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Das Sehnen nach Zärtlichkeit

  • Dec 08 2025
  • Lo Höckner
    (dey/dem) lebt in Berlin und arbeitet an der Schnittstelle von erweiterter Choreografie, Text und somatischen Praktiken. In deren künstlerischer Praxis erforscht Lo, wie Wahrnehmung, Sprache und Macht durch und zwischen Körpern zirkulieren und wie aus dieser Bewegung neue Beziehungsweisen entstehen können.

#1

Ich bin Viele und ich gehe los. Noch viel mehr gehen auch los, mit all ihren Gegenwarten und ohne Zukünfte. Da sehe ich dich das erste mal und ich ahne noch nicht, dass bald viel mehr von uns ineinander fließen wird als unsere Stimmen auf der Straße. Als du dich zu mir umdrehst und mich einlädst, mit dir zu laufen, merke ich erst, dass ich alleine war. Ich lebe in einer hyper-individualisierten Welt, in der um all unsere Existenzen kleine Zäunchen errichtet werden. Jeder Blick kann als Überschreitung dieses Zäunchens, dieser Grenze zwischen dir und mir, gewertet werden, nicht als Kontakt; nimmt potentiell etwas weg anstatt zu bereichern. Und das Wegnehmen ist die größte aller Sünden, denn das Eigentum ist das eigentliche Heiligtum in einer Welt, in der das Sich-zu-Eigen-Machen – das Einhegen dessen, was geteilt werden könnte, sodass alle teilhaben können – oberstes Gebot ist. Und so gehen wir jetzt hier durch die Straßen und versuchen ein Zeichen gegen die Angst zu setzen, die im Inneren des Zaunes, ganz tief in den Menschen drinnen entstanden ist. Ich sehe heute das erste Mal, wie ein Schlagstock auf einen Körper trifft. Es ist dein Körper. Du hast keine Chance und keinen Stock um dich zu wehren. Und jetzt laufen wir. 

#2

Warum ist es im Deutschen so schwierig, von Mut oder Liebe zu sprechen? Warum ist es im Gebrauch dieser Sprache, mit ihrer spezifischen Geschichte, nicht möglich nicht eingebürgert, wie man auf Deutsch sagt, diese Dinge auszudrücken? Was hat es mit mir gemacht, mit dieser Sprache aufzuwachsen, in der ich Liebe und Mut und Empathie nicht ausdrücken kann, ohne pathetisch zu klingen? Wie lange muss ich über Liebe, Mut und Empathie schreiben, bis es sich anders anfühlt, diese auszudrücken? Kann ich das Erbe, das die Sprache in sich trägt, verändern – in meinem Sprachgebrauch und auch in mir? Haben wir nie gelernt, unsere Emotionen zu artikulieren? Ist unsere Sprachlosigkeit in Wahrheit ein stiller Schrei nach Liebe? Muss ich schreien oder schreiben, damit sich das Erbe der Sprache verändert? Habe ich dich vergrault, jetzt wo ich diese Begriffe hier so in den Raum stelle?

Als ich es tue, Mut und Liebe und das Erbe und Unausgesprochene anzusprechen, bei dem einzigen Familienfest das wir je hatten, bei dem die mütterliche Seite eingeladen war, gefriert der Raum plötzlich. Ich möchte für die Dinge, die in unserer Familie nicht artikuliert werden, eine Sprache finden. Wir artikulieren keine Liebe, keinen Mut. Niemand hat den Mut, die Liebe oder ihr Fehlen anzusprechen und auch nicht den Mut, die Springerstiefel des Onkels oder die Vergangenheit des Opas anzusprechen. Wir sind eine Familie, die in Österreich lebt und mit mir nun auch in Deutschland; die eine tschechische, eine slawische Seite hat, die die mütterliche ist; der ich aufgrund meines Aussehens zugeordnet werde, denn ich bin nicht blond, wie die väterliche Seite, ich bin dunkelhaarig. Sehr typisch für österreichische Familien, die slawische Wurzeln. Und auch typisch, diese, sowie die Nazi-Vergangenheit über die Jahre hinweg mit Schäufelchen von Erde zu bedecken. Schäufelchen für Schäufelchen Erde. Und so sind beide Seiten bedeckt. Mit Sprachlosigkeit und fehlendem Mut. 

#3

Ich decke uns zu und sage dir alles, mit meinem Körper, der deinem so ähnlich ist. Und du erwiderst es, alles. Du beißt mich in den Hals und mein Blut fließt zwischen deinen Zähnen. Jede darauffolgende Nacht Träume ich davon, dass du mich weckst und wir hungrig und gierig durch die Straßen ziehen.  Entweder verführen wir oder entführen jemanden um den ganzen Körper leerzutrinken. Meine Zähne bohren sich in das Fleisch und ich trinke, als hätte ich noch nie getrunken, um einen unendlichen Durst zu stillen. In diesen Träumen sind wir unbesiegbar und wir haben keine Angst. Wir sind im Rausch, wir wüten durch die Stammkneipen und trinken. Jeden Abend aufs Neue und ich merke, wie meine Tage von diesen Träumen getränkt sind.

Eines Tages werden die Stammkneipen leergetrunken sein und die Trinkenden von uns, den Stammes-Verrätern, die sich des nachts heimlich verwandeln. Die Tage und Nächte verschwimmen im luziden Meer meines Wachtraumes, den ich tagsüber träume, um nachts wieder mit dir zu sein.

Diese Träume werden zu meiner zweiten Realität und irgendwann sogar zu meiner ersten und ich frage mich immer öfter, ob es dich überhaupt gibt, oder ob ich dich erfinde weil ich mein Begehren so lange getarnt habe genau wie mein Selbst. Vielleicht muss dieses Zwielicht zwischen Wachseins und Träumen sein, um die Schatten mit dem Licht auszuwechseln? Damit das, was im Dunkeln ist, was ins Dunkel verbannt wurde — in meinem und dem kollektiven Unbewussten — ans Licht kommen und zum Tag, zu mir werden kann.  Sodass ich das, was der Tag, die Realität war, aus meinem Gehirn verbannen kann, damit es nicht mehr meine Realität sein muss. 

Als ich aufwache, sehe ich wie leer die Stammkneipen sind. Keine Stammeshalter mehr, nur noch leere Bänke, Tische, Stühle, leere Gläser und wir mit gesättigten Augen und vollen Körpern. Das war der letzte Rausch. Mir rauscht das Blut in meinen Ohren und ich fühle mich, als würde ich zerfließen. Die Form meines Körpers wird irrelevant. Bis ich ein neues Gefäß, einen neuen Körper habe, existiert nur noch Bewegung. Ich fühle meine neue Gestalt in den folgenden Tagen immer klarer. Mein bisheriges Körpergefühl verschwimmt. Ich bin fassungslos bis ich mich erfasse und lerne, mich in dem neuen Körper zu bewegen, der einen neuen Zugang zur Welt eröffnet. Etwas Neues, mich umfassendes wird ich. Dich sehe ich sehr lange nicht mehr. Vielleicht bist du auch zu einer neuen Form geworden. Ein Shape Shifter, ein Trickster, eine*r die ihre Geheimkenntnisse nutzt um die Regeln zu brechen, Ungehorsam walten lässt, die Konventionen beugt bis sie sich ergeben. Eine*r der Gött*innen, Geister, Menschenähnlichen.

 

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  • Cover Image:
    <p class="p1">Ana Vaz, A árvore / The Tree, 2022 ˝ and courtesy Ana Vaz</p>

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