Beispiel Gegenfragen zu stellen, die nachfragen, welche Eigenschaften das Produkt aufweisen müsste, damit man es kaufen würde oder ob man dem Verkäufer vertraue, um dann einen Monolog über Vertrauen und Angst zu halten. Die Einwandbehandlungen mit denen ich während meiner Recherche „behandelt” wurde, haben mich an Techniken von „pick-up artists” erinnert. Abwechselnd wurden mir Komplimente gemacht und überheblich kopfschüttelnd darüber gelacht, dass ich so wenig Umsatz mache.

 

Aber welches war das erste Coaching-Video dieser neueren Strömung?

Das wohl bekannteste YouTube-Werbevideo für ein Coaching wurde 2015 von Tai Lopez gemacht. Es ist vielmals kopiert und als Meme parodiert. „Here in my Garage“ gilt als Blaupause. Lopez präsentiert darin seine Bibliothek, die sich zufällig auch in seiner Garage befindet, in der sein Lamborghini parkt. Der Lamborghini sei für Lopez aber gar nicht wichtig, sondern nur ein Nebeneffekt seines Erfolges. Was ihm eigentlich wichtig sei ist „knowledge“. Es gehe ihm um Wissen, was man nicht in der Schule lernt. Da ist es wieder, das geheime Wissen. Und auch das bekannte Narrativ des messianischen Erweckungserlebnisses durch einen Mentor wird heraufbeschwört: Lopez war ganz unten, bis er auf seinen Mentor traf, der ihm den rechten Weg aufzeigt.

„Here in my Garage” Tai Lopez, 2015

 

Was hat es mit dieser Skepsis gegenüber dem staatlichen Schulsystem auf sich?

Die Ablehnung von herkömmlicher Schulbildung und dem akademischen Betrieb als Wissensvermittler ist auffallend. Als Grund wird - zumindest in Deutschland - häufig angeführt, dass Qualität etwas kostet und Universitäten und Schulen, die umsonst seien, gar nicht gut sein könnten. Diese Ablehnung driftet oft in Verschwörungserzählungen ab: Bestimmtes Wissen werde absichtlich verschwiegen, da man die Angestellten im Hamsterrad gefangen halten wolle. Die Eliten brauchen die Dummen, die mitspielen, sich ausbeuten lassen und Steuern zahlen. Da ist sicher etwas dran, aber hier wird eben nicht das System verantwortlich gemacht, sondern ein nebulöser großer Plan. Ich habe mehrfach in Gesprächen erlebt, dass da die Flanke zu anderen Verschwörungstheorien offen ist.

Ein weiterer Grund der offensichtlichen Ablehnung des Establishments ist wohl die Zielgruppe der „Enttäuschten“, an die sich die Videos richten. Menschen, die sich ausgeschlossen, isoliert oder nicht ernst genommen fühlen, erleben den Moment, in dem der Spieß umgedreht wird, verständlicherweise als empowernd

 

Nochmal zu den Parallelen der Coaching-Szene zur Kunstwelt, wo siehst du die?

Die Themen Verkaufen, finanzielle Intelligenz und Markt sind in der Kunstwelt nicht unumstrittene Themen. Obwohl der Markt eine wichtige Komponente der Kunstwelt darstellt, wird mit diesen Themen etwas verkrampft umgegangen. Das findet auch Magnus Resch,  Erschaffer des „I doubt it“-Meme und Bestsellerautor von Ratgen, die Anleitung versprechen, in der Kunstwelt erfolgreich zu werden. Und Resch hat auch ein eigenes Coaching-Programm auf den Markt gebracht - das Coaching für die Kunstwelt! Das bewirbt er mit dem genialen Slogan „Say Goodbye to feeling isolated”. Strukturell sind seine Angebote genau wie die Coachings, mit denen ich mich auseinandergesetzt habe und, abgesehen vom Inhalt, den man natürlich als fragwürdig ansehen kann, fand ich das doch erschreckend. Das liegt auch daran, dass ich in diesem Fall genau die Zielgruppe bin.

 

Warum erschreckend?

Der YouTuber Mike Winnet setzt sich in seinen Videos mit der amerikanischen Business-Mindset-Entrepreneur Szene auseinander und enttarnt Coaches, wenn er einen Betrug vermutet. Bei seinem Format Contrepreneur Bingo kommentiert er Pitches von Coaches und spielt eine Art Bullshit Bingo mit Indikatoren dafür, ob es sich bei dem Pitch um einen Betrug handelt. Ich werde nicht beurteilen, ob es sich bei dem Coaching von Magnus Resch tatsächlich um einen Betrug handelt, aber der als Gratis-Webinar getarnte Sales Pitch füllt fast alle Felder der Bingokarte aus.

 

Inwiefern?

Resch verspricht in diesem Gratis-Webinar zu lehren, wie man drei Kunstwerke im Monat mehr verkauft, wie man eine „world-class gallery representation“ bekommt und wie man ein phänomenales Artist Statement in einer halben Stunde schreibt. Als Beispiel für gute Artist Statements verweist er auf die Mission Statements von Uber und Apple. Ich war zwar beim Verfassen dieser Texte nicht dabei, aber ich vermute, dass deren Formulierung ein bisschen länger als die von Resch angesetzten 30 Minuten gedauert hat. Auf der Bingo Card können wir also wohl „Unrealistic Results“ ankreuzen, zumal diese Versprechen zumindest in dem Gratis-Webinar nicht eingelöst werden. Er wirbt auch damit, live zu sein. Man muss sich da für einen Slot registrieren, um einen der begrenzten Plätze zu ergattern. Dann wartet man vor einem Timer sitzend, bis ein Video abgespielt wird, in dem Magnus Resch so tut, als handele es sich um einen Livestream. Die Chatfunktion ist so programmiert, dass man reinschreiben kann, aber keine Antwort enthält. 

Der Chat suggeriert, dass gerade über 300 andere verzweifelte Künstler*innen aus der ganzen Welt teilnehmen. In Wirklichkeit ist es immer das gleiche Video das abgespielt wird. 

Diese Art, ein Commitment zu erzeugen, da ich auch nicht die Möglichkeit habe, vorzuspulen oder auf Pause zu drücken, ist mir öfter begegnet. Das Commitment besteht darin, dass ich meine Zeit investiert habe, wenn ich das angebliche Live-Webinar besuche. Dinge, in die wir etwas investieren, bedeuten uns etwas und es fällt uns schwer, uns einzugestehen, dass es eine Fehlinvestitionen sein könnten. Die Verhaltensökonomik nennt diesen Mechanismus „sunk cost fallacy". Das ist auch der Grund, warum viele Menschen immer weiter Upsales kaufen, auch wenn die Produkte nicht den versprochenen Erfolg liefern. Die Angst, zu früh auszusteigen und damit alles bisher Investierte zu verlieren, ist oft größer als der Zweifel. Das ist ein vielleicht mit Spielsucht zu vergleichendes Gefühl; das habe ich selbst erlebt beim Ansehen der Videos.

 

Was ist die Story, mit der Resch seine Kompetenz als Coach legitimiert?

Das ist ganz interessant, denn er verweist nicht wie seine Kollegen auf einen Lamborghini oder eine Uhr sondern Zielgruppe entsprechend auf seine Lehrtätigkeiten an Universitäten, sein Netzwerk in der Kunstwelt und auf seine Bücher. Es folgt die sogenannte „Bullshit-Backstory“ auf der Bingokarte: hierfür muss Resch aber nicht aus der Gosse empor steigen, es reicht in seinem Fall, gar nichts mit Kunst zu tun gehabt zu haben. „I didn’t know anyone when I started“. Sein Erweckungserlebnis sei der zufällige Kauf des Buches I bought Andy Warhol von Richard Polsky. Dieses Buch war sein Mentor.

 

Und konntest du seinem Geheimnis auf die Spur kommen?

Reschs „Geheimnis“ ist, dass es keine messbare Qualität von Kunst gibt und ihr nur durch Kontextualisierung Wert zugesprochen wird. Seiner Meinung nach ist es dementsprechend egal was für Kunst man mache und man solle seine Zeit nicht im Studio verplempern, um daran zu arbeiten, sondern surprise, surprise: networken, networken, networken. Zum Beispiel indem man so viele Informationen wie möglich über Galerist*innen recherchiert, um mit diesen bei einem potenziellen Treffen zu bonden. Bei Eröffnungen wisse man natürlich nicht immer, ob die Person, mit der man gerade spricht, ein warmer oder eher nicht so warmer lead ist. Deshalb brauche man Ausdauer. Resch unterscheidet zwei Typen von Künstler*innen: diejenigen, die denken, ihre Kunst würde für sich selbst sprechen, abwarten und andere verantwortlich für ihren eigenen Misserfolg machen. Auf der anderen Seite gebe es die, die proactive sind und Geld machen wollen und dementsprechend seinen Kurs kaufen. Jetzt ist das „Gratis-Webinar“ eigentlich schon vorbei und der „Product Pitch“ - das nächste Kästchen auf der Bingocard - für den Bezahlcontent beginnt. Nach den Testimonials von glücklichen Teilnehmer*innen kommt der sogenannte „Bonus Stack“ Bingokästchen-Check. Es gibt heute nämlich nicht nur ein Produkt zu kaufen: Resch schnürt gleich vier digitale Produkte zu einem Paket mit einem angeblichen Gesamtwert von 15.325$ zusammen. Ein weiteres Bingo-Kästchen: „Inflated Value“. Das ist natürlich viel Geld für “erfolglose” Künstler*innen. Aber Resch versichert: es zahle sich aus. Und das illustriert er mit einem einfachen Rechenbeispiel. Das ist die bereits erwähnte Einwandbehandlung: Drei mehr verkaufte Kunstwerke im Monat, sind 36 Verkäufe im Jahr und das bedeutet laut Resch mindestens 108.000$ Mehreinnahmen. Dazu kommen noch die versprochenen Ausstellungen in Top-Museen sowie Galerie Repräsentationen: „Would it be worth it?“.

 

Was ist die Erkenntnis am Ende dieser Arbeit?

Diese Coachings sind ein exemplarischer Ausdruck unseres Zeitgeistes, bei dem alle Verantwortung auf das Individuum übertragen wird und solidarische Kollektive mit Skepsis betrachtet werden. Die eigene Empfindsamkeit wird über alles gestellt, strukturelle Probleme damit negiert. Die stetige Selbstbefragung nach Optimierungspotenzialen führt zur Vereinzelung und durch Slogans wie „Your network is your net worth“ werden selbst private Beziehungen und Freundschaft auf ihre Verwertbarkeit reduziert. Hinzu kommen die Ideale der Achtsamkeit, Selbstliebe und Akzeptanz einem selbst gegenüber, die wir erfüllen sollen. Ich empfinde das selbst oft als Drahtseilakt: Auf der einen Seite ständig damit konfrontiert zu sein, mich vergleichen zu müssen, auf der anderen Seite mich auch noch selbst lieben zu sollen. Deswegen möchte ich mich lieber weiterhin damit beschäftigen wie Solidarität, Kollegialität und Selbstorganisation aussehen können. Ich stelle immer wieder fest, dass individuelle Ellenbogen aus Angst einzusetzen weniger Sicherheit bietet, als mit den Armen Ketten zu bilden.

 

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