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Dear Strangers

Ein Brief an alle. Aus “Unsere Heimat sind wir: Nation of Strangers”, frisch diese Woche beim Rowohlt Verlag erschienen.

  • Jan 30 2026
  • Ece Temelkuran
    wurde 1973 in Izmir geboren. Sie studierte Jura und war lange als Journalistin tätig. Aufgrund ihrer kritischen Haltung zum Regime Erdoğan und Berichten über Kurdistan verlor sie ihre Arbeit und musste 2016 die Türkei verlassen. Sie ist Autorin mehrerer Romane und Sachbücher. Für ihre Arbeit wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem International Pen Piece Award, dem Edinburgh International Book Festival Award, dem Ambassador Of New Europe Award und dem El Mundo Journalism Award (dem wichtigsten Journalismuspreis Spaniens). Sie hat TED-Talks gehalten und in internationalen Medien wie dem Guardian, dem Spiegel, der NYT und Le Monde veröffentlicht. Ece Temelkuran war ein Fellow des New Institutes in Hamburg und 2023/24 Stipendiatin der Robert-Bosch-Stiftung. Sie lebt in Berlin.

Die Briefe dieses Buches entstehen aus konkreten Situationen. Sie beginnen dort, wo Sprache versagt und Verwaltung, Markt und Polizei dem Alltag näher sind als Solidarität. Temelkuran schreibt nicht aus der Distanz der Beobachtung, sondern aus geteilter Prekarität: mit brüchigem Deutsch, unsicherem Aufenthaltsstatus und einem Körper, der selbst Teil jener urbanen Choreografien des Überlebens ist, die sie beschreibt. Berlin ist hier kein Hintergrund, sondern der Ort, an dem Fremdheit täglich produziert, reguliert und verwaltet wird – an unscheinbaren Orten, in scheinbar beiläufigen Begegnungen.

Nation of Strangers ist kein Buch über Fremdheit als Gefühl, sondern über Fremdheit als Bedingung. Temelkuran beschreibt eine Welt, in der Menschen ihren Platz nicht verlieren, sondern ihn sich jeden Tag neu erarbeiten müssen – auf der Straße, vor Supermärkten, in Warteschlangen, in Blicken, die entscheiden, wer bleiben darf und wer verschwindet. Fremdsein ist hier keine Identitätsfrage, sondern das Resultat politischer Entscheidungen, ökonomischer Gewalt und einer Ordnung, die Zugehörigkeit nach Nützlichkeit verteilt.

Der folgende Brief beginnt beiläufig, führt aber unmittelbar in eine Begegnung vor einem Supermarkt: Maria, eine rumänische Frau, verkauft dort unsere Straßenzeitung.

Er zeigt, wie Anerkennung funktioniert, wenn sie an Bedingungen geknüpft ist: wie Zugehörigkeit gewährt wird, solange man keinen Platz beansprucht, keinen Einkaufswagen nimmt, keinen Anspruch formuliert – und wie schnell sie entzogen wird, sobald diese unsichtbare Grenze überschritten wird. Was folgt, ist keine moralische Lektion, sondern eine präzise Beschreibung davon, wie Ordnung hergestellt wird – und wie Menschen darin verschwinden.

 

Berlin, Juli 2024

Liebe Fremde, lieber Fremder,

ich habe es Ihnen noch nicht erzählt, aber ich nehme seit einigen Monaten Deutschunterricht. Petra, meine hervorragende Lehrerin, gibt trotz meiner rebellischen Versuche, ganz neue Methoden des Deutschlernens zu erfinden, netterweise nicht auf. Denn als sie mir eines Tages die berüchtigten Akkusative zeigte, die ich auswendig lernen sollte, brach es aus mir heraus, und ich erzählte ihr von den letzten acht Jahren und erklärte, dass meine Fähigkeit, von vorn zu beginnen – meine Sisyphos-Hartnäckigkeit –, an ihre Grenzen gekommen sei. Seitdem richtet sie sich nach mir, bereitet mich auf Alltagssituationen vor und bringt mir nützliche Sätze bei, die meinem Alter entsprechen und nicht wie aus dem Mund einer Sechsjährigen klingen. Allerdings finden die ausgeklügelten Szenarien, für die ich mich rüste, letztlich nie statt. Immer kommt es schlimmer als im Unterricht vorhergesehen, und genau deshalb haben Maria und ich uns vor einigen Wochen vor dem Supermarkt angeschrien.
Maria ist Rumänin und steht vor dem Supermarkt bei mir in der Nähe. Sie tauchte dort Ende vergangenen Sommers kurz nach meinem Umzug ins Viertel auf. Sie hat in ihrem dicken Herrenmantel, mit ihrem Dauerlächeln und der immer gleichen alten Ausgabe von Arts of the Working Class in einem Nylonbeutel, den sie an einem Band um den Hals trägt, zwei Berliner Winter überlebt. Arts of the Working Class ist eine kostenlose mehrsprachige Zeitung, die sich mit Politik und Kunst beschäftigt. Menschen in Not können sie verkaufen und das eingenommene Geld behalten. Maria befestigt immer einen Kugelschreiber daran, weil sie offenbar glaubt, dadurch ihr Ansehen vergrößern und als Erfüllerin eines Auftrags gelten zu können. Sie trägt die Zeitung wie ein selbst beschriebenes Namensschild bei einem geschäftlichen Cocktailempfang, zu dem sie gar nicht eingeladen ist. Ohnehin basiert ihr bescheidenes Unternehmen auf der Gleichgültigkeit vieler und der Freundlichkeit einiger weniger.
Ich weiß nicht mehr, wie das Grüßen und Zurückgrüßen genau begann, aber es muss wohl wegen Marias unübertrefflicher Fähigkeit eingesetzt haben, die Blicke der Leute mit ihrem mädchenhaften Lächeln und ihren klaren, runden, dunklen Augen, die in seltsamem Missverhältnis zu ihren Lebensbedingungen strahlten, sanft auf sich zu ziehen. Ihr deutscher Wortschatz war zwar begrenzt, aber im Umgang mit dem formalen «Sie» war sie besser als ich – Ergebnis einer der Not geschuldeten handwerklichen Sorgfalt. Sie musste nie mit Worten um etwas bitten, weil die perfekte Balance zwischen Gerissenheit und Höflichkeit in ihrem Blick förmlich zum Geben zwang. Zuerst war es Geld, doch nach einer Weile fragten ich und einige andere: «Kann ich Ihnen etwas von drinnen mitbringen?» Ihre erste Antwort, die sie sichtlich vorbereitet hatte, lautete: «Nüsse!» Dann ging es weiter mit «zwei Orangen», «zwei Äpfel». Immer zwei. Sie kannte sich mit dem empfindlichen Gleichgewicht menschlicher Großzügigkeit sehr gut aus. Nichts, worum sie bat, kostete mehr als zwei Euro. Nach und nach wechselte sie zu Kochzutaten, «zwei Zwiebeln» oder «eine Stange Lauch». Sie hat wohl eine Unterkunft gefunden, in der sie kochen kann, dachte ich – ein erster Schritt zu einem eigenen Platz in der Welt.
Maria hat zwei Kinder und einen Mann, und alle vier wohnen in einem Zimmer. So viel habe ich immerhin erfahren. Als ich sie aber fragte, was für ein Zimmer und wo es ist, winkte sie ab, als wollte sie sagen: «Über solche Belanglosigkeiten spreche ich nicht.» Sie konnte weder darauf vertrauen, dass meine Neugier aufrichtig war, noch, dass meine Geduld für die banalen Details ausreichen würde. Das weiß ich, weil ich die Geste wiedererkannte: Wenn man mich nach meiner Aufenthaltsgenehmigung fragt, bewege ich die Hand ganz genauso und sage: «Ach, viel zu langweilig.» Auch ich habe mit der Zeit gelernt, dass es immer noch besser ist, wenn niemand nach der eigenen Geschichte fragt, als zu erleben, dass mitten in der Geschichte das Interesse daran erlischt.
Vor einem Monat begann sich Maria bei der Supermarkt-Community zu revanchieren und freute sich unbändig, dass man sie etwas tun ließ. Sie sammelte stehen gelassene Einkaufswägen ein, trug alten Leuten die Taschen und griff Müttern dabei unter die Arme, den Wagen, die Einkäufe und ihre Kinder zu jonglieren. So verschaffte sie sich nach und nach Anerkennung und wurde nicht mehr nur durch das Fleckchen Boden definiert, auf dem sie stand. Maria hatte jetzt einen Grund, auf der Straße zu sein, sie hatte jetzt eine Funktion. Ihr Überleben hing nicht mehr davon ab, dass sie trotz aller Herabsetzung, die sie erfuhr, an diesem Fleckchen blieb, sondern basierte von nun an darauf, dass sie Namen auswendig lernte und sich die Wünsche der Stammkundschaft des Supermarkts merkte. Irgendwann akzeptierte man sie als eine Nachbarin, die zufällig keine Wohnung hatte.
Doch dann beging sie einen schweren Fehler: Sie nahm einen Einkaufswagen mit. Sie hatte die Kochzutaten nicht mehr in ihrem Mantel untergebracht, so geräumig er war. Und mit dieser Tat überschritt sie die dünne Linie der Akzeptanz und Toleranz und verletzte den Geheimcode der Existenz aller Fremden. Fremde müssen sich so klein wie möglich machen, sie aber wagte es, Anspruch auf einen Platz zu erheben. Der Supermarkt stellte daraufhin eine Frau als Pseudo-Security vor den Eingang, die ironischerweise ebenfalls aus Rumänien kam – einer von den Millionen dreckigen Witzen des Kapitalismus. Zwar half auch die Security-Frau den Leuten, mit denen bis dahin Maria Geschäftsbeziehungen unterhalten hatte, doch vor allem sollte sie Maria in die Schranken weisen, weil die es gewagt hatte, ihren sozialen Rang zu verbessern, indem sie sich von einem Fleckchen, einem Pünktchen auf der Straße, in eine Person verwandelte, die mit ihrem Einkaufswagen einen dauerhaften Platz einnahm. Als Fremde hatte Maria gewusst, wie gefährlich dieser Schritt war und dass sie auf Abwehr und Intoleranz stieße, wenn sie Anspruch auf ihren Platz erheben würde. Deshalb besorgte sie sich eine neuere Ausgabe der Zeitung, die ihr am Band vor der Brust hing, und hielt den Kugelschreiber wie ein kleines Plastikschwert in der Hand, um sich zu schützen. In dieser Zeit, als ihre Stellung im Viertel am seidenen Faden hing, kam es zu unserer lautstarken Kommunikationspanne.
Sie sagte etwas, aber ich verstand es nicht. Ihr Englisch ist schlecht, allerdings auch nicht schlechter als mein Deutsch. Das bisschen Italienisch, das wir beide können, genügt nicht, wenn es um Lebensmittel geht. Schließlich gab sie es auf, sich mir verständlich zu machen, und löste eine innere Spannung, die sich seit einer Woche aufgebaut hatte, indem sie mir zurief: «Okay, gut, dann kauf mir zwei Snickers.» Ihre Wut war berechtigt. Armut und die damit verbundene Verzweiflung sind eine heikle Angelegenheit, die rasch, gelassen und im Flüsterton behandelt zu werden hat, weil der Anblick von Hunger denen, die essen können, den Appetit verdirbt. Doch mein schlechtes Deutsch und meine ungeschickten Gesten lenkten die Aufmerksamkeit auf Maria, und die Pseudo-Security-Frau kam herbei. Die Gelegenheit, Maria auf frischer Tat dabei zu ertappen, wie sie «die Kundschaft belästigt», ließ sie sich nicht entgehen.
Am nächsten Tag hielt mich Maria an, zeigte mir auf ihrem Handy ein Foto von einem Ei und sagte «Ei». Sie wolle ab jetzt keine Eier mehr. Ihr leicht übertriebenes Lachen sollte der Pseudo-Security-Frau zeigen, dass wir beide einen Insider-joke hatten. Sie berührte meinen Arm, ich ihren. Normalerweise taten wir das nicht, aber wir wussten in dieser Situation, wie wichtig es war, dass uns die Frau sah – ein subtiles Signal, dass Maria eingebunden war.
Unsere gemeinsame Anstrengung erwies sich allerdings als vergeblich, denn ein paar Tage später riss Maria, sobald sie mich sah, die Zeitung in die Höhe, womit sie mir wortlos zu verstehen gab, dass ich ab jetzt ein Exemplar kaufen müsse, damit alles so aussähe, als hätte es seine Ordnung. Die Schlagzeile auf der Titelseite war ein weiterer dreckiger Witz: «Menschlichkeit in dieser Wirtschaft?» Ich kaufte ihr das Blatt ab und zahlte in Zeitlupe und mit theatralischen Bewegungen, damit die Transaktion allgemein als solche erkennbar war. Wenige Tage später war Maria verschwunden. Inzwischen ist es Hochsommer, und sie ist nicht zurückgekommen. Anfangs warfen sich einige der Leute, die sie gekannt hatten, besorgte, fragende Blicke zu, wenn sie an der leeren Stelle vorbeigingen, doch als der Supermarkt die Pseudo-Security-Frau nach einiger Zeit entließ, stand fest: Maria gab es nicht mehr. Ich fragte den jungen türkischen Kassierer nach ihr. «Die kommen und gehen», antwortete er. Wer sind die? Menschen aus Rumänien? Frauen? Fremde? Er zuckte mit den Schultern wie einer, der glaubt, dass er sich sein Fleckchen sichern kann, indem er sich von anderen Fleckchen in der Stadt absetzt, in diesem Fall von Maria.
Sitzt sie in diesem Moment in einem Flugzeug? Mir fallen die rechtsextremistischen Plakate ein, die ich vor der Europawahl in Berlin gesehen habe: «Remigration jetzt!» Man muss keine Akkusativformen auswendig lernen, um als nicht deutschsprachiger Mensch die Dringlichkeit zu verstehen, die in dem Slogan zum Ausdruck kommt, vor allem wenn daneben ein Flugzeug abgebildet ist. Im Gegensatz zu den von Hand beschriebenen und bemalten Transparenten in migrantisch geprägten Vierteln, auf denen «Niemanden zurücklassen» oder «Wir bleiben alle» steht, sind die Remigrationsplakate meinem Eindruck nach eher in den wohlhabenderen Teilen der Stadt beliebt. Ich bin heute Abend zu einer Party in einem solchen Viertel eingeladen.
Ich habe nur zugesagt, weil ich nicht ständig über das Problem mit meiner Aufenthaltserlaubnis grübeln möchte. Ohne Sie mit den Einzelheiten langweilen zu wollen: Ich habe die Erlaubnis immer noch nicht und weiß nicht mal, ob ich sie kriegen werde. Deshalb brauche ich jetzt, dass mich jemand am Arm berührt, so wie ich es bei Maria getan habe. Das würde mir helfen, zu vergessen, dass auch ich nur ein Fleckchen, ein Stäubchen bin. Eine Berührung, die mir weismachen soll, ich wäre sicher eingebunden.

E.


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From: Ece Temelkuran, Nation of Strangers, S. 159-164. Copyright © 2026 Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

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