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JA IST OK? /… IST DAS OKAY?

Ein Dialog zu Aktivismus in Sexarbeit und Behindertenrechten.

  • Dec 16 2022
  • Ruby Rebelde & Daniel Horneber
    Ruby Rebelde ist Sexarbeiter*in, Aktivist*in und arbeitet in der politischen Bildung. Ihre Schwerpunkte sind Rechtsextremismus, Feminismus und Menschenrechte. Außerdem gibt sie Workshops und Vorträge zu Anti- Diskriminierung und Stigma. Zusammen mit Daniel Horneber arbeitet sie akivistisch zu den Themen soziale Gerechtigkeit, Diskriminierung und Allyship.

    Daniel Horneber ist Erzieher und Aktivist. Seine Schwerpunkte sind Behinderung, Beeinträchtigung und Inklusion.
    Er hält Vorträge, gibt Workshops, nimmt an Podiumsdiskussionen teil und ist ein behinderter Mensch.

14:33) Ringbahn, Berlin: Im Sommer 2022. Es ist heiß, drückend und es hat über Wochen nicht geregnet. Ich schultere meinen Rucksack, in dem sich meine Arbeitsmaterialien befinden: Handschuhe, Kondome, Gleitmittel, Vibrator, Baumwollseile, eine handliche Peitsche und Dinge, mit denen ich dich sacht streicheln, aber auch ein bisschen quälen kann.

(14:45) S-Bahnhof Landsberger Allee: Bis wir uns gleich das erste Mal treffen, war viel Kommunikation per Telefon und Mail nötig, denn viele Dinge mussten geklärt werden. Zum Beispiel, dass ich dich zuhause besucheund wir nicht allein sein werden. Du lebst in deiner eigenen kleinen Wohnung, benötigst aber eine Assistenz, die dir Dinge abnimmt. Da die immer wieder wechselt und mensch nicht zu jede*r Assistent*in einen guten Draht hat, hing unser Termin auch am Schichtplan deiner Assistent*innen.

Mit deiner Assistenz, die mich gleich in deine Wohnung einlässt, habe ich vorher telefoniert. Denn ich weiß, dass Vorurteile über Sexarbeit überall, in allen Köpfen, sind und ich möchte verhindern, dass sie unser Treffen überschatten. Daher war das Telefonat wichtig, damit die Assistenz keine unnötigen Fragen stellt oder unangebrachte Kommentare macht. Das Gespräch war nett, mein Augenrollen war am Telefon glücklicherweise nicht zu hören. Ich habe mit den Augen gerollt, weil die Fragen sich in Endlosschleife wiederholen: „Du machst das aber freiwillig, oder?“ oder „Und ER [1] will das auch?“

Beim Telefonat habe ich das Wort „Sexualassistenz“ benutzt. Meine Erfahrung zeigt, dass es  weniger schmuddelig wirkt als das Wort „Sexarbeit“. Wie so oft bei diesem Thema geht es dabei nicht um deine oder meine Gefühle, sondern um die des Umfelds, der Mehrheitsgesellschaft.

14:53: Stra.e, irgendwo in Berlin. Der Aufzug an der S-Bahn: kaputt. Barrierefreiheit ist 2022 in Deutschland immer noch etwas, das viel zu oft auf der Strecke bleibt. Für dich, der einen Rollstuhl benutzt und auf die Öffis angewiesen ist, bedeutet es: Unsicherheit, mangelnde Planbarkeit, Ärger und Umwege.

Wichtig war, herauszufinden, was deine Wünsche und Erwartungen an unser Treffen sind. Das ist Standard, und deine Identität als Mensch mit Behinderung hat bei diesem Teil der Vorbereitung keine Rolle gespielt.

Ich frage ohnehin immer nach körperlichen Einschränkungen oder besonderen Bedürfnissen. Älteren Kund*innen sind Orgasmen oft gar nicht so wichtig, weibliche Kund*innen haben meist weniger Erfahrung damit, für Sex zu bezahlen, dafür aber einen höheren Gesprächsbedarf. Andere wiederum möchten sicherstellen, dass jede Körperform für mich okay ist.

„Ja, ist okay“ ist ein Satz, den ich ganz oft sage, bevor wir uns live sehen. Weil’s stimmt. Für mich ist es wichtig, dir das Gefühl zu vermitteln, dass es okay ist, dass du für Sex bezahlst. Dass es mein Job ist, mich mit meinen verinnerlichten Berührungs.ngsten gegenüber Körpern mit Behinderung auseinanderzusetzen und du – heute – keine Bildungsarbeit leisten musst. Du bezahlst mich für sexuelle Dienstleistungen.

Ich sage „Nein“, wenn du meine Bedürfnisse oder Grenzen nicht erkennst, oder sie absichtlich

„Ich kann es nicht ändern, aber ich kann versuchen, dir deine Scham zu nehmen.“

oder unabsichtlich überschreitest. Dabei spielt deine Behinderung keine besondere Rolle, bist du aufgrund der Behinderung weder ein besserer noch ein schlechterer Kunde.

(14:59) Haustür: Zahllose Klingelschilder, ein schmuckloser Neubau. Deine Wohnsituation war dir peinlich. Armut ist schambesetzt. Die Gentrifizierung sorgt für Mietwohnungen in Berlin seit Jahren für ins Unbezahlbare steigende Preise. Klassismus, überall. „Ist okay.“ Ich kann es nicht ändern, aber ich kann versuchen, dir deine Scham zu nehmen.

(15:00) Die Klingel schnarrt.
„Ja, bitte?“
„Ich bin's.“
„5. Stock. Der Aufzug ist leider kaputt.“
„Ist okay.“

**

Im Text „Ja, ist okay“ begleiten wir eine Sexarbeiter* in auf dem Weg zu ihrem Job. In der S-Bahn denkt sie über den bevorstehenden Hausbesuch nach. Der Kunde wohnt in der eigenen Wohnung und ist auf Assistenz angewiesen. Bei den Vorgesprächen hat seine Beeinträchtigung keine Rolle gespielt. Sie stellt sich am Telefon als „Sexualassistenz“ und nicht als „Sexarbeiterin“ vor, damit sie seriöser wirkt. Darin lese ich eine Kritik am dominanten Verständnis von sexuellen Dienstleistungen in Bezug auf Beeinträchtigungen. Für mich ist das der zentrale Punkt und ich teile die Kritik. In folgendem Text werde ich erklären, wie die Begriffe Sexualbegeleitung, Sexualassistenz und Sexarbeit voneinander abzugrenzen sind. Außerdem liste ich Forderungen auf, die inklusive Sexualität für Sexarbeiter* innen und Menschen mit Beeinträchtigungen möglich machen.

Heute wird der Begriff der „Sexualassistenz“[2] fast synonym mit dem der „Sexualbegleitung“ verwendet. Dabei sollte klar unterschieden werden: Sexualassistenz ermöglicht beeinträchtigten Personen, mit ihren Sexualpartner*innen oder mit sich selbst Sexualität zu leben. Sexualbegleitung beschreibt eine diskriminierende Sparte der Sexarbeit, in der die Sexarbeiter*innen ihre Dienstleistungen ausschließlich für Menschen mit Beeinträchtigung anbieten.

Was Menschen mit Beeinträchtigung nicht brauchen, sind weitere Sonder- oder Schonräume. Wenn „Sexualbegleitung“ als spezialisierte Form  der Sexarbeit ausschließlich für Menschen mit Beeinträchtigung gedacht ist, ist das nicht inklusiv. Stattdessen tritt sie dann nur in einer Entlastungsfunktion für nicht beeinträchtigte Menschen auf. Sexualität von beeinträchtigten Menschen wird dadurch noch weiter an den Rand gedrängt. Denn wenn nicht einmal „normale“ Sexarbeiter* innen mit beeinträchtigten Menschen Sex haben, ensteht für nicht beeinträchtigte Menschen umso mehr der Eindruck, Sex mit beeinträchtigten Menschen sei viel zu kompliziert. Außerdem scheint es dann noch weniger „normal“, sexuelle Gefühle für Menschen mit Beeinträchtigung zu haben.

Wird dann noch diskutiert, ob die Krankenkasse für die Finanzierung von Sexualbegleitung aufkommen soll, führt das dazu, dass die Sexualität von Menschen mit Beeinträchtigung als krankhaft stigmatisiert wird. Menschen mit Beeinträchtigung sollten sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen können und dies sollte nicht über die Krankenkasse geregelt werden.

Die Diskussion zeigt: Der Zusammenhang von Sexarbeit und Menschen mit Beeinträchtigung wird schon fast als Notwendigkeit angesehen. Bedeutet das, dass Menschen mit Beeinträchtigung in dieser ableistischen3 Gesellschaft nicht dieselben Chancen zugesprochen werden, eine Beziehung zu führen und unbezahlten Sex zu erleben?

Wir müssen auch über das Konstrukt der Sexualbegleiterin als „guter Hure“ sprechen und was es mit dem Stigma gegenüber Sexarbeiter*innen im Allgemeinen zu tun hat. Auch darauf weist „Ja,  ist okay.“ hin. Sexarbeiter*innen und Menschen mit Beeinträchtigungen haben sehr gute Gründe, im Kampf um ihre Rechte enger zusammenzuarbeiten.

Beide Gruppen werden in ihrem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung behindert.

Wie das zu ändern ist?

• Menschen, die daran gehindert werden, mit Assistenz in der eigenen Wohnung zu leben und daher in WGs oder Wohnheimen für Menschen mit Beeinträchtigung leben müssen, brauchen das Recht darauf, in ihrem Zimmer Sexarbeiter* innen zu empfangen.

• Wir brauchen eine inklusive Sexarbeit, in der beeinträchtigte Sexarbeiter*innen genauso zum Alltag gehören wie beeinträchtigte Kund*innen.

• Bordelle, SM-Studios und Sexshops müssen barrierefrei werden.

• Das „Prostituiertenschutzgesetz“ muss weg, denn es verstärkt die Stigmatisierung von Sexarbeiter*innen. Unter Menschen mit Beeinträchtigungen müssen Vorurteile gegenüber Sexarbeiter*innen abgebaut werden, weil sie dazu führen, dass diese Personen eher zu einer Sexualbegleitung anstatt zu einer „normalen“ Sexarbeiter*in gehen.

• Wie in der Gesamtgesellschaft muss auch unter Sexarbeiter*innen Ableismus abgebaut werden.

• Sexualassistenz muss als Assistenzleistung vom Staat finanziert werden.

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  • Footnotes
    [1] Meine Kund*innen sind zu 80-90 Prozent männlich.
    [2] Assistenz bedeutet, dass es sich um eine rein professionelle Hilfestellung in Bezug auf die Beeinträchtigung handelt. Diese Assistenz kann passiv oder aktiv sein. Passiv bedeutet z.B. Sexspielzeug zu besorgen oder die Assistenznehmer*innen beim Kauf von Sexspielzeug zu begleiten, diese bereitzulegen, oder den Assistenznehmer*innen anzureichen, wenn sie dies wünschen. „Aktiv“ meint, direkt beim Sex zu helfen, sei es durch Lagerung und Stellungswechsel oder z.B. die Hand der*des Assistenznehmer*in zu führen.
    [3] ableistisch: Der aus dem Englischen stammende Begriff bedeutet, dass Menschen mit einem Körper, der alles kann, die also „able“ [fähig] sind, bestimmen, was gut und richtig ist und auch alle ausschließen, die nicht ihren Maßstäben entsprechen.

    Image Caption:
    Leila Hekmat, Female Remedy; Wild Angels: Maria und Paulette, 2022. © Leila Hekmat, Courtesy the artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin.

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