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In Bewegung

Von Peggy Piesche und Samirah Kenawi im Gespräch mit Eric Otieno Sumba.

  • Jun 18 2024
  • Samirah Kenawi, Peggy Piesche, Eric Otieno Sumba
    Samirah Kenawi ist Tischlerin und Diplom-Ingenieurin. Sie gründete das Archiv GrauZone, das die DDR-Frauen- und Lesbenbewegung dokumentiert. Von 2020 bis 2023 widmete sie sich in vier Bänden unter dem Sammeltitel Die Quadratur des Geldes der Geschichte des Geldes sowie einem umfassenden Reformvorschlag.

    Peggy Piesche ist eine Schwarze deutsche Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. In der Bundeszentrale für politische Bildung leitet sie den Fachbereich Politische Bildung und plurale Demokratie in Gera. In der Schwarzen (deutschen) Bewegung ist sie seit 1990 aktiv und Mitfrau* bei ADEFRA e.V. - Schwarze Frauen in Deutschland. Sie ist darüber hinaus in zahlreichen Beiräten aktiv.

    Eric Otieno Sumba ist Autor und Redakteur mit einem Hintergrund in Sozialtheorie, politischer Ökonomie, Postkolonialen Studien und Kunstkritik. Er ist Redakteur für Publikationspraktiken am Haus der Kulturen der Welt in Berlin, und schreibt u. a. für Contemporary And, Frieze, Texte zur Kunst, Camera Austria und Griot.

Die aktuelle Ausstellung und Recherche des Hauses der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin zeichnet ein Bild der DDR durch private Archive und persönliche Erinnerungen. Damit widersetzt sie sich einer großen zusammenhängenden Erzählung und verwebt das Erfahrungswissen verschiedener Communitys mit Kunstwerken. Gespräche mit ebendiesen Communitys, ob migrantisch oder auf sonstige Weise marginalisiert, bilden den Kern der Vermittlung des Projekts. Zeitzeug*innen bekommen bei Veranstaltungen und in Publikationen Raum, um ihre Erinnerungen und Erfahrungen widerhallen zu lassen. Sie sprechen für sich, aber auch für die Communitys, die sie repräsentieren, um ein detailliertes  Licht auf das Leben in der DDR zu werfen. Dieses Interview ist ein Beispiel dafür.

Auch wenn es im Nachhinein schwer fallen mag, sich ein anderes Ergebnis als die sogenannte deutsche Einheit vorzustellen, so war es keinesfalls das einzige politische Ziel der oppositionellen DDR-Bürger*innen, das Regime zu stürzen. Einige setzten sich für Umweltschutz ein, andere für den Frieden, und ein großer Teil war an mehreren dieser sich überschneidenden politischen Ziele interessiert. Eine Betrachtung der Bewegungsgeschichte muss bewusst zwischen studentischem Widerstand, Engagement in politischen Parteien, Dissident*innen, Umweltschützer*innen, Friedensbewegung, Frauenbewegung und Oppositionellen in der SED-Führung sowie der Kirche unterscheiden. Peggy Piesche und Samirah Kenawi waren in den Friedens-, Frauen-, und Lesbenbewegungen aktiv und haben sich nach 1990 eingehend mit ihrer eigenen Bewegungsgeschichte im Kontext der DDR auseinandergesetzt.

Eric Otieno Sumba: Welche biografischen Bezüge habt ihr zu den oppositionellen Bewegungen in der DDR? 

Samirah Kenawi: Ich war in verschiedenen Gruppen der Frauen- und Lesbenbewegung aktiv und habe nach der Wende versucht, diese Bewegung sichtbar zu machen und zu bewahren. Durch dieses nachträgliche Archivieren der Bewegung habe ich Einsichten bekommen, die ich als Akteurin in der DDR noch nicht hatte. Ich habe Zusammenhänge wahrgenommen, die erst im Rückblick verständlich wurden. 

EOS: Peggy, wie war es bei dir?

Peggy Piesche: Ich komme aus der Provinz. In meiner Kindheit und Jugend hatte ich leider sehr wenig Kontakt zu anderen Schwarzen Menschen. Als Jugendliche war ich aber in der Friedensbewegung aktiv. Das war zwar auch in den eher provinziellen Gegenden, dennoch konnte ich einige Einblicke in die Bewegungen in der DDR gewinnen – auch in ihre Beschränkungen und die Repressionen.

EOS: Was war die Motivation für eure Aktivitäten in diesen Bewegungen? Gab es politisierende Erweckungsmomente oder historische Schlüsselereignisse für euch? 

PP: Für mich waren es keine historischen Momente, vielmehr waren es biografische Momente. Ich durfte nicht auf die Erweiterte Oberschule gehen, hätte also kein Abitur machen können. Nur durch die entschiedene Intervention meiner Mutter, die Arbeiterin war und zum Rat des Kreises gegangen ist und sehr deutlich gesagt hat, dass das rassistische Gründe hat, durfte ich eine Berufsausbildung mit Abitur machen. Mir war es wichtig, einen Umgang mit der Erfahrung des ‚Ver-andert-Werdens‘ zu finden, also mit rassistischen Erfahrungen in der DDR, auch wenn ich diesen Begriff damals noch nkannte. Es war klar, dass ich Räume brauchte, in denen ich diese Erfahrung reflektieren konnte, denn ich wusste relativ schnell: Wenn ich das nicht mache, akzeptiere ich diese Fremdzuschreibungen. Die Friedensbewegungen, die vor allem in der protestantischen Kirche verankert waren, boten zumindest einen Raum, in dem ich mit Personen mit ähnlichen Erfahrungen in Kontakt treten konnte. 

EOS: Warum ist die Kirche ein Ort gewesen, an dem Bewegungsaktivitäten stattfinden konnten, die es außerhalb der Kirche in dieser Form vielleicht nicht gegeben hätte?

SK: Die Kirche war ein Ort, der gewisse Freiräume erlaubte, weil verschiedene Verbindungen zur westdeutschen Kirche bestanden. Einerseits durch eine finanzielle Subventionierung aus dem Westen und zum anderen natürlich auch durch die globale christliche Religionsgemeinschaft, die gewissermaßen überstaatliche Strukturen geschaffen hat, welche die evangelische Kirche gut auszunutzen wusste. Sie schaffte es auch, den Freiraum zu erkämpfen, dass Gemeinderäume von Gruppen genutzt werden konnten, ohne dass diese ihre Veranstaltungen im Einzelnen genehmigen lassen mussten. Das Versammlungsgesetz der DDR sah nämlich vor, dass jede Veranstaltung vorab angemeldet werden musste, inklusive der genauen Inhalte, Themen, Redebeiträge und so weiter. 

EOS: Wurden die Begriffe ‚Aktivismus‘ oder ‚Bewegung‘ verwendet? Wie war das Selbstverständnis? 

PP: Wenn du dich mit so etwas wie Frauenrechten beschäftigt hast, dann war das eine Art Widerstand, etwas Gegenstaatliches. ‚Aktivismus‘ ist bei mir kein Thema gewesen, das war nicht die Versprachlichung, die wir genutzt haben. Wo es schwierig wurde, war die Frage: Inwiefern übernehmen wir diese Zuschreibung von außen? Es gab ja durchaus ein Spektrum von Konsequenzen, die das nach sich ziehen konnte. Wir haben uns auch nicht als Widerstandskämpfer*innen verstanden, das auf keinen Fall. Ich glaube, der gemeinsame Nenner bestand darin, dass es eine Bewegung war.

SK: Ich habe mich als Teil einer Bewegung gesehen, weil es mehrere Gruppen gab, zu denen wir gezielt Kontakt gesucht haben. Es gab verschiedene Netzwerktreffen: die Mitarbeiter*innentreffen der Kirchlichen Arbeitskreise Homosexualität, verschiedene Frauengruppentreffen, die Treffen von Frieden konkret, und es gab ein Netzwerk der Frauen für den Frieden, aus dem später landesweite Frauengruppentreffen hervorgegangen sind. Das Empowernde war, innerhalb der monolithischen DDR-Kultur und der politischen Situation einen Raum zu haben, in dem wir diskutieren konnten, wo Meinungsvielfalt bestand, wo es einen Austausch gab, wo Weltanschauungen in Frage gestellt oder überhaupt zur Sprache gebracht wurden.

EOS: Gab es die Befürchtung, dass Mitstreiter*innen Informationen weitergeben? Wie habt ihr euch vor der Markierung als ‚widerständig‘ und vor negativen Konsequenzen aufgrund eures Engagements geschützt?

PP: Gelernte DDR-Bürger*innen wussten immer schon: Wenn drei Leute zusammen sind, ist mindestens eine Person ein*e Inoffizielle*r Mitarbeiter*in der Stasi. Das mag übertrieben wirken, aber mit diesem Gefühl wuchsen wir eben auf. Das war eine Art unausgesprochenes Selbstverständnis. Vielleicht haben wir auch mit doppelten Standards gesprochen. Im Bewusstsein, dass der Staat mithört, kann sich die Selbstzensur schnell einschalten. Das sollen beziehungsweise müssen vermutlich spätere Generationen erst noch klären. 

SK: Ich komme aus Berlin, aus einem Akademiker*innenhaushalt, habe mich für Naturwissenschaften und Technik interessiert und dann Ingenieurwissenschaften studiert. Das waren Studiengänge, bei denen der Zugang ein bisschen leichter war. Ich weiß, dass ich aufgrund der Gruppenzugehörigkeit natürlich observiert wurde. Ich habe keine Repressionen bewusst erlebt, aber es war immer klar, dass ich bestimmte Regeln einhalten muss und es beim politischen Engagement immer eine Grenze gibt. Politisches Engagement hatte in der DDR viel mit dem persönlichen Mut zu tun, vorhandene Freiräume auszuloten, auszunutzen und bis an die Grenzen zu gehen.

EOS: Welche Gruppen meinst du?

SK: Das war zum einen der Arbeitskreis Homosexualität in Dresden, zum anderen war ich später auch in verschiedenen Frauengruppen und Netzwerkgruppen aktiv. Verifizieren konnte ich das zwar erst nach der Wende mit Einsicht in meine Stasi-Akte, aber im Grunde war uns allen klar, dass wir observiert wurden. Wir haben diesen indirekten Draht nach oben akzeptiert, die Tatsache, dass jemand dokumentiert, was wir machen. Das hat vermutlich auch im Vergleich zu heute eine gewisse Verantwortlichkeit in die Gruppen getragen, also eine gewisse Disziplin bei Gesprächen und Diskussionen, die durchaus positiv war.

EOS: Welche Räume gab es noch, um sich zu treffen, um Aktionen zu planen? War es überhaupt möglich, Aktionen umzusetzen, seid ihr auf die Straße gegangen, habt ihr protestiert?

SK: Es gab immer wieder Versuche, auch staatliche Räume zu nutzen, die aber alle irgendwie scheiterten. Der Kulturbund der DDR verfügte über Räume für öffentliche Veranstaltungen, unterstand aber genauso wie der Demokratische Frauenbund Deutschlands und andere staatliche Massenorganisationen der ideologischen Kontrolle der SED. Diese Räume konnten deshalb faktisch nicht von oppositionellen Gruppen genutzt werden. Wir in Dresden haben es geschafft, in einem staatlichen Jugendclub Veranstaltungen zu organisieren. In Berlin wurden eher Gaststätten genutzt.

PP: Abgesehen von der Gegend um Dresden konnten wir zwar Westfernsehen empfangen, und ab Ende der 1970er war es auch relativ normal, das zu konsumieren. Dennoch war die mediale Informationsmöglichkeit sehr eingeschränkt. Das war vor der Zeit des Internets, in der sich schnell etwas googlen lässt. Das heißt, es waren in erster Linie Bildungsräume, jedenfalls die, in denen ich mich bewegt habe. Als ich meine Berufsausbildung mit Abitur gemacht habe, hörten wir von jungen Menschen, die exmatrikuliert und zum Teil auch verhaftet wurden. Das schwirrte immer rum, deswegen musste man ganz genau darauf achten, was möglich war und was nicht. 

SK: Da die Stasi alles kontrolliert hat, wurden auch Kleinstgruppen wahrgenommen und hatten dadurch das Gefühl, dass sie etwas bewirken. Nach dem Mauerfall konnten wir jederzeit demonstrieren, aber schon bald stellten wir fest: Selbst wenn wir nun hundert sind oder auch hunderttausend – so große Demonstrationen hat es ja teilweise gegeben –, das interessiert heute irgendwie keinen mehr, das verändert nichts. Wenn wir in der DDR hingegen mit zehn oder zwanzig Leuten mit riesigem persönlichem Mut – also wirklich im Bewusstsein, wir könnten verhaftet werden – auf die Straße gegangen sind, dann hat sich etwas bewegt. Im Nachhinein lässt sich aus den Akten recherchieren, dass staatliche Stellen sich mit den jeweiligen Anliegen auseinandergesetzt und nach Kompromissen oder Lösungen gesucht haben. Ein Beispiel ist die allmähliche Liberalisierung des gesellschaftlichen Umgangs mit Homosexuellen. So beginnt die Akte zum Thema Homosexualität im Zentralen Staatsarchiv der DDR mit Eingaben von Lesben, zum einen von der Berliner Gruppe Lesben in der Kirche nach ihren Aktionen im ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück, zum anderen von Uschi Sillge in ihrem Bemühen, einen Arbeitskreis für Homosexuelle außerhalb der Kirche aufzubauen. Nach diesen Eingaben kommt es zur Einrichtung eines interdisziplinären Arbeitskreises Homosexualität an der Berliner Humboldt-Universität. Dessen Gründung und Arbeitsergebnisse sind ebenfalls in der Akte enthalten. Ab 1987 entstehen dann erste Homosexuellengruppen außerhalb der Kirche. Im Mai 1989 werden die unterschiedlichen gesetzlichen Regelungen zum Schutz minderjähriger Heterosexueller und Homosexueller angeglichen, und am 9. November 1989 wird der Film Coming Out in Berlin uraufgeführt. [1]

EOS: Habt ihr noch Ergänzungen zu den Kontinuitäten dieser DDR-Bewegungsgeschichte bis heute?

PP: Meine bewegungsgeschichtliche Erfahrung in der Schwarzen Community fand erst nach 1989 statt und das hatte mit dem Umstand zu tun, dass ich im ländlichen Raum aufgewachsen bin. Allerdings habe ich – und das finde ich sehr, sehr bezeichnend – ab 1990 vor allem auch Verbindungen zu Menschen aus der DDR finden können. Es war nicht nur schön, sondern auch eine Verbindung zu meinem einstigen Ich, zum DDR-Ich, dass ich dann auch Schwarze Lesben kennenlernen konnte und im Nachhinein erfahren habe, was in der DDR möglich war. Denn die DDR war in all ihrer Homogenität – und sie hat sich ja selbst in Homogenität erstickt – diverser, als sie es sein wollte. Das hat sich mir vor allem danach erschlossen, als ich diese anderen Menschen kennengelernt habe.

SK: Akademiker*innen sind viel eher in die DDR-Gesellschaft integriert worden als Menschen, die im Zuge der Arbeitsmigration gekommen sind und ziemlich marginalisiert wurden, was ein riesiges Problem war. Man muss genau auf die sehr unterschiedlichen biografischen Hintergründe schauen, wenn man sich mit Rassismus beschäftigt.

PP: Da würde ich gerne den Umstand ergänzen, dass auch das stark davon abhängig war, wo in der DDR eine Person gelebt hat. Wie wir heute sagen würden – für BIPoC-Migrant*innen gab es gewissermaßen eine erste und eine zweite Klasse. Das sind Unterscheidungen, die damals nicht so kommuniziert wurden. Was mir auch im Nachhinein erschütternd deutlich wurde, ist – um das verkürzt zu sagen –, dass diese Kategorisierung sich an der Positionierung des jeweiligen Herkunftslandes im Kalten Krieg orientierte. Das führte dann zu solchen Kuriositäten, dass junge Menschen aus Mosambik bei der Reichsbahn oder im Braunkohle-Tagebau eine Ausbildung gemacht haben, die sie in Mosambik bestimmt nicht besonders weitergebracht hat. Das andere, was ich noch ergänzen wollte, ist, dass zu den wenigen Möglichkeiten, die ich in der DDR hatte, um meine eigene Identität positiv zu verhandeln, der Kontakt zu den ‚Vertragsarbeiterinnen‘ etwa in Gotha gehörte, die in der LPG gearbeitet haben. Das waren wichtige Momente. Das waren aber getrennte Räume, die Räume der Friedensbewegung und der Kirche waren etwas anderes. Deswegen war es für mich in der Zeit zwischen 1984 und 1989 auch unglaublich wichtig, dass ich in Arnstadt, Gotha und Erfurt Kontakt zu ‚Vertragsarbeiterinnen‘ aus Simbabwe, Angola und Mosambik hatte. 

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Dieser Text wurde in der deutschen Version des gleichnamigen Readers zur Ausstellung Echos der Bruderländer. Was ist der Preis der Erinnerung und wie hoch sind die Kosten der Amnesie? Oder: Visionen und Illusionen antiimperialistischer Solidarität (Laufzeit: 1.3.–20.5.2024) im Haus der Kulturen der Welt (HKW)/Berlin veröffentlicht. Verlag: Archive Books, ISBN: 978-3-949973-54-3. Erhältlich im Buchhandel, im HKW-Shop und über den HKW-Webshop.



  • FOOTNOTES

     

    [1] Der Spielfilm Coming Out erzählt die Geschichte eines jungen schwulen Lehrers in Ostberlin. Er wurde unter der Regie von Heiner Carow vom DEFA-Studio für Spielfilme in Potsdam-Babelsberg produziert.

     

    IMAGE CREDITS

    Cover: Mona Ragy Enayat, Der Mond ist immer noch bei mir, 2022

    © and courtesy of the artist.

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