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HASAN ÖZGUR TOP

Erzähl mir eine Geschichte

  • Essay
  • Nov 01 2022
  • Adam Kleinman
    ist freier Schriftsteller in New York. Zuvor war er Chefredakteur und außerordentlicher Kurator am damaligen Witte de With Center for Contemporary Art, dem heutigen Kunstinstituut Melly. Er war zuständig für das Public Programm der dOCUMENTA (13) und Kurator beim Lower Manhattan Cultural Council.

Die Dichterin Muriel Rukeyser schrieb einmal, dass "das Universum aus Geschichten besteht, nicht aus Atomen".(1) Ich persönlich bin eher Klempner als Dichter, und in meinem groben Verständnis der Dinge habe ich diese Aussage immer dahingehend interpretiert, dass die Erzählung das primäre Werkzeug ist, mit dem wir uns  in der Welt Sinn verschaffen. Nun ist das Erzählen von Geschichten nie neutral. Zum einen sprechen wir in geliehenen Sprachen und Formen, die natürlich bereits in größere Systeme eingebettet sind. Und während Pädagogen Erzählungen nutzen, um Sinn zu vermitteln, verlassen sich Regierungen, Medien, Religionen und andere Machtstrukturen ebenfalls auf das Erzählen von Geschichten, um unser Verhalten zu manipulieren.

Man könnte sagen, dass der Klimawandel die große Geschichte der Gegenwart ist, aber ich frage mich oft, ob durch ihn die Idee, für die Nachwelt zu schreiben, sinnlos wird. Es ist aber nicht nötig, sich auf eine einzige existenzielle Bedrohung zu beschränken. Mit dem Aufstieg der künstlichen Intelligenz, mit Pandemien, einer wackeligen globalen, auf Ungerechtigkeit beruhenden Ordnung und der ständig drohenden Gefahr eines Atomkriegs ist auch ein anderes Ende der Welt möglich. Wo man auch hinschaut – von reaktionärer, nostalgischer Politik bis hin zu zahllosen Zeitreise-Memes, die die Geschichte nur online ausloten –, hat es den Anschein, dass wir uns jedweden Zukunftshorizont nur sehr schwer vorstellen können. 

Dieser kurze Text ist eine knappe Antwort auf Hasan Özgür Tops Film The Fall of a Hero (2020), ein Verhörvideo, in dem der Befragte beschreibt, wie Fanatiker ihre Anhänger mit einem neu aufgewärmten alten Kreuzfahrermythos ködern: dem, dass die Probleme der Welt darauf zurückzuführen sind, dass die Gesellschaft von einem imaginären goldenen Zeitalter abgefallen und eine Umkehr nur möglich ist, wenn eine rechtschaffene Avantgarde die Kräfte stürzt, die sie korrumpieren. Tops Erzähler ist wahrscheinlich unzuverlässig, aber das tut nichts zur Sache; ich lese ihn schlicht als einen Vektor, mit dem sich Nutzen und Missbrauch der Heldenerzählung selbst dekonstruieren lassen.

Lassen Sie uns diese spezielle Geschichte im Sinne eines Gedankenexperiments auf den Kopf stellen, indem wir nicht auf die Vergangenheit schauen, sondern auf die sehr chaotische und trübe Gegenwart, in der wir uns befinden. Sie könnte so aussehen: Gesellschaft und Technologie stehen vor noch nie dagewesenen Herausforderungen, wir leben im entscheidendsten Moment der Geschichte. Auch wenn ich hier den Blickwinkel verändert habe, bleibt doch ein merkwürdiger Rest des alten Skripts erhalten: der Appell an einen Narzissten nämlich, der das Schicksal der Welt auf eine einzige Person konzentriert. Wir können das besser.

Wenn Geschichten unseren Blick auf die Welt färben, wäre es logisch zu denken, dass eine Veränderung der Erzählung die Welt mitverändern kann. Aber vielleicht habe ich das falsch verstanden. Während wir uns heute vielleicht an einer einzigartigen Scharnierstelle der Geschichte befinden, ist die Aufmerksamkeit, wie es oft heißt, zerrüttet worden durch die vielen digitalen Geräte, die jede*n von uns überall und nirgends gleichzeitig anziehen und bedrängen. Unabhängig von der Botschaft ertränkt das unermüdliche Medienspektakel die Gegenwart, indem es jeglichen Sinn für Kontinuität zerstört. War es tatsächlich hier, wo die Zukunft verloren ging? Wer weiß das schon, aber aus irgendeinem Grund sehne auch ich mich nach der Vergangenheit.

Im Westen existieren Erzählungen von Heldenreisen schon seit mindestens 4.000 Jahren. Diese Geschichten haben Übersetzungen und Kulturen überlebt und sich gewandelt, um Freund und Feind gleichermaßen zu dienen. Weil sie unsere eigene zeitgebundene Existenz widerspiegeln, üben sie eine große Anziehungskraft aus. Aber die Reproduktion ihrer Erzählstruktur könnte uns darauf konditioniert haben, in ihrem Sinne zu denken. Man kann das auf Aristoteles zurückführen. Von ihm stammt die Formel, dass Geschichten – insbesondere die von politischen Führern – einem Erzählbogen folgen sollten, dessen abschließende Aussage den Sinn des Ganzen und letztendlich eine Lektion vermittelt. Also, warum sind Sie hier? Was will dieser Text vermitteln?

Vielleicht eine Perspektive? Der Blick nach vorne, zurück oder auf das "Jetzt" ist eine Nebensächlichkeit, denn die Zeit verlief schon immer nicht-linear. Die Frage, die wir uns stellen müssen, wenn wir eine Geschichte hören, lautet: Zwingt sie der Welt einen Wert auf oder taucht sie in die Höhlen unseres geteilten Gedächtnisses ein, um eine Bedeutung aus seinem Inneren wiederzugeben?

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  • Footnotes
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    [1] Rukeyser, Muriel: The Speed of Darkness, in: Out of Silence: Selected Poems. Herausgegeben von Kate Daniels, Northwestern University Press/TriQuarterly Books, 1994.
    https://www.poetryfoundation.org/poems/56287/the-speed-of-darkness, abgerufen am 22. Oktober 2020.
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    Dieser Text erschien ursprünglich im ProtoZine, das anlässlich der von Protocinema kuratierten Ausstellung “A Few In Many Places” herausgegeben wurde. Die hyperlokale Gruppenausstellung fand im Herbst 2020 in fünf verschiedenen Städten in Nordamerika, Europa und Asien statt. Das sowohl digital als auch gedruckt erschienene ProtoZine umfasste fünf Texte, die auf jede Intervention aus dem Blickwinkel einer anderen Stadt reagierten. Indem jede*r Autor*in auf die Auftrag gegebenen Kunstwerke antwortete, verband die Publikation die Schauplätze der Ausstellung miteinander.
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    Images: Hasan Özgür Top, The Fall of a Hero [Der Fall eines Helden], 2020; videostill.

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