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GESCHICHTEN VON MACHT UND MACHTLOSIGKEIT

Amelie von Wulffens „Comics“ (2020) und Linda Nochlins „Misère - Darstellungen von Armut im 19. Jahrhundert“ (2018).

Armut und Elend sind in der Kunstgeschichte stark gegendert; junge und alte Sexarbeiterinnen und erniedrigte Mütter auf der einen Seite, Trinker, Greise und Anti-Helden auf der anderen. Diese sind Darstellungsfiguren aus dem 19. Jahrhundert, über die die Kunsthistorikerin Linda Nochlin im Sterbebett reflektierte. Erschienen 2018, ein Jahr nach ihrem Tod, bietet der wissenschaftliche, reich bebilderte Essay Misère - Darstellungen von Armut im 19. Jahrhundert ein gemischtes Bildrepertoire aus Frankreich und Deutschland aus einer Zeit, in der Ursachen und Auswirkungen von Armut noch Teil eines undurchsichtigen Reiches waren. „Das Elend ist weiblich“ betitelt Nochlin ein Kapitel über die (needless to say, noch immer) erschreckend überproportional vertretene Figur der armen Frau und der Arbeiterin gegenüber Männern und deren besondere Wirkung auf die Erotisierung des weiblichen Körpers in den Gemälden der berühmtesten Modernisten: als eine allgegenwärtige Misogynie.

Nochlin erklärt das Offensichtliche: „Männliche Figuren sind fast nie in vergleichbaren Situationen dargestellt, und dies, obwohl Geschlechtskrankheiten, allen voran die Syphilis, im männlichen Teil der Bevölkerung Frankreichs grassierten, gerade unter den innovativsten Künstlern und Schriftstellern wie Charles Baudelaire, Gustave Flaubert oder Vincent van Gogh, um nur einige wenige zu nennen“. Keine/r hatte das zuvor wie sie bisher beschrieben. Es gibt zwar zahlreiche Studien zur Arbeiterklasse in England, Irland und Europa, die Nochlin auch zitiert, doch erst ihre Sprache ermöglicht eine zeitlose Kritik am allgegenwärtigen Sexismus. Denn man liest Misère nicht nur als kunsthistorische Arbeit, sondern als Spiegel des weiter andauernden und sich noch verschärfenden weltweiten Klassenkampfes.

Es wäre unfair, Nochlins Studie den Vorwurf der Eurozentrik zu machen, auch wenn ihre Orientierung am Kanon und das Ausblenden anderer Weltumstände auffällig sind. Nochlin übt keine Kritik an den politischen oder wirtschaftlichen Umständen der Zeit. Vielmehr zeigt sie, wie problematisch es ist über „Abbildungen“ von Armut und Elend zu sprechen, wie wenig dazu bisher gearbeitet wurde, und fragt gleichzeitig: „Was verstand man im formalen Sinn unter „Aufrichtigkeit“, „Wahrheit“ und „Unmittelbarkeit? Welche Stile und Ausdrucksformen gaben die Realität des Elends am ehesten wieder und weckten zugleich Mitgefühl statt Ekel und Ablehnung?“ Im Studium von Darstellungen berühmter Künstler, wie Géricault, Goya, Courbet oder Pelez, zeigt sie immer wieder auf, dass diese Bilder weder auf Objektivität noch auf „Realismus“ fußen, sondern rein in Fantasien verankert sind, die von männlichen Bedürfnissen und Begierden sowie Frauenfeindlichkeit geprägt sind. Nochlin untersucht Bilder die vor der Erfindung der Fotografie Lebensweise und Erscheinungsbild der Armen verniedlichten oder idealisierten und teils mehr über die sozialen Bedingungen der Arbeiterklasse im vorletzten Jahrhundert als sprachliche Zeugnisse Aussagen.

Amelie von Wulffen from At the Cool Table, 2013 Pencil on paper

Apropos Goya: Neulich brachten die Kunst-Werke (KW Institute for Contemporary Art) in Berlin einen Band mit Comics der Künstlerin Amelie von Wulffen heraus, in denen sie Geschichten aus dem Alltag mit pechschwarzem Humor erzählt. Goya wird bei von Wulffen zum Protagonist der Ängste einer Nachkriegsgeneration, die im Schatten kultureller Schuld aufwächst. In der Episode „Am kühlen Tisch“ laufen Goya und von Wulffen durch Konzentrationslager (ein wiederkehrendes Motiv in von Wulffens Träumen) wo ihre Katze Puffi ertrinkt, ihre Zähne gestohlen werden und ein Kunsthochschullehrer mit Ständer kleinen Mädchen größenwahnsinnigen Quatsch aus seinem Leben erzählt. Man spürt wie sich die Sympathien der Künstlerin bei der romantischen Figur manifestieren, während es  weniger um, aus ihrer Wirklichkeit zusammengesammelten Persönlichkeiten, die grausam unempathisch ihr Ding machen, geht. Man* bleibt in diesen Comics, wie auch in all ihren Gemälden und Gegenständen, die momentan in den geschlossenen Ausstellungsräumen der KW ausharren, immer ein/e Außenseiter*in. 

Mit ihren traurigen Augen (von Wulffen kann mit Bleistiften ihre eigene Augenlider ganz soft und realistisch nachahmen) blickt sie mit Horror, Scham und Frustration auf ihre eigenen Visionen eines volkstümlichen, deutschen Landlebens, das noch voller Nazischatten ist. Ich kann mir „Comics“ nicht ohne die Monster in ihrer Ausstellung denken. Dort stellt sich die Künstlerin immer wieder selbst als Außenseiterin dar, aber sie macht das mit virtuosem Detachment. Das zeigt sich in den Reichsbürger*innen aus Muscheln, Flohmarktkitsch und Müll, mit denen sie der abscheulichen Verleugnung des Holocausts und die Unfähigkeit ganzer Generationen, über diese Vergangenheit einfach zu trauern, eine Form gibt. Amelie von Wulffens seltsame Visionen (eine sich selbst bepinkelnde, hilflose Biene Maja; ein Scheiß-Männchen, das die weißen Wände der Institution bemalt; riesige, ekelhafte fette Fliegen aus Ölfarbe) zeigen den Aufstand von Eifersucht und Unsicherheit der Bürger*innen, die insbesondere letzten Sommer völlig schräge Zombie-Nummern hingelegt haben, die von Wutbürger veranstalteten Unruhen am Reichstag zum Beispiel. 

„Im Comic gibt es Momente, die mir peinlich sind, aber nur, wenn ich direkt daneben stehe. Weil es ja so explizit sexuelle Szenen gibt und weil es Selbstporträts sind“, erzählte sie 2015 in einem Gespräch mit Julian Ignatowisch vom Deutschlandfunk zur Eröffnung ihrer Retrospektive in der Münchner Pinakothek der Moderne. Die Frage nach der Konstitution des 

„Selbst“ ist in diesen Zeichnungen nicht nur eine Entblößung; vielmehr handelt es sich hier um ein fragiles Spiel mit verschiedenen (Selbst-)Darstellungsformen. Mit diesem Gedanken im Kopf lässt sich ihre Aufführung künstlerischen (Un-)Vermögens als produktiv betrachten, als roter Faden, der sich durch die Arbeiten zieht. Selbstwahrnehmung steht bei von Wulffen weniger mit der metaphysischen Verbindung zur Welt in Verbindung als mit der Frage sozialer Zugehörigkeit. Familie, Liebe und Kultur sind nicht nur als Themen immer wieder präsent, sondern als tiefe Unruhe, fixierte Einsamkeit. Die Comics sind durchaus keine Übersicht postmoderner, ungelöster gesellschaftlicher Probleme von Frauen, aber eine deutlich lesbare Liste von Fallbeispielen und Mustern.

Genau vor 30 Jahren wurde Linda Nochlin als Feministin und Kunsthistorikerin weltweit bekannt mit ihrem Essay „Why Have There Been No Great Women Artists? (Warum hat es keine bedeutenden Künstlerinnen gegeben?)“, den selbst meine damalige feminismusfeindliche Kunstgeschichtsdozentin an der LMU in München für wegweisend hielt. Mit Nochlins Essay wurde Misogynie in der Kunst plötzlich als strukturelles Problem greifbar. Es sind die Institutionen, die Hindernisse für Frauen reproduzieren, und nicht Frauen selbst. Es gibt natürlich immer noch Georg Baselitz, der denkt, Frauen könnten nicht so gut malen wie Typen wie er, aber psychologisch, emotional und sozial könnten alle schon viel weiter sein. Nochlin lesen und von Wulffen sehen hilft (bis 2. Mai, 2021 in den KW).

 

Alle Comics 2011-2020 von Amelie von Wulffen
Ausstellungskatalog KW Institute for Contemporary Art, 2020, 208 Seiten, €18

Misère: Darstellungen von Armut im 19. Jahrhundert von Linda Nochlin
Piet Meyer Verlag, 2018, 228 Seiten, €28.40

 

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This contribution is part of Issue 15: DECOLOMANIA, on art history, the history of politics, and the history of theory: all of them colonized and colonizing, much like our very selves.



  • FOOTNOTES
    1 Nochlin, 2018, S. 82
    2 Ibid., S.10

    IMAGE
    Amelie von Wulffen, Wer hätte das gedacht?, 2020, Oil on canvas,
    Courtesy the artist and Galerie Barbara Weiss, Berlin,
    Photo: Gunter Lepkowski

    Amelie von Wulffen from At the Cool Table, 2013 Pencil on paper

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