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KARL MARX UND DER KAPITALISMUS

Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum.

  • Feb 07 2022
  • Sabine Kritter & Jürgen Herres,
    S.K. Dr. des., Politikwissenschaftlerin, Kuratorin der Ausstellung.
    J.H. Dr., Historiker, wissenschaftlicher Berater.

Spätestens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 erfahren der globale Kapitalismus und Karl Marx als dessen Analytiker und Kritiker wieder verstärkte Aufmerksamkeit. Heute sind 43 Prozent der Deutschen überzeugt, dass Marx’ Kapitalismuskritik noch dazu
beitragen könne, die Probleme der modernen Wirtschaft besser zu verstehen. Unter den 16- bis 22-Jährigen und den 55- bis 64-Jährigen sind es jeweils sogar über 60 Prozent. Knapp 22 Prozent sehen das nicht so, etwas mehr als ein Drittel hat dazu keine Meinung. So eine im Vorfeld der Ausstellung «Karl Marx und der Kapitalismus» vom Deutschen Historischen Museum in Auftrag gegebene repräsentative IPSOS-Umfrage.

Das 19. Jahrhundert, in dem Marx lebte und wirkte, ist zu Unrecht lange in weite Vergangenheit gerückt worden. Inzwischen wird jedoch auch dessen Nähe zur Gegenwart betont, da die damaligen beschleunigten ökonomischen, sozialen und kulturellen Umbrüche
Ähnlichkeiten mit dem gegenwärtigen Umbruch von einer industriellen in eine postindustrielle Gesellschaft erkennen lassen. Über eine politische und wirtschaftliche Doppelrevolution hinaus vollzog sich im 19. Jahrhundert eine erste moderne Globalisierungswelle.
Die Schadensfolgen des Energiehungers der Industrialisierung nach fossilen Brennstoffen dauern bis heute an. Nachdem die Französische Revolution von 1789 alle ständischen Privilegien und religiösen Hierarchien infrage gestellt hatte, wurde das Vordringen der industriellen Massenproduktion und der wettbewerbsorientierten Marktwirtschaft im Europa des 19. Jahrhunderts zur
prägenden Erfahrung.

Die mit der Industriellen Revolution einhergehenden gesellschaftlichen und sozialen Umbrüche und Transformationsprozesse
wurden als Zusammenbruch des gesellschaftlichen Zusammenhalts wahrgenommen. In Europa entwickelte sich eine den wirtschaftlichen Wandel begleitende Gesellschafts- und Sozialkritik. Das Soziale wurde politisch, der Gleichheitsgedanke radikalisiert.
Sozialismus und Kommunismus wurden seit den 1830er Jahren in England und Frankreich Sammelbegriffe für radikale Gesellschaftsreformen und von dort nach Deutschland übertragen.

Von der Religions- und Philosophiekritik kommend, spitzte Marx die Gesellschaftskritik seiner Zeit zur Kapitalismuskritik zu. In seinem ökonomischen Hauptwerk Das Kapital (1867) setzte er sich nicht weniger zum Ziel als «das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen». Nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 hatte er sich in London, damals
die größte Stadt Europas und Mittelpunkt der globalen Finanz- und Handelsströme, auf die Suche nach der ökonomischen Logik des Kapitals gemacht. Angesichts einer noch nie gesehenen Umwälzung von Wirtschaft und Gesellschaft trachtete er nach einer wissenschaftlichen Erklärung, die zugleich eine politische Perspektive eröffnen sollte. Kapitalismus war für ihn ein wirtschaftliches Phänomen, genauso aber auch eine gesellschaftliche Formation, in der die Dominanz des Kapitals die sozialen, politischen, rechtlichen und kulturellen Beziehungen durchdringt.

Die Ausstellung «Karl Marx und der Kapitalismus» zeigt Marx als Philosoph, Journalist, Ökonom und politischen Akteur des 19. Jahrhunderts. Sie präsentiert und problematisiert sein Werk und Wirken als Auseinandersetzung mit dem sich dynamisch verändernden Kapitalismus sowie mit den Krisen und Konflikten seiner Zeit. Marx’ Historisierung verbindet die Ausstellung aber auch mit der Frage nach seiner Aktualität. Wichtige Aspekte der Marx’schen Gesellschafts- und Ökonomiekritik, in Beziehung gesetzt zum historischen Kontext, können Anknüpfungspunkte zur heutigen Zeit eröffnen, ohne dass Vergangenheit und Gegenwart gleichgestellt würden.

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This text was published in the Extrablatt of ISSUE 19: ANTICRISTOS, a dialogue between AWC and the Deutsches Historisches Museum (DHM), in the frame of the exhibition Karl Marx und der Kapitalismus, opening on February 10, 2022.