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VERWICKELTE BEZIEHUNGEN

Agnieszka Roguski über „The Joy of Being the Cause“ von Zuzanna Czebatul im M.1 der Arthur Boskamp-Stiftung.

  • May 04 2022
  • Agnieszka Roguski
    lebt und arbeitet in Berlin an der Schnittstelle von Forschung und Kuratorischem. Sie versteht ihr Wissen als Praxis – und umgekehrt. Diesem Grundsatz folgend, beschäftigt sie sich vorwiegend mit Visuellen und Digitalen Kulturen, Performance und queer-feministischen Perspektiven, etwa in ihrer Promotion The Self on Display an der Freien Universität Berlin.

In Zeiten politischer, ökonomischer und sozialer Krisen wird die Frage nach aktivistischer Kunst laut: Kunst soll sich einmischen, soll etwas tun, statt im White Cube zu gefallen. Grund dafür ist der Gedanke, dass Kunst vor allem repräsentative Zwecke erfüllt; den Kunstraum also lediglich symbolisch auflädt, während er stattdessen aktiv genutzt werden könnte. Rückblickend scheinen die unscharf gewordenen Trennlinien zwischen Kunst zu Aktivismus in den 1960er- und 1970er-Jahren darum fast eine Notwendigkeit darzustellen: Parallel zu den Bürgerrechts- und Studentenbewegungen wurden in der Installations-, Performance- und Konzeptkunst westliche Konzepte des schöpferischen Individuums und (männlichen) Autors genauso hinterfragt wie jene einer überhaupt autonomen Kunst. Heute gehen Aktivismus und Medienwirksamkeit oft Hand in Hand, etwa wenn das Berliner Künstler*innenkollektiv „Zentrum für politische Schönheit“ im September 2021 die AfD mit einer falschen Flyer-Firma täuscht oder 2017 mit der Aktion „1000 Gestalten“ hunderte in Lehm gehüllte Menschen gegen den G20-Gipfel in Hamburg protestieren. Aktivistische Kunst nutzt den öffentlichen Raum, um von dort ausgehend nach seinen Möglichkeiten der Partizipation zu fragen; oder aber, wie mit den Poster- und Flyer-Aktionen der New Yorker Guerilla Girls, die Repräsentationsverhältnisse innerhalb von Kunstinstitutionen öffentlich zu machen. 

Zuzanna Czebatul wiederum nimmt die Zwecke privatwirtschaftlicher, institutioneller und staatlicher Akteur*innen zum Ausgangspunkt für ihre künstlerische Praxis, um sie ins Verhältnis zu politischen Prozessen zu setzen. Als ich im Rahmen meiner künstlerischen Leitung am M.1 der Arthur Boskamp-Stiftung in Schleswig-Holstein die Programmreihe EXCLUSIVITIES––EXKLUSIVITÄTEN konzipiere, interessiert mich eben diese machtkritische Perspektive. Der Ausstellungsraum soll nach außen abgeschlossen werden, innen leer bleiben. Zuzanna Czebatul entscheidet sich dafür, das Gebäude vollständig einzuwickeln, was seine repräsentative Funktion sowohl außer Kraft setzt als auch unterstreicht: „The Joy of Being the Cause“ überdeckt das Gebäude der Stiftung – und alles, was darin sichtbar sein kann – mit einer Gerüstplane. Damit wird nicht nur ein Material zum Protagonisten der Ausstellung, das sonst Baustellen eigentümlich ist, sondern auch die Frage nach der Materialität und Wertigkeit vermeintlich unsichtbarer institutioneller Zwecke. Die Stiftung, gegründet durch Teile des Nachlasses des künstlerisch tätigen Unternehmers Arthur Boskamp, avanciert zum Modell zunächst verdeckter Interessenlagen privatwirtschaftlicher Stiftungen. Die Abdeckung des Gebäudes exponiert und fiktionalisiert diese Grundsituation – oder vielmehr den Transfer privater Motive in eine öffentliche Agenda. Wenn sich also auf der Plane die Konturen des Gebäudes auf fast comichaft wirkende Weise wiederholen, fungiert „The Joy of Being the Cause“ als Titel, Aufdruck und Signatur zugleich: Der Zweck einer Stiftung verwirklicht sich im Moment seiner sowohl öffentlichen Aufführung als auch persönlichen Ausführung. Der Psychiater Karl Groos bestimmte durch diesen Satz im Jahr 1901 die Freude eines Kindes, wenn es seine eigenen Handlungen erstmals als wirksam für andere wahrnimmt. Die Teilnahmemöglichkeiten an diesem Vergnügen stehen zur Debatte: Wem öffnet sich eine Institution? Wer beschreibt sie – und wen? Den Umbau eines Gebäudes markierend, deutet die Gerüstplane vor allem auf die Zeitlichkeit jeder zweckmäßigen Ursache hin. Zuzanna Czebatul bringt damit nicht Aktivismus in den White Cube, aktiviert aber die Bedingungen, mit denen Machtmonopole repräsentiert werden. Diese Macht ist genauso wenig fern von Kunst, wie Kunst selbst autonom ist. Vielmehr stehen beide in einem ineinander verwickelten Verhältnis.

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