Was heißt revolutionäre Kunst unter gegenwärtigen Bedingungen?
Diese Frage stand im Zentrum eines Treffens von rund dreißig Kunstschaffenden am Vorabend der Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin. Diskutiert wurde nicht abstrakt über Stil oder Geschmack, sondern über Funktion und Positionierung:
Ist revolutionäre Kunst Kunst aus der Klasse, Kunst für die Klasse – oder beides?
Welche Funktion hat Kunst im bürgerlichen Staat?
Wie lässt sich Parteilichkeit entwickeln, ohne in Dogmatismus oder nostalgische Rückgriffe zu verfallen?
Die Dringlichkeit dieser Fragen ergibt sich aus den gesellschaftlichen Verhältnissen selbst. Während wir die größten Angriffe auf die arbeitende Klasse seit Jahrzehnten erleben müssen, Deutschland sich kriegstüchtig rüstet, demokratische Rechte eingeschränkt und staatsräsonale Argumentationen verschärft werden, wird auch der kulturelle Raum neu geordnet. Kunst bleibt davon nicht unberührt.
Dieser Auftakt zur Selbstorganisation fiel nicht vom Himmel. In den letzten Jahren entstanden Initiativen wie das Rote Atelier (zeitgenössische Gestaltung für und aus der Bewegung), Nous – konfrontative Literatur (Literatur mit Klassenstandpunkt), KunstKlasse (sozialistisches Kulturkollektiv aus Gießen), das Palestine Film Institute (Förderung und Bewahrung palästinensischen Kinos) und die Roten Kulturtage in Zürich (Festival für Arbeiter*innenkultur). Parallel dazu werden vereinzelte Stimmen revolutionär bewusster Kunstschaffender lauter, wie beispielsweise im Artikel Für eine neue revolutionäre Kunst zu lesen ist. (nd, 06.01.2026) und eine junge Generation von Künstler*innen beginnt sich wieder gewerkschaftlich zu organisieren. Vor diesem Hintergrund war die Zeit reif für eine engere Zusammenarbeit und eine gemeinsame inhaltliche Ausrichtung. Aus dem Treffen wurde ein Vorbereitungskomitee gebildet. Seine Aufgabe ist die Organisation eines Kongresses, der die hier angeschnittenen Fragen vertieft, die verschiedenen Stränge einer neuen Kulturbewegung zusammenführt und zur Gründung eines neuen Bundes revolutionärer Kunstschaffender führen soll. Damit knüpfen die Beteiligten an eine lange Tradition linker Kunstpraxis an – eine Tradition, deren organisierte Strukturen über Jahrzehnte bekämpft, zerschlagen und entpolitisiert wurden.
Revolutionäre (Kunst-)Geschichte
Viele Debatten, die wir heute führen und führen müssen, wurden bereits in den historischen Organisationen revolutionärer Künstler*innen geführt. Eine neue revolutionäre Kunst muss sich also ihrer Tradition bewusst werden – nicht aus Nostalgie, sondern um Erkenntnisse der Arbeiter*innenkulturbewegung in die Gegenwart zu übersetzen und anzuwenden. Historische Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum reichen von der Assoziation revolutionärer bildender Künstlerinnen (ARBKD/Asso), der Prometheus Film GmbH und dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftstellerinnen (BPRS/Bund) in der Weimarer Republik über die organisierten Agitprop-Truppen der Arbeiterinnenbewegung, die DDR-Kulturpolitik und den Bitterfelder Weg ab 1959 bis hin zur Vereinigung sozialistischer Kulturschaffender (VSK) in den 1970ern und gewerkschaftlicher Kulturarbeit von den 1980ern bis 2000ern.
Der BPRS verstand Literatur nie als reines Sprachspiel, sondern als Waffe im Klassenkampf. Debatten in der Zeitschrift Linkskurve kreisten um konkrete Vermittlung und die Anwendung des historischen Materialismus auf die Literatur. Seine Mitglieder*innen stellten einen Schulterschluss zwischen den schreibenden Arbeiter*innen und den revolutionären Schriftsteller*innen dar. Ohne die bereits im Vorhinein existierende Arbeiterkorrespondenzbewegung, in der bereits über 1000 schreibende Arbeiter*innen involviert waren, wäre die Gründung des BPRS wohl kaum möglich gewesen. Gemeinsam kämpften sie für eine Literatur, die nicht *über* die Klasse, sondern aus ihrer Lage und *für* ein revolutionäres, kommunistisches Bewusstsein sprach. Die Praxis reicht weiter von Lesungen und Massenkritiken über Bücher-Festivals bis zur ästhetischen und handwerklichen Schulung von Arbeiter*innen-Schriftsteller*innen.
Die Geschichte des BPRS zeigt: Revolutionäre Kunst entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern organisch in Verbindung mit politischen Kräften. Heute, ohne eine vergleichbare Massenpartei, muss ein neuer Bund den Raum für eine proletarische Gegenkultur schaffen und zugleich an der Debatte über den Wiederaufbau revolutionärer politischer Strukturen und Partei mitwirken.
Wer ist dieses Proletariat?
Die heutige Arbeiter*innenklasse umfasst alle, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen: körperlich, intellektuell, kreativ, emotional oder digital. Diese Klassenlage vereint prekäre Gig-Arbeiter*innen, befristete Wissenschaftler*innen, Clickworker und solo-selbstständige Künstler*innen. Die Klasse ist divers, global und fragmentiert, umfasst unterschiedliche Milieus, Geschlechter, ethnische Herkünfte, sexuelle Orientierungen, Altersgruppen und soziale Hintergründe.
Kunst im Dienst der bürgerlicher Moral
Kunstproduktion – wie in jedem Lebensbereich – gibt es in dieser Gesellschaft nur unter der Verwertungslogik, sowohl im freien Markt als auch in der staatlichen Förderlandschaft. Künstler*innen unterliegen dabei dem inneren Zwang zur Selbstvermarktung und zur Identitätsbildung als “Marke”. Nur wenige können sich darin einrichten – jene, die ihr Schaffen gewinnbringend zu Markte tragen können. Die große Mehrheit der Künstler*innen ist jedoch proletarisiert, auf einen Neben- oder Hauptjob angewiesen, oder prekarisiert und schlägt sich als Freiberufler*innen mit künstlerischen und nicht-künstlerischen Tätigkeiten durch. Beiden Gruppen fehlt die materielle Grundlage für eine nachhaltige künstlerische Praxis. Sie entgehen dem Verwertungszwang genauso wenig wie die Subkultur und Off-Szene, sondern fungieren als Reservearmee der kulturellen Innovation – in der Hoffnung, irgendwann an der Verwertung beteiligt zu sein.
Entweder dient Kunst direkt der Staatsräson oder sie erscheint kritisch gegenüber dem Kulturbetrieb. Ihre Funktion in dieser Gesellschaft ist häufig nicht die offene Propaganda, sondern ein subtiles System zur Reproduktion der herrschenden Ideologie und zur Verwaltung von Widerspruch. Auf der gleichen Bühne können kommunistische, linksliberale und konservative Künstler*innen stehen – scheinbar pluralistisch, tatsächlich integrativ.
Wird sie ernsthaft wirksam – etwa durch Infragestellung von Eigentumsverhältnissen – erfolgt Repression: Mittelkürzungen, Ausschluss aus Distributionswegen, kuratorische Blockaden oder Polizeimaßnahmen. Graffiti illustriert dies eindrücklich: Wo es als Kunst anerkannt wird, wird es integriert; andernfalls kriminalisiert. Die grundlegende materialistische Bedingung heutiger Kunstproduktion lautet daher: im und gegen den Repressionsapparat zugleich arbeiten zu müssen. Eine marxistische Kritik muss über die reine Feststellung dieser beiden zentralen Widersprüche hinausgehen und aus ihnen Strategie, Taktik, künstlerische Praxis und Ästhetik ableiten. Wie es der wichtige Brecht Text »Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit« (1934) für die spezifische Situation in Hitlerdeutschland vorgemacht hat.
Drei Grundsätze für einen neuen Bund
1. Organisieren statt vereinzeln
Das Vorbereitungskollektiv sucht und verbindet vereinzelte Künstler*innen mit revolutionärem Bewusstsein, bestehende Kollektive und Orte der Arbeiter*innenkultur. Wo gemeinsame Praxis fehlt, wird sie aufgebaut: durch gegenseitige Einladungen zu Ausstellungen, Lesungen und Veranstaltungen an Orten institutioneller Durchlässigkeit und dort, wo unsere Klasse lebt, arbeitet und kämpft. Nur kollektives Tun und gegenseitige Kritik steigern Qualität, entwickeln Fragestellungen und legen den Grundstein für eine Gegenkultur.
2. Partei ergreifen
Revolutionäre Kunst darf sich nicht in der Darstellung erschöpfen. Sie muss sich aktiv in Kämpfe einbringen und sich gegen die herrschende Staatsräson und ihre kulturpolitischen Hegemonie stellen – gegen Aufrüstung, Sozialabbau, Völkermord, imperialistische Aggression und für den Sozialismus an der Seite streikender Arbeiter*innen. Wo Institutionen und Gewerkschaftspitzen schweigen, muss Kunst für Unterdrückte Partei ergreifen. Diese Kämpfe sind Schauplätze, an denen sich entscheidet, ob Kunst Teil widerständiger Gegenkultur ist oder im Chor der Herrschenden mitsingt.
3. Ästhetik entwickeln
Ein neuer Bund muss die spezifischen Bedingungen der Kunstproduktion heute und die Gesetze der verschiedenen Kunstformen und Medien analysieren, um Kriterien für revolutionäre Kunst zu erarbeiten. Dafür braucht es eine zeitgemäße Ästhetik, die Kunst nicht als reine Ideen- oder Formproduktion versteht, sondern als Teil gesellschaftlicher Stoffwechselprozesse.
Ein Diskurs, der fünfzig Jahre vernachlässigt wurde, lässt sich nicht an einem Abend führen. Das Vorbereitungskomitee wird die begonnenen Diskussion weiterführen, publizieren und einen Kongress vorbereiten, der die hier angeschnittenen Themen vertieft.
Eine neue Kulturbewegung entsteht aber nicht im Kopf einiger weniger. Sie wächst aus der gemeinsamen Praxis. Daher richten wir einen ausdrücklichen Aufruf: Singt gemeinsam. Schreibt Gedichte. Organisiert Ausstellungen. Bildet Kulturstammtische mit Genoss*innen. Tauscht euch aus, diskutiert, vernetzt euch – erprobt Wege zu einem neuen Bund.
Für aktuelle Informationen und neues zum Kongress, schreibt uns an:
revolutionaerekunst@systemli.org
Nach wie vor Gilt was im Manifest der Asso Geschrieben steht:
[Künstler*innen], euer Elend wurzelt in denselben Ursachen wie die des Proletariats. Die Künstler haben, gleich der Arbeiterschaft, nichts zu verlieren als ihre Ketten, aber eine ganze Welt zu gewinnen!
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Group exhibition "Wir sehen Rot". Credits: Pascal Kuba Koston