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JAHRESÜBERBLICK MIT HITO STEYERL: WEITERATMEN IM FREIEN FALL

Covid-19, Aluhüte, Reichsbürger, QAnon, Kunstraub, der Kampf um die Zukunft auf CNN und der Streif einer neuen Kunstwelt über dem Tempelhofer Feld: Das war 2020.

  • Dec 16 2020
  • Kolja Reichert
    is editor for visual arts at Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.

Kolja Reichert: Wie geht’s? Du warst dieses Jahr gleich mehrmals in Quarantäne, erst, weil Du krank warst, dann wegen Infektionen in der Schule Deiner Tochter.

Hito Steyerl: Mir geht's gut. Es ist eine Quarantäne nach der anderen, aber so ist es halt. Die tun so, als wären die Schulen kein Problem, das ist einfach Hirnwitz.


Während die Museen geschlossen sind. Auch Deine große Werkschau in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf. Dabei gibt es eigentlich kaum Räume in der Gesellschaft, die eine größere Routine darin haben, Menschen zu registrieren, zu kontrollieren und zu überwachen als Museen.

Gefängnisse vielleicht. Ich finde das okay, dass die Museen zu sind. Ich kann mich der allgemeinen Empörung darüber nicht anschließen. Meine Tochter und ich diskutieren ja gerade den Remmo-Fall.

Stimmt, gestern war die Razzia beim Remmo-Clan wegen des Dresdner Kronjuwelen-Raubs vor einem Jahr. Was sagt Deine Tochter?

Es wurden ja auch Anfang Oktober hier in Berlin Objekte in mehreren Museen mit Öl beschmiert, darunter auch Reliefs aus Tell Halaf, an der syrisch-türkischen Grenze. Das liegt nur achtzig Kilometer von dem Ort, wo die Remmos herkommen. Das heißt, hier wird jetzt das Zeug kaputt gemacht, das aus Syrien abtransportiert wurde, und die Remmos versuchen sich privatunternehmerisch zu entschädigen, indem sie Goldmünzen aus Berliner Museen klauen. Haben sich schon voll integriert in den Reichskunstklau. So sicher sind die Museen auch nicht.

Was war 2020 für ein Jahr?

Transitionsjahr. Jahr der Umorientierung. Jahr, in dem real wurde, was man sowieso weiß: So geht's nicht weiter. Natürlich gibt es genug Akteure die immer noch versuchen: Weiter so, Biennalen, Blockbuster! SUVs! Kreuzfahrtschiffe! Aber ich glaube, viele haben verstanden, dass es wichtig ist, jetzt umzuschwenken, andere Infrastrukturen aufzubauen und allmählich die Transition in andere Modelle Realität werden zu lassen.

Welche Chancen siehst Du in der Transition?

Dieses neoliberale, globalistische Kunstparadigma der letzten zwanzig Jahre ist auf den verschiedensten Ebenen nicht mehr tragbar: die ganze Blockbuster/Ausbeutungs-Industrie mit ihrer unguten Verquickung von öffentlichen und privaten Akteuren, die Umweltaspekte, der Übertourismus, Zollfreilager, Steuerschwindel. Und insgesamt das Ponzi-Scheme der Ausbeutung, das junge Leute dazu bringt sich für ihre MFAs zu verschulden, weil sie denken, dass man da schnell zum Star werden und Auktionserfolge erzielen kann. Dieses System ist ausgelaugt. Das wird auch viele Nachteile haben: Einer, den wir jetzt schon sehen, ist, dass die internationale Dimension der Kunstwelt zerbröselt und das ganze Geflecht an Beziehungen, an Diskussion, an Austausch, gerade ein bisschen vor den Bach geht. In vielen Ländern sind die nationalistischen und reaktionären Bewegungen so stark geworden, dass die Diskussion sich jetzt nolens volens auf die Situation vor Ort konzentriert. Großbritannien und die USA schmoren in ihrem eigenen Saft. Der Rechtspopulismus sorgt dort wie überall sonst auch für Selbstprovinzialisierung.

Dieses Jahr hat vieles Gestalt angenommen, wovon Du seit Jahren gesprochen hast. Ich musste in den CNN-Nächten an Deine These denken, dass sich die Gegenwart um Spekulationen über die Zukunft organisiert: Ich wache auf und sehe wie Trump erklärt, dass er die Wahl gewonnen hat. Mehr noch als in den vier Jahren davor habe ich das Gefühl, dass er gerade allen etwas weggenommen hat: die Wahrheit. Schnitt zum Moderator, der mit empörtestem Gesichtsausdruck beteuert, dass das nicht wahr ist. Dann die Kommentatorinnen, die routiniert und professionell die Wahrheit wieder zurückholen. Ich hatte das Gefühl, es hängt am kleinsten Gurgellaut des Präsidenten, es entscheidet sich mit dem kleinsten Heben oder Senken einer Augenbraue der Moderatorinnen, was jetzt gerade wahr werden wird.

Das war ja wie so eine Zaubereiveranstaltung: Alle waren um die Zukunft herum und haben versucht sie zu beschwören. Es ging um das überzeugendste Ritual der Heraufbeschwörung der Zukunft. Wirklich ein magischer Akt.

Auch die magische Tafel. Die Moderne beruht ja entscheidend auf dem Ausstellen von Objekten, denen durch die Erklärtafel eine Autorität verliehen wird. Das Exponat ist der Beweis für die Daten daneben, und die Daten sind der Beweis für das Exponat. Auf dieser Tautologie beruhen ja alle Museen, Städte, Einkaufszentren und der Tourismus. Timothy Mitchell nennt das die „exhibitionary order“. Aber die reicht wohl nicht mehr aus. Phil Mattingly musste die Plausibilität der Zahlen auf der Tafel immer neu aufführen, damit man ihnen glaubte. Es ist als würde das Ausstellen zur Evidenz-Erzeugung nicht mehr ausreichen, sondern es kommt entscheidend auf die körperliche Performanz an.

Das ist der Kampf um die Captions. In der Kunst ist ja sowieso der Signifikat immer unklar, und es kommt darauf an, wer es wie interpretiert, und hier sah man das wirklich live und mit hohem Einsatz, wie dieser Kampf um die Deutung vor unseren Augen stattfindet. Wir sahen, wie die Macht im Minutentakt aus Trumps Körper wegdampft. Dieses magische Ringen veranschaulicht, warum Evidenz so ambivalent ist. Was klar scheint, muss trotzdem validiert werden, notfalls durch magische Performance.  

 

"Das Faszinierende in diesem Jahr ist für mich zu sehen, dass die Entität, die vom Virus wahrscheinlich am stärksten angegriffen wird, allgemein gesehen, Gesellschaft als solche ist. Man sieht genau welche Gesellschaften soweit funktionieren, dass sie dieser Krise standhalten können, und welche eben auseinanderbrechen in diese Kakophonie der Individuen, die alle ihre individuellen Privilegien verteidigen."

 

Diese Ablösung der Autorität des Exponats durch die Autorität des gestreamten Gesichtes hat mich auch im Video von Attila Hildmann vor dem Kanzleramt beeindruckt – der ja auch dazu aufgerufen hat, das Pergamon-Museum zu stürmen ...

... "Thron des Satans!" Ich habe gerade mit Mark Waschke eine Museumsinsel-Folge für meine Webserie auf e-flux gedreht, wo Mark filibustert: "Attila Hildmann: Der Thron des Satans – das klingt doch wie ein SAT1-Event-Movie. Da stehen sie mit ihren Reichsfahnen...“ Da dachte ich, stimmt: draußen vor dem Pergamonmuseum die veganen Reichsbürger und drinnen die mentalen Reichsbürger, die weiterhin an der Kaiser-Zeit-Idee festhalten, dass Kulturnation ist, wer am meisten Exponate zusammenklaut und in einem Fake-Schloss hortet.

Und Hildmann zetert vor dem Kanzleramt gegen Angela Merkel. Und ich denke, fuck: Einfach weil du jetzt da stehst, wo sonst die öffentlich-rechtlichen Kommentatoren stehen, muss ich echt Arbeit aufwenden um zu widerstehen, weil du machst gerade die selbe Evidenzerzeugung. Und ich spüre, wie wenig diese Wut zu tun hat mit der Frage, was stimmt oder nicht, sondern: Was ist ein sinnhaftes und erfülltes Leben? Und das ist offenbar im rationalen Zusammenhang für viele nicht zu haben und deshalb im Aufruhr gegen das "System" zu suchen. In der einen Hand hat man das Demonstrationsschild und in der anderen das Handy, und ist endlich kein Untertan mehr. Endlich kann man sich selbst die Verfassung schreiben. 

Wie eine Umkehrung des TV Buddha von Nam June Paik. Das verschwörungstheoretische Modell des Feedback: In der einen Hand das Plakat mit der alternativen Wahrheit, und in der anderen das Handy, um sie zu validieren. 

Das heißt, die Objekte in den Museen haben keine Autorität mehr, die kann man mitnehmen oder übermalen, und die Exponate, die wirklich Evidenz erzeugen, laufen einfach frei draußen rum. Und der Staat hat alle Hände voll zu tun, die irgendwie zusammenzukehren.

(lacht) Ja. Die Exponate laufen alle draußen rum. Ich bin ja gerade auf dem Sprung zum Filmen, die wollen ja jetzt wieder das Parlament stürmen, und ich lade gerade meine Akkus.

Wie war das für dich, das erste Mal eine Corona-Demo zu filmen? Du warst ja selbst krank, und es war nicht schön.

Ich bin erstaunt von dem Ausmaß der Realitätsverleugnung. Aber gleichzeitig kenne ich dieses Genießen schon lange. Das ist rational nicht zugänglich. Das Genießen kann man ja nicht wegdiskutieren. Es ist nur die Frage: Warum ist es für viele in dieser Gesellschaft der größte Spaß, sich als Auserwählte, als überlegen im rassischen Sinne oder sonstwie zu sehen? Wie sind wir an diesen Punkt gekommen?

Ja, wie sind wir an diesen Punkt gekommen?

Man hat den Leuten seit Jahrzehnten gesagt, naja irgendwie stört ihr die Marktmechanismen, so richtig fit im Überleben der Stärksten seid ihr ja nicht, aber ok, ihr gehört zu uns, vong Kultur her und so, also hier der Deal: Ihr werdet immer signifikant besser behandelt als die „Anderen“, also Fünfzig-Meter-Vorsprung im Hundert-Meter-Rennen, Arierbonus. Außerdem dürft ihr so schnell Diesel fahren wie ihr wollt, und wenn ihr eure Frauen verprügelt oder paar Linke in Neukölln abfackelt, dann sehen wir das nicht so eng. Aber ehrlich jetzt, ihr seid doch echt die Opfer hier mit eurer Altersarmut, und die Professorenjobs kriegt ihr auch nicht mehr automatisch zugewiesen, weil es gibt auch weiße Frauen. Und das spüren die, die Würde ist weg. Ist nicht schön, wenn man, so wie Audi oder VW, strukturell schummeln muss um überhaupt noch mitzukommen. Sie spüren, dass sie allmählich genauso verzichtbar werden, wie der Rest von uns schon immer war. Und jetzt laufen sie herum und schreien: „Ich bin das Volk“ und hoffen, dass das dann wahr wird, wenn alle das schreien.

Was ja nicht auf alle Demonstranten zutrifft, ich habe Freunde in der Jugend- oder Sozialarbeit, die zumindest am Anfang durchaus Verständnis für die Demos hatten.

Klar, ich meine hier nur die Verschwörungstheoretiker, nicht die die um ihren Lebensunterhalt bangen, wie die Eventleute. Diese Proteste sind völlig legitim, die Probleme rational lösbar. Aber was kann man den anderen überhaupt für Angebote machen? Wie kann man das überhaupt vermitteln: Leute, es war lange so, dass Ihr diese Vorzüge genießen konntet, obwohl das eigentlich nicht die Spielregeln waren. Ihr habt die Parkstraße die ganze Zeit geschenkt bekommen gehabt. Symbolisch, nicht de facto. Und jetzt wollen wir mal die Karten fair mischen. Wie kann man die Leute überreden, da noch mitzuspielen?

Eigentlich nur indem die Milliardäre auch mitspielen, oder?

Genau, Spiel komplett ändern: die Parkstraße in eine Kooperative verwandeln, in ein genossenschaftliches Wohnprojekt.

Oder in eine Disurbanism-Lösung, wie unter Sowjet-Architekten erdacht, dass man einfach überall wohnen kann.

Ja, so 'ne Art rätedemokratisches AirBnB.

Ich sehe in den Corona-Demonstrationen aber auch einen Aufstand des Anspruchs auf die Deutungshoheit. Nicht die Souveränität über den Ausnahmezustand, sondern die Souveränität über den Zustand. Ich war teils total erschrocken, wenn ich auch bei Bekannten gemerkt habe: Sie wollen diese Souveränität über den Zustand nicht aus der Hand geben. Regeln brechen war irgendwie Teil des persönlichen Bereichs, wenn nicht sogar ein Zeichen politischer Aufgeklärtheit. Und wenn man jetzt darauf besteht, kommt man plötzlich in ganz komische Gesellschaft.

Es gibt sowas wie ein Recht auf den individuellen Regelbruch, das aber nur im Kontext eines neoliberalen Marktmodells verstanden werden kann. Margaret Thatcher hat das ins Rollen gebracht: Gesellschaft gibt es nicht - Ihr seid alle im Wettbewerb gegeneinander, aber dafür könnt ihr jetzt selber entscheiden ob ihr über die Ampel geht oder nicht. Wir haben sowieso nicht genug Kräfte um das zu kontrollieren, macht mal. Mach ruhig den Mini-Warlord an deinem Küchentisch. Das ist die Karotte, die mit dem Stecken des neoliberalen Wettbewerbs einhergeht, der „Anreiz“. Und das sind jetzt die Freiheiten, auf denen nicht nur die Verschwörungstheoretiker, sondern viele andere auch bestehen. Das Faszinierende in diesem Jahr ist für mich zu sehen, dass die Entität, die vom Virus wahrscheinlich am stärksten angegriffen wird, allgemein gesehen, Gesellschaft als solche ist. Man sieht genau welche Gesellschaften soweit funktionieren, dass sie dieser Krise standhalten können, und welche eben auseinanderbrechen in diese Kakophonie der Individuen, die alle ihre individuellen Privilegien verteidigen.

Und wie erklärst Du Dir, dass jetzt eine QAnon-Anhängerin in den US-Kongress kommt? Gestern haben wir gehört, dass es QAnon gibt, und morgen sind sie im Kongress.

Die Geschichten beruhen ja auch auf jahrhundertealten Mythen, deren Wirkmacht ist ja nie weg gewesen. Kaum bröckelt Gesellschaft, kaum fragmentiert sie, schon kommen die halt wieder hoch. Und das Interessante ist, dass diese Mythen jetzt gamifiziert sind. Die sind wie so ne Art antisemitisches LARP angelegt, wie ein Detektivspiel, wie eine Netflix-Serie.

 

Still aus: “Drah di ned um” von Hito Steyerl und Mark Waschke, 2020, zu sehen auf www.paranoia-tv.com



Du kannst Geld ausgeben.

Genau, Geld ausgeben, Punkte kriegen, Franchise kaufen. Das ganze Package ist geschnürt.

Der Ku Klux Klan hat genauso funktioniert.

Als Franchise?

Ja. William James Simmons, der den zweiten Ku-Klux-Klan aufgebaut hat, inspiriert von Griffiths „Birth of a Nation“, hat auch so ein Ponzi-Scheme eingeführt, wie Du es vorhin in der Kunst beschrieben hast: Jeder, der ein Mitglied anwarb, verdiente an ihm, und an ihm wieder der nächste, bis nach oben. Die Kutten musste man im Original vom Klan kaufen. Der hatte in den Zwanzigern vier Millionen Mitglieder, das ist ja der Hintergrund, vor dem Philip Guston seine Kapuzen-Bilder gemalt hat. Der Reiz beim Mitgliedsein war sicher auch, dass man sich der Veranstaltung ökonomisch verschreibt. 

Interessant ist zu sehen, dass Deutschland der größte Auslandsmarkt für das QAnon-Franchise ist, und ich denke, das ist nicht zufällig. Da gibt's so viele Elemente, die wirklich eins zu eins von Dreißiger-Jahre-Ideologie abgekupfert sind, das funktioniert ja einfach immer noch.

Oder 18. Jahrhundert. Ich lese gerade Leon Feuchtwangers „Jud Süß“ und bin völlig struck. So einen historischen Roman schreibt ja niemand mehr, so ideologisch ambivalent, dass die Nazis ihn komplett umdeuten konnten. Die ewig gleiche Feindschaft gegen jemanden, der als Außenseiter markiert ist, als zugleich zu gut und zu schlecht, zu attraktiv und zu bedrohlich, das ist so beispielhaft herausgearbeitet. Auch das blinde Rumwüten des Herzogs, der von seinem jüdischen Finanzdirektor gesteuert wird: Er versteht die Zusammenhänge nicht, aber glaubt jedem, der sagt, dass man hier der Souverän ist. Der Herzog ist wie so ein Schnäppchenjäger, der sich als erster morgens beim Mediamarkt anstellt. 

Hier in Berlin kann sich ein großer Teil der Kulturszene mal an die eigene Nase fassen und sich fragen, wie man eigentlich von den Volksbühnen-Protesten am Rosa-Luxemburg-Platz in so rasender Geschwindigkeit dazu gekommen ist, dass der „Thron des Satans“ von Verschwörungstheoretikern ins Pergamonmuseum halluziniert wird. Gestern haben wir gehört, dass finstere wurzellose globalistische Kräfte die Volksbühne gekapert haben, und heute wird schon das ägyptische Museum angegriffen, weil da angeblich Eliten vegane Blutwürste schänden. Und dann kommen dieselben Leute, die die Volksbühne gegen „wurzellose Kosmopoliten“ verteidigen wollten und sagen: Nö, Antisemitismus, das ist alles der BDS, hat nichts mit uns zu tun, im Gegenteil, wir Deutschen wissen genau was Antisemitismus ist, wir haben ja genug Juden umgebracht, und wir sagen: Die Ausländer sind schuld, die dreieinhalb Palästinenser da hinten und Mbembe, die waren's. Aber der Hintergrund, vor dem sich QAnon abspielt, sind natürlich auch diese ganzen Briefkastenfirmen, Freihandelszonen und völlig opaken Finanzkonstruktionen zum Steuern vermeiden und Kunstwerke verschlucken, die in den Panama Papers und allen Nachfolgerecherchen beschrieben wurden. Wir wissen ja tatsächlich alle nicht wirklich, wem was wie gehört und warum. Das ist ja der Nährboden der Verschwörungstheorie. Und anstatt dem immensen Entzug von gemeinschaftlichen Ressourcen wie Steuern auf den Grund zu gehen und ihn rückgängig zu machen, wird das ethnisiert und auf sagen wir Soros projiziert, weil das ist schneller, billiger und bringt mehr Klicks.

Und was heißt diese ganze 2020-Kondition für die Systemkritik? Man ist ja jetzt als Systemkritikerin immer in Gefahr in eine ganz komische Gesellschaft zu geraten. Und sieht sich erstmal in der Rolle, den Staat zu verteidigen. Wie ist das für Dich und für Deine Arbeit? 

Wenn der nationalkorporatistische Ständestaat die Alternative ist, verteidige ich natürlich die parlamentarische Demokratie, trotz aller offensichtlichen Unvollkommenheit Was die Systemkritik angeht: Viele von uns waren ja schon unzufrieden mit einem Modell von Kritik, das zum eigenen Spektakel wird und keine wirklichen Konsequenzen hat in der Welt. Jetzt ist noch mal klarer geworden, dass Kritik heute konstruktiv sein muss im Sinne, dass sie tatsächlich was baut, was herstellt.

Das hat Bruno Latour ja 2007 vorgeschlagen in "Das Elend der Kritik": Was mache ich, wenn mein Nachbar auf dem Dorf sagt: Ach. Sie wissen gar nicht, dass 9/11 ein Komplott von CIA und Mossad war? Wenn der Zweifel an den Fakten nicht mehr den kritischen Theoretikern gehört, sondern allen? Seine Antwort ist auch, dass man was baut, eine Versammlung schafft.

Ja. Und das dauert natürlich Zeit, das geht nicht so von einem Tag auf den anderen. Aber es haben ja auch schon so viele Leute an so vielen Ecken angefangen.

Hast Du ein Beispiel?

Sehr viele Kollegen von mir bauen an zwei verschiedenen Orten, im digitalen Raum und im ländlichen Raum. Und zwar nicht unbedingt öffentlich, aus guten Gründen, weils es eben nicht bloß Kritikspektakel ist. Das geht vielleicht die Kunstwelt erstmal nichts an.
 

Was kann man bauen?

Alles, was eine Form der Autonomie und Vernetzung ermöglicht. Vor allem im digitalen Bereich gibt es das ja nicht mehr. Wir sind jetzt ja hier auch auf Zoom. Was auch immer man im digitalen Raum macht, der ja mit der Pandemie noch mal wichtiger geworden ist, ist ja von den fünf Monopolisten gehijackt.

 

"Viele von uns waren ja schon unzufrieden mit einem Modell von Kritik, das zum eigenen Spektakel wird und keine wirklichen Konsequenzen hat in der Welt. Jetzt ist noch mal klarer geworden, dass Kritik heute konstruktiv sein muss im Sinne, dass sie tatsächlich was baut, was herstellt."

 

Was dieses Jahr auch anschaulich wurde, war Deine Diagnose von vor Jahren, dass die Zentralperspektive sich auflöst. In der Videokonferenz sind alle in die Fläche nebeneinander montiert, und die physischen Räume sind Anhängsel der digitalen. Was heißt das ständige Ein- und Aufklappen und Ineinanderschachteln und Nebeneinandersortieren von Räumen für die Kunst? Als die Kunstmessen plötzlich nicht mehr da waren, hatte ich das Gefühl, der ganze Rahmen, der auch kleineren Formaten den Sinn verleiht, der Gipfel der Deutungshoheit, der Autorität, der auch ausstrahlt auf alle Projekte, die sich dagegen abgrenzen – wenn der weg ist: Weiß man dann noch genau, was warum wie wichtig ist?

Mich persönlich würde es jetzt nicht stören, wenn diese Messen auch weiterhin nicht existieren. Ich glaube auch nicht, dass das der Hautport war, wo Kunstdiskurs produziert wurde. Aber natürlich gab es eine kollektive Konsensbildung darüber, was gerade wichtig ist, welche Linien sich entwickeln, und diese Diskussion ist momentan in einem Chaos von Perspektiven gelandet. Ich laufe ja jeden Tag eine Stunde auf dem Tempelhofer Feld. Für mich ist das ein Modell für eine Kunstwelt, wie sie sein könnte: Man ist in der Nach-Nazi-Ära, Nazis sind erstmal besiegt. Man ist in der Nach-Flughafen-Ära, die fossile Wirtschaft liegt in der Vergangenheit. Und es gibt da einen Ort, der ist so irre, dieser gesprengte Bunker, in dem die Nazis Luft-Überwachungsaufnahmen ihrer zukünftigen Kolonien gelagert haben sollen – um auf die Zentralperspektive zurückzukommen. Die Rote Armee hat diese ganze Überwachungsdatenbank am Ende des Krieges in die Luft gesprengt. Deshalb ist das Areal für mich auch Symbol für eine Post-Überwachungsgesellschaft, in der Nazis keine Daten privatisieren können. Ich denke mir immer, was könnte man aus dem Tempelhofer Feld für die Kunstwelt lernen. Und ich glaube, man müsste da mit mehreren unterschiedlichen Geschwindigkeiten arbeiten.

Ich bin mit meinem Windskateboard unterwegs, der andere pflanzt was ein, die andere geht spazieren, und jeder hat das Gefühl, dass total was passiert, aber es gibt keinen Austausch und keine Zuschauer mehr: Das ist schon auch das Tempelhofer Feld.

Also, ich finde basisdemokratische Kunstinitiativen gut. Es sollte auch die Infrastruktur dafür geben und Ressourcen, unbedingt. Auf der anderen Seite hat sich das Modell der temporären Diktatur, das wir aus dem Kunstfeld kennen, dass für kurze Zeit Personen eingesetzt werden um zu machen was sie wollen, ja auch bewährt, weil dadurch eine Konsens-Tyrannei des Populären vermieden wird. Das ist ja nicht unbedingt immer das Beste im Kunstfeld, wenn die Mehrheit entscheidet. Dann gibt es nur noch Lederer-Gesangsvereine, Tausende singen dasselbe: „Egal!“ Wenn jede Initiative durch Konsens entscheidet was gemacht wird, wenn diese Perspektive nicht noch mal radikal von außen durchkreuzt wird, wo soll man dann was lernen? Negation ist wichtig, die Herausforderung durch andere Visionen, auch unpopuläre. Dann braucht es Institutionen, die noch längere Zeiträume haben um zu planen und jeweils spezifische Visionen oder Archive aufbauen. So ein System verschiedener Geschwindigkeiten, in dem mehrere Dispositive durcheinander wachsen, ist sowohl stabiler als auch beweglicher.

Wie erklärst Du Dir, dass Leute zwar damit einverstanden sind, dass Fußballspieler auf dem Platz stehen, die sehr viel Geld verdienen und man selber nicht; dass Leute im CERN-Teilchenbeschleuniger entscheiden wie das nächste Experiment abläuft, und nicht zum Beispiel ich; dass jemand die SpaceX-Kapsel steuert, der das gelernt hat, und nicht zum Beispiel ich; aber dass Leute immer Künstler verdächtigen, dass sie selber auch nicht besser sind als man selber?

Naja, auf einer ganz fundamentalen Ebene stimmt das natürlich. Jemand, der Kunst macht, ist natürlich nicht besser als jemand anders.

Nein, aber er kann ja was besser.

Eben. Da steckt halt Übung dahinter. Und das ist halt in der Gegenwartskunst oft nicht so ersichtlich, worin die Übung eigentlich besteht. Für mich ist das ein bisschen lustig. Wir machen Zeug, wo IT-Exzellenzcluster nicht mitkommen.

Aber dass jetzt die Remmos mit den Kronjuwelen in Dresden oder der Riesengoldmünze im Bodemuseum den Materialwert klauen statt der Kunst, so wie Kupferdiebe Eisenbahnoberleitungen; dass jemand im Ägyptischen Museum Öl versprüht, aber auch, dass jeder mitreden möchte, was man im Museum zeigen kann und was nicht, oder in der Volksbühne: Hat das nicht damit zu tun, dass der Kampf um kulturelle Deutungshoheit schärfer geworden ist, seit es keinen Unterschied mehr in den Werkzeugen gibt? Das Städel hat einen Instagram-Account, aber ich hab halt auch nen Instagram-Account. Insofern sind wir ja auf derselben Ebene.

Vielleicht sollte man das nicht mehr nur negativ sehen. Kunst ist der Bereich, wo im säkularen Raum so etwas wie ein gemeinsames Sakrales erzeugt wird, sagen wir Aura. Und das ist eine Macht. Vielleicht keine besonders große Macht, aber immerhin eine. Und in einer demokratischen, säkularen Gesellschaft legitimiert sich die Erzeugung der Macht auch gerade darüber, dass sich die Leute daran beteiligen können müssen. Durch Diskussionen, auch durch Trolls, Intrigen und Insiderhandel, kommt am Schluss dieser säkular-sakrale Wert der Kunst raus, die Aura. Es stimmt, die Remmos haben es nur auf den Rohstoff abgesehen, aber diese Bodemuseum-Münze war auch bloß ein fetter Goldhaufen. Aber anders als beim Boltraffio, der von Christie's zum da Vinci hochgesext wurde, gibt es wenigstens einen Materialwert. Im Museum geht es ganz fundamental darum, was eine Gesellschaft als kunstwürdig, als historisches Erbe, als ihren Hintergrund, anerkennt. Solche Debatten konstituieren Gesellschaft überhaupt erst. Und da kommt Christie's, da kommen die, die schreien „Ich bin das Volk“ – da unterscheiden wir uns ja auch nicht vom Bundestrainer, der muss auch aushalten, dass alle glauben, dass sie es besser können. Aber da kommen halt auch die Remmos und sagen mit ihrer eigenen Expertise, Digga, Tauschwert liegt schwer über künstlerischem Gebrauchswert, aber weil's nur Kunst ist, gibt's auch keine richtige Bewachung, also wir sehen hier unternehmerische opportunity.

Du hast für die Website des HKW den schärfsten Text zur Pandemie geschrieben, den ich kenne. Und darin auch einen persönlichen Verlust verarbeitet. Wie fällt bei Dir so ein Text in die Form?

Das erste, was mir Anfang des Jahres einen Anhaltspunkt gab um überhaupt zu verstehen, wo ich mich befinde, war ein wissenschaftliches Paper über eine norwegische Spezialeinheit, die aus dem Flugzeug geworfen wurde, und als sie unten ankamen, hat man geschaut, wie ihre Sauerstoffwerte so sind. Die waren völlig durcheinander. Das war das einzige Modell, mit dem Ärzte und Wissenschaftler einige dieser sehr mysteriösen Covid-Folgen erklären konnten. Zum Beispiel die „Glückliche Hypoxie“, ein messbarer massiver Sauerstoffmangel, den man selber fast nicht merkt und der oft bei Covid auftritt. Mir hat das Orientierung verschafft, mich als Mitglied dieser SWATS zu imaginieren, die in einem massiven ökologischen und sozialen Realzeitexperiment in die Hypoxie geschmissen werden und jetzt einfach mit der Situation klarkommen müssen wie sie ist. Alles geht drunter und drüber, aber es nützt nichts darüber zu lamentieren, man muss irgendwie schauen, dass man weiteratmet.

Und wer ist Mike? Die Figur, die das Experiment zu leiten scheint?

Mike ist ein realer Angestellter eines Bestattungsunternehmens in den USA. Meine Freunde mussten ihn überreden uns fast schon illegal eine Videoaufzeichnung der Bestattung zukommen zu lassen, weil wir nicht einreisen durften. Mike gibt es wirklich.

Im Essay schreibst Du, dass es in der Montage jetzt darauf ankommt, die versprengten Teile zusammenzusuchen um wieder eine Perspektive zu bekommen. Ist das das Gleiche, was Du über Kritik gesagt hast? Montage als Konstruktion statt als Disruption?

Ja. Als Herstellung von verbindlichen Verhältnissen. Assemble: Das ist so ein alter Begriff aus dem analogen Videoschnitt. Assemble Edit, Assembly Editing. Das machen wir ja sowieso schon alle. Nur meistens so nebenher, und dieses Nebenher wird jetzt hoffentlich die Hauptveranstaltung.

 

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Image: Still aus “Drah di ned um” von Hito Steyerl und Mark Waschke, 2020, zu sehen auf www.paranoia-tv.com