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Sprich nicht mit Feinden. Unterwerfe sie.

Ein Appell an die Diskussionskultur

  • May 19 2020
  • Klaus Speidel
    Klaus Speidel is an image and art theorist, academic philosopher, art critic and curator. He studied philosophy and art history in Munich (LMU) and Paris (Ecole normale supérieure) and got his PhD from the Sorbonne. He teaches at Vienna University, Ecole Estienne in Paris, the Salzburg Summer Academy for Fine Arts and the New Centre for Research & Practice. Aside from academic publications on art, narrative, depiction, style, drawing and digital, Klaus Speidel writes about art and images for newspapers and magazines, and in catalogues. In 2015, he received the AICA France Prize for Art Criticism.

Likes, Sterne, Herzchen: Während unterschiedlichste, auch ganz neue Formen der Beurteilung weltweit in allen Bereichen massiv zum Einsatz kommen, hält sich die professionelle Kunstkritik seit vielen Jahren mit Bewertungen zurück – jedenfalls wenn es um die künstlerischen Inhalte geht. Was dagegen massiv kritisiert wird, sind Personalentscheidungen. Gerade weil es aber mehr Künstler_innen als Platz in Ausstellungen gibt, wären Diskussionen über Kunst wichtig. Denn vielen Ausstellungsmacher_innen fehlt es offenbar an Orientierung: Auf eine wichtige und bewegende künstlerische Position folgt regelmäßig so obskurer Bullshit, dass mir die Kunstvermittler_innen jedes Mal Leid tun. Die Kunstkritik_innen unternehmen nicht dagegen. Im Gegenteil: Wir produzieren allzu oft konzeptuellen Mehrwert für lahme Kunst. Für Crit Cross. A Forum on Art Criticism, eine Diskussionsgruppe von Verein K, die ich seit zwei Jahren in Wien leite, habe ich letzten Monat etwa 40 Besprechungen von Ausstellungen in der Wiener Secession der letzten Jahre durchgesehen. Darin wurde kräftig beschrieben, viel im Werk der Künstler_innen kontextualisiert und manchmal sogar interpretiert. Eine Verortung der Ausstellungen in einem größeren gesellschaftlichen Kontext, welche zeigen könnte, dass Kunst auch über die Kunstwelt hinaus noch relevant ist, kam höchstens vier oder fünfmal vor und beschränkte sich auf den Artikelanfang. Bewertungen der Ausstellung wurden höchstens ganz vorsichtig angedeutet. Eine klar negative Bewertung gab es nur von Almuth Spiegler in der Tageszeitung Die Presse

Dabei ist Bewertung das Einzige, was Kunstkritiken von anderen Texten über Kunst unterscheidet. Die Kunsthistoriker_innen üben sich in vornehmer wissenschaftlicher Zurückhaltung und Katalogbeiträge zu verfassen akzeptiert man nicht, wenn man die Kunst nicht gut findet. Leider ist es inzwischen wohl auch bei Kunstkritiker_innen so und manche Magazine fragen mich, was ich gut fand, um darüber zu schreiben. Ich würde gerne glauben, dass es andere Gründe dafür gibt als die Tatsache, dass wir nicht die Hand beißen, die uns füttert. Aber anders als Filmkritiker_innen und bei Zeitungen festangestellte Kritiker_innen – freilich kaum noch vorhanden – würden die freien Kunstkritiker_innen nicht über die Runden kommen, wenn sie nicht gelegentlich Ausstellungseröffnungen machten oder Katalogbeiträge und Pressetexte für Galerien schrieben, genau wie Kunstmagazine von der Werbung der Kunstinstitutionen leben. Dass viele Kritiker_innen – darunter auch ich selbst – auch Ausstellungen kuratieren, macht die Situation nicht einfacher. Müssen wir nicht befürchten, dass eine negative Bewertung uns interessante Möglichkeiten raubt? Ob die Befürchtung berechtigt ist, weiss ich gar nicht. Ich übe jedenfalls kaum bewusst Selbstzensur aus, und die Gründe, warum eine kritische Besprechung abgelehnt oder bis zur Unkenntlichkeit editiert wird, sind selten transparent. Nur wenn zufällig drei Monate lang ein Banner für eine Ausstellung auf einer Website geschaltet wird, die zuvor den Verriss genau dieser Ausstellung abgelehnt hat, werde ich zum Indizienleser. 

Zur soziologischen Dynamik kommt eine rein psychologische: Um zu zeigen, dass eine Ausstellung besonders irrelevant ist, müssen wir uns ausgiebig mit ihr beschäftigen. Gerade dann wollen wir nämlich nicht falsch liegen. Aber wer beschäftigt sich schon gerne freiwillig mit Dingen, die er nicht mag? Besonders wenn nur Undank winkt.

Fakt ist: In “Kritiken” werden Inhalte nur noch selten evaluiert. Dazu kommt mangelnde Diskussionskultur – vielleicht ist es auch andersherum. Denn damit über Kunst diskutiert werden kann, müsste erst einmal jemand öffentlich Position beziehen. Und wenn das geschieht, müsste jemand antworten. Das sind viele “müsste”.

Ich setze mich hier natürlich nicht für die Kunstwelt-Version des Facebook Likes ein (die gibt es schon zuhauf), sondern für das, was Noël Carroll in seinem Buch On Criticism “begründete Bewertung” nennt. Die Bewertung darf natürlich auch positiv sein und die Begründung, meint Carroll, solle sechs Aspekte umfassen: Beschreibung, Klassifizierung, Kontextualisierung, Erläuterung, Interpretation und Analyse. Was das im Einzelnen ist, wird bei Carroll ausgiebig beschrieben. Besonders originell ist das Kriterium der Klassifizierung. Damit bezeichnet Carroll die Feststellung der Kategorie eines Kunstwerke, auf der die nächsten Schritte aufbauen. Für ein konzeptuelles Kunstwerk gelten nicht die gleichen Interpretations- und Bewertungskriterien wie für neo-expressionistische Malerei. Wenn Fans politischer Kunst abstrakte Malerei ablehnen weil sie zu unpolitisch ist, haben sie eigentlich das Thema verfehlt. “Positioniertheit” falsch verstanden produziert schlechte Kritik.

Beobachtungen zur Institution oder zur Person der Künstler_innen gehören unter Umständen zur Kontextualisierung. Sie sind damit bestenfalls ein kleiner Teilaspekt von Kunstkritik. Dennoch stehen sie im Mittelpunkt der brutalen Dispute in der aktuellen Kunstwelt. Vielleicht, weil es so viel einfacher ist, als sich intensiv mit künstlerischen Inhalten auseinander zu setzen? Oder weil zu viele davon irrelevant sind? Die Orte des Streits sind leider nicht jene der intensiven Auseinandersetzung mit der Kunst (und umgekehrt). Diejenigen, welche aufmerksam beschreiben, klassifizieren, kontextualisieren, erläutern, interpretieren und analysieren, bewerten nur selten. Andersherum beruhen die entschiedensten Bewertungen meist auf den oberflächlichsten Beobachtungen. Insofern die Kunstwelt noch kritisch ist, beschäftigt sie sich mehr mit Personalien als mit Inhalten. Sind genug Frauen im Programm? Hat die Malerin die richtige Hautfarbe? Ist die Ausstellung divers genug? Wenn eine Institution sonst alles richtig macht, lässt sich vielleicht wenigstens ein falscher Sponsor finden, oder ein falscher Aufsichtsrat? Zumindest ein Künstler wird doch unmögliche Tweets geschrieben haben? Wenn ja, wird nicht diskutiert, sondern gecancelt. Man schreibt einen offen Brief und versucht zu verhindern, dass die Leute hingehen. Der Vorteil: Man selbst kann zuhause bleiben und erspart sich so viele irrelevante Ausstellungen. Im Dezember hat Stephanie Bailey bei Crit Cross mit Morgan Quaintance über seine harte Kritik an ihrer Besprechung der Biennale in Athen diskutiert. Sie hat immer wieder gefragt, ob er die Ausstellung denn gesehen habe, bis er schließlich irritiert antworte: “Nein, aber darum geht es auch nicht!” Warum es ging, waren Textnachrichten von zwei Künstlern. Vielleicht ist das das Hauptproblem der aktuellen Kunstwelt: Es geht immer um etwas anderes als die Kunst selbst. Es geht nicht um Argumente, sondern darum, wer besser mobilisieren kann. Jede Ausstellung ist ein Gefecht im großen Krieg der Kulturen – und mit seinen Feinden spricht man nicht. Man unterwirft sie.

 

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"Sprich nicht mit Feinden. Unterwerfe sie." Appeared in print issue 11, "Faux Culture"