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JIMMY ROBERT

Wer spricht? Im Namen von wem? Fragen, welche die Ausstellung All dressed up and nowhere to go in der Kunsthalle Baden-Baden stellt – und räumlich beantwortet.

Marmortreppen führen zu einem unsichtbaren Vorhang. Unsichtbar, da er den Raum an sich erkennbar lässt, zwischen spiegelnden Stellwänden und einem makellosen Rendering des Zentralbaus der Kunsthalle Baden-Baden. Die Wände bilden eine Bühne, die die Bewegungen der Besucher*innen durch den Raum choreographiert. Wir sind zugleich Props, mit denen das DPStudio (Gonçalo Reynolds und Diogo Passarinho) für diese Retrospektive des in Guadalupe geborenen und in Berlin lebenden Künstlers Jimmy Robert eine gewisse Leere inszeniert.

Im Theater ist die Ausweitung des Körpers bis zur Abstraktion auf viele Arten und in unterschiedlichen Kontexten behandelt worden, durch Kostüme, Requisiten und Licht. Diese Ausweitung brachte auch die Unterscheidung zwischen modernen und nicht-modernen Kulturen durch die Hierarchisierung von Ritualen und Zeremonien mit sich. Die Leere in Baden-Baden aber intensiviert unsere Verbindung zur Bewegung in ihrer Abwesenheit, in der Isolierung unserer eigenen Schritte. Jede Pause spiegelt sich in den Folien. Ich sehe mich, alleine im Saal, denke an die Selbstporträts von Robert, liegend auf dem Boden, angelehnt an die Wand, wie eine Statue draußen in der Fassade der Kunsthalle. Die Augen verweigern uns die Pupillen, seine Toga ist aus einem Rollkragenpullover und einem Rock aus mit Latex überzogenem Stoff. Die Leere um ihn herum, um uns herum, wird zu seiner greifbaren Reflexion über Dinge, Oberflächen, Körper. Und ihre Verwandlung in Performance.

Fig. 1

So erforscht Jimmy Robert die Beziehung zwischen Performance – wo und wie sie umgesetzt wird – und dem Publikum, das sie beobachtet. In Imitation of Lives tauscht und synchronisiert er Rollen mit zwei Tänzer*innen, welche die Hierarchien der Aufmerksamkeit im Raum demontieren. Er begrüßt die Gäste, verkleidet als Security Guard, ein Job, der öfters von Schwarzen Männern in Kulturinstitutionen besetzt wird. Man* weiß aber nicht, dass der Künstler selbst hiermit ein subtiles Spiel des abwechselnden Anschauens und Angeschautwerdens entwickelt. Es fühlt sich alles so real an, und so fiktiv zu gleich. Die Dokumentation der Performance bleibt präsent bei der Betrachtung weiterer Arbeiten, die Performativität als Begriff und Instanz viel deutlicher herausfordern – wie Floorwork (2020), die eine Bewegungsanleitung und zugleich Referenz zur Performance Trio A von Yvonne Rainer ist, oder Vanishing Point (2013), zwei Videoprojektionen auf Papierrollen, die sich um Folklore und Voguing drehen – doch Robert greift Dinge und Momente nach Isobel Harbison Hinweis in Performing Image, dass „Performativität“ auf die Sprachtheorie von J. L. Austin zurückgeht, in der "einige Aspekte der Sprache ein performatives Ergebnis hatten" – was später von Judith Butler im Jahr 1990 in Bezug auf Gender als soziales Konstrukt aufgegriffen wurde. 

Fig.2

Jimmy Robert verhält sich somit zu der Frage des Erlebens von Tanz –von Gesten und Theatralität – in der bildenden Kunst als eine Frage von Freiheit in Bezug auf das koloniale Erbe sexueller, sozialer und identitärer Normativität, sowie ihre immer noch bestehende Legitimation in Museen. Wer tanzt, und für wen? Das Bild Creole Earring II (2021) nimmt die Architektur der Hunterian Art Gallery in Glasgow, um dekorativ anmutende Verbindungen herzustellen zwischen der Architektur von Charles und Margarete Mackintosh und des Wissens, das den eigenen Körper des Künstlers trägt. In Manier einer Drag Queen kontrastiert Robert den Raum in mehrdeutigen Referenzpunkten.

Robert erscheint nie als Performer, sondern als Träger einer Antwort auf die Unmöglichkeit des Wunsches, von körperlicher Qualität zu denken, ohne sich in den Verwicklungen eines ableistischen Systems zu verlieren. Dafür ist das Scheitern der Performances als solches für ihn notwendig. Die Performance wird dann in Form, Sprache, Papier losgelöst. Sie wird angreifbar. In diesem Moment ist sie, durch die Fragmente seiner Arbeit der letzten 20 Jahre, ein wertvoller Moment der Transzendenz: Verletzlichkeit ist kein Versagen mehr. Sie übersteigert jede Erscheinung von Angst. Unvollkommen findet Performance dann Zuflucht in der Genauigkeit der Aussagen des Künstlers, Leere umarmend.

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Jimmy Robert: All dressed up and nowhere to go, kuratiert von Cagla Ilk und Christina Lehnert,  läuft in der Kunsthalle Baden-Baden bis zum 15. Januar, 2023.



  • Footnotes
    Images:
    Jimmy Robert, All dressed up and nowhere to go, 2022. Jimmy Robert, Courtesy Stigter Van Doesburg, Tanya
    Leighton Gallery and Kunsthalle Baden-Baden

    Fig.1 Jimmy Robert, All dressed up and nowhere to go, 2022. Jimmy Robert, Courtesy Stigter Van Doesburg, Tanya Leighton Gallery and Kunsthalle Baden-Baden

    Fig.2 Jimmy Robert, Creole Earring I, 2021. ˝ Jimmy Robert, Courtesy The Hunterian Art Gallery, University of Glasgow, Stigter Van Doesburg, Tanya Leighton Gallery and Kunsthalle Baden-Baden

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