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REVIEW: PARANOIA TV

Der Steirische Herbst ist dieses Jahr kein Kunstfestival, sondern ein Medienkonzern. Zu Besuch in den von Ekaterina Degot projizierten Parallelwelten.

Es ist wie ein Déjà-vu. Der Steirische Herbst eröffnete vor drei Jahren auch mit performativen Taxifahrten durch die Stadt, die von Rissen in der Gesellschaft, aber auch von ihren Schätzen erzählten. Doch anders als was Theater am Bahnhof 2018 inszenierte, reagiert die immersive Radio-Performance von Janez Janša auf eine neue Welt. Die Welt nach der Plage. Oder nach den drei Plagen, wie Adam Kleinman es in seiner Reihe von Gesprächen, die immer Mittwochs auf Paranoia TV laufen, bezeichnet. Von New York aus gestreamt, gemeinsam mit eingeladenen Gästen per Zoom analysiert. Die Plagen sind: Rassismus, Populismus und Covid-19.

Liv Schulman, Brown, yellow, white and dead (2020), Video, Photo: Clara Lemercier

 
Das Jahr 2020 ist bei Kleinman, sowie bei  anderen Fiktionen, wie den trashigen Zombiegeschichten aus Brown, Yellow, White and Dead (2020) der in Paris lebenden Liv Schulman, oder der in Sao Paulo gedrehten Soap-Opera von Tamar Guimarães, mit Luisa Cavanagh und Rusi Millán Pastori, ein Vektor durch die Gespräche, die sich mit dem künstlerischen Imperativ und Degot’s kuratorischen Rahmen überschneiden. In 2020 geht es um schiefgelaufene Protestaktionen, verdrehten Aktivismus, demonstrativen Rassismus, um die Toten, und die lebenden Toten. Und auf Paranoia TV, der in Videomaterial reichhaltigen Webseite des als Medienkonzern simulierten Steirischen Herbsts. Es wiederholt sich gleich einer unter den Fingern gescrollten Realität eine neue symbolische Ordnung der Machtverhältnisse, Territorien und Nachrichten. 

Zurück ins Taxi.

Die Luft ist schlecht unter den über 8 Stunden getragenen Masken, der österreichische Schlager der im Radio läuft machen einen wahnsinnig, und plötzlich befindet man sich in der zweite Hälfte eines EM-Finales. Das Finale heißt auch das Stück mit drei Enden, das je nach Taxifahrt variiert. In unserem Fall werden die Moderatoren, wie alle anderen im Stadion, von Fledermäusen gefressen. Die Fledermäuse werden 45 Minuten lang in literarischen und philosophischen Anmerkungen während des Spiels erwähnt; mythische Tiere, die jetzt in aller Munde sind, im Glauben vieler sie hätten das Coronavirus in China verbreitet. Irgendwann landen wir in der hässlichen Peripherie von Graz, voller Tankstellen und rechter Werbung, McDonald’s-Filialen und andere riesigere Discounter, und Parkplätze auf dem Gelände der Firma Legero United. Mit Chips und Schnaps, die wir uns gönnen konnten, dank des netten tunesischen Taxifahrers, der für uns einen kleinen Umweg machte. Wie von den Kurator*innen bestellt, haben wir die Grenze zwischen Eilmeldungen, Fake News und Kunst im Radio überschritten.

 

Janez Janša, The Final Match (2020), Radio play and performance, Graz, Photo: Johanna Lamprecht

 

Ekaterina Degots Drang, das Festival als allumfassendes Phänomen zu inszenieren, gelingt ihr und dem gesamten Kuratorium tatsächlich noch einmal. Die Geistererscheinungen der Gegenwart kristallisieren sich in jedem Beitrag heraus, auch wenn diese, ästhetisch gesehen, manchmal eine Unterforderung sind. Hier wird aber deutlich, warum die Titelseite der US-amerikanischen Vogue mit einem posthumen Porträt von Breonna Taylor sich dem Problem nicht wirklich widmet, sondern eher noch eine Schicht drauflegt auf die Dichotomie zwischen Glaube und Wahrheit in diesen anarchistischen Zeiten, in denen Politiker in Machtpositionen nicht mehr zu unterscheiden sind von Leuten wie Kanye West. Die meisten Beiträge der diesjährigen Edition des legendären Grazer Festivals für darstellende Künste sind ein Auftrag an die digitale Öffentlichkeit. Zugleich stellen sie einen neuen Anspruch an Zirkulation, den man sich von allen Kulturinstitutionen wünscht: Keine unterfordernde Social-Media Feeds bitte, sondern eine richtige Auseinandersetzung mit Form und Inhalt.


Binging for Futures

Paranoia TV ist besser als alle anderen vom Staat getragenen Fernsehsender (ganz zu schweigen von dem, was auf den privaten Sendern ausgestrahlt wird). Wer auf dem Herbst-TV-Channel (manchmal auch live) streamen möchte, kann es gerne machen. Die Stadt Graz fördert wieder großzügig die Baustelle, die Degot aufmacht. Filme, Serien, Nachrichten werden angeboten. Sie zeigen vorbildlich den etablierten Medienhäusern, die die intellektuelle Herausforderung wie man Kultur im Fernsehen featured verlernt haben, wie das geht. 

Die Performance-Lecture Money Talks von Thomas Geiger fand zwar auf dem Rooftop des Hotels Augarten statt, wurde aber so schön geschnitten, dass man auch online das Gefühl hat tatsächlich anwesend zu sein. Dabei verkörpert Thomas Geiger den Kapitalismus. Der Künstler infantilisiert, irritierenderweise, zum einen die Auswirkungen dessen auf die globale Gesellschaft, zum anderen forciert er eine Art selbstkritischer Beobachtung bei der Sitzung mit einer Psychoanalytikerin. Einer echten. Die Sigmund-Freud-Animation dient als Metaebene der Vermittlung, bei der die Figur analytische, aber auch komische Kommentare zum Geschehen liefert. Hier haben wir es - Full Circle, die Kunst der Verwirrung dient der Entwirrung der Realität. 

 

Thomas Geiger, Money Talks, Episode 1: The Psychoanalyst (2020), Performance, Augarten Art Hotel (Penthouse), Graz, Photo: Mathias Völzke


Auch wenn der Bildschirm die entschiedene Oberfläche des Festival ist, versucht es seinem eigenen Gespenst in der Stadt Koordinaten zu geben. Gestalt bekommt es in Fotografin
Joanna Piotrowska’s Zeitung als Essenslieferservice, als Give-Away-Malbuch des Künstlers Roee Rosen, und auf Ö1 läuft täglich ein Paranoia-Podcast. Es versteckt sich auch als Geräusche der Objekte in Lawrence Abu Hamdan’s Installation im SPAR des Kaster und Oehler: die Snacktüten, und Taschentücher vibrieren, die Blumen singen Lullabies, die PET-Flaschen oszillieren die Echos des Wasser.  

La Città Fatale

Den Herbst in der Steiermark kann man mit einem oben eingedrückten Filzhut und debilen Gamsbart, oder Auerhahn-Federn am Hutband verbinden. Ihre anhaltende Trachtenbegeisterung bedeutet im Volksmund Stolz, doch außerhalb der Region Hohn. Dem internationalen Publikum des Kunstfestival Steirischer Herbst fällt das natürlich auf, man bespricht die dem zugrundeliegende patriotische und/oder nationalistische politische Einstellung der Träger*innen, und belustigt sich nicht minder an deren Provinzialität. Doch genau da hakt es. Die Locals fühlen sich wohl in Loden und Leder, hinterfragen weder Materialien noch Aussenwirkung. 

Vor allem im Herbst ist die Tradition so überbordend, dass gleich nach dem ersten Sturm, dem schnell benebelnden Glas Federweissen, die Frauenwitze verstohlen aus den Fäustchen mit den Maronistanizeln entweichen. Die Locals führen diese vertiefenden Gespräche über den Bedeutungsgehalt nicht, denn für sie ist all das Normalität. In den Diskurs, der nun von weniger Befangenen zum Thema gemacht wird, sind sie kaum eingebunden. Wie zeigt sich das? Nur knapp 15 Personen wohnen den meisten Pressesevents des Steirischen Herbst bei. Das liegt auch an der globalen Pandemie. Davon ist aber nur ein Bruchteil aus Graz, noch weniger Menschen aus der Umgebung. Trotz Covid gut besuchten Eröffnungsevents (Die Taxi-Performance war mit über 200 Besucher*innen besetzt, das war die gesetzliche Obergrenze. Bei der Eröffnungsrede waren live 70 Personen vor Ort was den Sicherheitsabstand garantierte), war nach Gesprächen mit Bekannten, Unbekannten, Freunden und Familie fassen wir hier zusammen: Die Locals fühlen sich ausgegrenzt aus der eigenen Stadt. Und der eigenen Kulturproduktion, für die sie Steuern zahlen. 

 

Lulu Obermayer, L'Opra Fatale—an Intervention (2020), Performance, Oper Graz, Graz, Photo: Mathias Völzke

 
Dieses Beleidigtsein hat was ausgrenzendes. Dramaturgin und Darstellerin Lulu Obermayer packt diese Art der Klage und Verwöhnung von vorne an, dreht sie in der Luft, gibt mit L’Opra Fatale einen Einblick in den Ursprung des gesamten Problems der Bürgerlichkeit. Die Intervention in der Oper beginnt wie ein Theaterstück, mischt dann im Amalgam der Mixed-Media alle Karten neu. Zwischen Gesang und bühnenreifen Auftritten der Akteurinnen die sich im Saal, in den Logen und zwischen dem Publikum bewegen, nutzt Obermayer den gesamten Raum. Und bringt damit den zu Corona-Zeiten so geschätzten persönlichen “safe space” ins Wanken. Mit Licht und Musik werden düstere Momente geschaffen. Manche vor Schönheit strotzende, schmachtende Opern-Darbietungen, andere, wie alle sich langsam nacheinander schließende Türen der Oper, sind voll von angstverbreitender Unsicherheit, die geschürt wird mit Nebel und Rauch, der dann in den ganz abgedunkelten Raum geblasen wird, sich dort entfaltet, und den kommenden Akt der Scheinwerferstrahlen, die wie in einem Club wild durch den Raum geschwenkt werden, erhöhen. Die systematische Verwendung und Umwandlung von Theater- und Operncodes dient Obermayer zur Auflösung bekannter Abfolgen und Logiken. Inhaltlich an der Gender-Debatte aufgehängt, schafft sie mit ihrer Form der Inszenierung eine geheimnisvolle Atmosphäre zwischen dem simplen und langweiligen Fakt dass Frauen immer noch nicht gleichgestellt sind, vor allem nicht in der historischen Repräsentation. 

Deutsch Süd-Ost des Schriftstellers Ingo Niermann ist eine de komplexesten Serien im Programm. Die Schauspielerin Mavie Hörbiger liest aus tragikomischen Biographien reifer heterosexueller weißer Männer, die alles verkörpern, was heute negativ konnotiert ist. Die neue Rechte, Reichsbürger, kontroverse Künstler und Intellektuelle werden von Niermann collagiert, um eine utopische Zukunft zu präsentieren, zur Auslöschung patriarchaler Fantasien, und berichtet vom soziopolitischen Spektrum der globalen Gesellschaft. Hörbigers sanfter und zugleich strenger Stil des Vorlesens überzeugt, als wäre das Patriarchat wirklich ein Fossil der Geschichte. Schön wär’s. Das radikale Potential von Niermanns Prosa, travestierte Wirklichkeiten zu produzieren, gestaltet eine Sicht auf die Welt, die zur Neuausrichtung der Wertesysteme beitragen kann. Die 24 Protagonisten von Deutsch Süd-Öst stellen die männliche Figur als ein Subjekt-in-Transit vor, manchmal lediglich verfangen in identitären Sackgassen.


 

Ingo Niermann, Deutsch Süd-Ost (2020), Video, Collage: Mad Smells

Das Aufwühlen ist notwendig, und das ist was Kunst kann. Ekaterina Degot kann das auch. Sie muss nur, zur Halbzeit ihrer Amtszeit, anfangen, auch die Grazer*innen abzuholen. Kritische Auseinandersetzung mit den Problemen vor Ort, aufzeigen was verborgen liegt, provozieren was gerne unter den Teppich gekehrt wird. Nach drei Jahren Steirischer Herbst, die eine ganz großartige Reihe an zeitgenössischen und internationalen Stimmen in diese Kleinstadt gebracht hat, u.a. Cibelle Cavalli Bastos, Jakob Lena Knebl, Elmgreen & Dragset, Oscar Murillo, Milica Tomic, Laibach, Henrike Naumann, bleiben die Gräben zwischen den Gästen und den Einheimischen tief, und die Fronten verschärft. Die Geschichte des Festival ist seit jeher etwas “skandalös”;  Wolfgang Bauer, Werner Schwab, Werner Fenz, Hans Haacke und Christoph Schlingensief etwa haben sich und der Stadt alle Ehre gemacht, indem sie sich ihr in kritischer Weise angenommen haben.

Die Herausforderung der Kleinkariertheit steht mit gezückter Waffe da. Doch zum Kulturaustausch braucht es ein Gegenüber. Wer ist das Gegenüber genau? Wo sind die Grazer*innen? Uns interessiert auch was die Google Analytics Daten über Paranoia TV sagen, und wer wirklich auf die Spendenanfragen nach jedem Video-Post reagiert. Dass Integration in der Steiermark nicht funktioniert ist klar, oder? Man sieht es an der Ausgrenzung im Alltag, den klassizistischen Fassaden, der schwierigen Eingliederung jeglicher Zugezogenen (es beginnt schon bei den Kärntner-Slowenen), der Ausländerdebatte. Aber sehen wir einmal ab von der Politik - Kunst kann verbinden. Hier scheint sie es nicht zu tun.


Wo findet der Dialog weiter statt? 

Die Künstlerin Catrin Bolt wirft genau diese Frage in den mehr oder weniger öffentlichen Grazer Raum hinein. Der Private EU-Grenzzaun, der im Garten eines Privathauses in der Innenstadt errichtet wurde, verschiebt das Äußere nach Innen. Die Absurdität der Begriffe von Heimat und  Grenze, des Verständnisses und der Missverständnisse, der Einbindung und der Exklusion. Die radikale Arroganz, die sich in der Stadt der Volkserhebung (1) immer noch breit macht, benötigt keinen Spiegel zum schämen. In diesem gefallen sich die GrazerInnen. Im Gegenteil, die Stadt braucht einen offeneren Austausch. Bestenfalls in den Bildern des “Anderen” etwas anderes zu sehen als sich selbst, und somit Empathie zu schärfen. Nächstenliebe ist in Österreich an den Katholizismus gekettet, und genau so antiquiert und unheimlich klingt das Wort dort auch. Es erinnert eher an Sexualdelikte und Finanzskandale der Kirche. Aus genau diesem Zustand enthebelt zu werden, und jegliche Paranoia vor der Realität zu diffamieren und zu bekämpfen, die legitimiert das “Andere” zu belächeln.

Akinbode Akinbiyi, Photo Booth (2020), Installation, Am Eisernen Tor, Graz, Photo: Mathias Völzke

 
Abgesehen vom Online-Programm, dem wegen COVID-19 der Hauptanteil des diesjährigen Herbst gewidmet ist, sind im Stadtraum drei künstlerische Interventionen zu finden. Akinbode Akinbiyi hat am geschichtsträchtigen ‘Eisernen Tor’ (wo schon 1988 Hans Haake’s Mahnmal für die Blutzeugen Und Ihr habt doch gesiegt für Furore gesorgt hat) einen Fotoautomaten aufgestellt. Dieser nimmt, sobald man sich in der Kabine befindet, ohne Vorwarnung ein Porträtfoto auf und spuckt dann den Schnappschuss in einer Viererkonstellation mit drei weiteren Fotografien aus dem Archiv von Akinbiyi aus. Das eigene Gesicht, in diesem Fall kein biometrisches Passfoto, welches er als einen Teil der Paranoia unserer Zeit einordnet, erscheint also neben drei weiteren Stadtporträts: Bilder aus Berlin, Lagos, und der schwarzen Diaspora Afrikas in Europa, die in zufälliger Anordnung vorkommen. Dieser scheinbar so zuckersüße Fotoautomat konfrontiert die Grazer mit verschiedenen Sichtweisen und Perspektiven. Wie in einem Beichtstuhl gibt man auch hier seine Beichte, sein Selbst ab, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass die eigene Position von Akinbiyi in den größeren Kontext der Welt gesetzt wird. 

 

(c) Alina Kolar

Apropos Paranoia: Am Burgring, wo sonst viel gedealt wird, sprechen zwei Straßenlaternen miteinander. Der Künstler Vadim Fishkin lässt die beiden in unendlicher Schleife, aber alphabetischer Reihenfolge, aus dem Dictionary of Imaginary Places (2020) utopische Namen vorlesen und nimmt einen mit an Orte, die man, mit oder ohne globale Pandemie, sowieso nicht bereisen kann. In den Supermarkt müssen aber immer noch alle. Und vor allem zum “Kastner” (dem bekanntesten und beliebtesten Kaufhaus in der Innenstadt, Kastner & Öhler). In den Gängen des sich im Untergeschoss befindlichen Eurospar hat in ähnlich schemenhafter Manier Lawrence Abu Hamdan seine Convention of Tiny Movements wieder installiert. Aus den Regalen kommen in unerklärlichen Abständen Geräusche und Musik, die man anfangs nicht zuordnen kann. Der verwirrende Effekt, den er mit den quasi zum Leben erwachten Verpackungen sämtlicher Konsum-Produkte erzeugt, lässt einen mit einem unsicheren Schmunzeln zurück. Werden wir überwacht oder hereingelegt und wissen es auch noch? Die Maske, die das halbe Gesicht bedeckt, lässt die Reaktionen der Konsument*innen nur erahnen. Doch die paranoide Einstellung die hier kreiert wird schwindet nicht sofort wenn man den Laden verlässt. Das schleichende, allumfassende Gefühl der Unsichtbarkeit und Fassungslosigkeit, worüber wir weder Kontrolle noch Klarheit haben, hallt im Skeptizismus gegenüber der Stadt, der Kunst, der Welt und seiner selbst wieder. 

 

Vadim Fishkin, Dictionary of Imaginary Places (2020), Installation, Burgring, Graz, Photo: Mathias Völzke

Jenseits Paranoia: Der Autor, Anthropologe und politische Aktivist David Graeber, Vorreiter einer radikal-demokratischen Zukunft, starb Ende August in Venedig, einer Stadt, die er häufig besuchte. Nach jedem Besuch brachte er venezianische Masken und Kostüme mit zurück, denn den Karneval dort schätzte er ganz besonders. Bevor der Karneval von Venedig zu einer touristischen Ware wurde, bot er einen politischen Raum für radikale Demokratie. Das gefiel Graeber besonders. Denn während des Karnevals gab es keine Schwarzen, keine Weißen, keine Alten, keine Jungen, keine Schönen, keine Hässlichen, keine Armen, keine Reichen. Jeder war eine Maske. Als Teilnehmer an den antikapitalistischen Bewegungen der Neunziger- und Nullerjahre wusste David Graeber um die unwiderstehlichen Ähnlichkeiten zwischen Karneval und Volksaufstand. In diesem Sinne planen Nika Dubrovsky, seine Partnerin, mit der er ursprünglich für den Herbst Workshops on Care gestalten sollte, Freund*innen und Genoss*innen, für diesen Sonntag, dem 11. Oktober einen Karneval zu seinem Gedenken, der auf der ganzen Welt stattfinden soll. Derzeit laufen Pläne für dutzende von Veranstaltungen, unter anderem im Zuccotti Park, NY, in Rojava, Korea, und Berlin, in Argentinien und auf der Portobello Road in London. Paranoia TV arbeitet daran die Berichterstattung über viele dieser Veranstaltungen in einem einzigen Livestream zu bündeln. Eine kollektive Form sein Leben zu zelebrieren, und eine Einladung an alle... Bis dahin schauen wir uns an, wie die aktuelle globale Dystopie überwunden werden kann.


Image: Opening speech by director Ekaterina Degot, displayed on screens throughout the city center, Graz, Photo: Johanna Lamprecht

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  • Footnotes
    (1) en.wikipedia.org/wiki/Honorary_city_titles_in_Nazi_Germany

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