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TRY BREATHING FOR INSTANCE

A poetic tour between the ghosts of the past, the climate of the present and the nebulosity of the future.

  • Poem
  • Oct 07 2022
  • Tanasgol Sabbagh
    is a Berlin-based poet. Her work situates itself between stage and page poetry and takes shape in form of embodied performances, audio pieces, video installations and musical collaborations. She is part of the artist collective parallelgesellschaft, which curates an event series dedicated to exploring the spectrum of the creative and the political beyond the standards of German dominant culture. Together with poet Josefine Berkholz she founded and hosts the auditive literature magazine Stoff aus Luft: A format that tries to examine the poetics of spoken and sound-based literature, rendering it more visible outside the often restricting frame of print.

Wenn ich die Landschaft hier verstehen würde, würde ich sie beschreiben: Wir laufen auf dem Grünstreifen am Highway, nichts ist gemacht, um nicht motorbetrieben erreicht zu werden, niemand läuft hier zu Fuß, ein Rinnsal an Schweiß entlang der Wirbelsäule. Als wir ankommen, ist die Aussicht fantastisch, doch das Wasser trüb, das Meer spült sich um die Hügel herum auch an diese Küste: Überall tote Krabben rücklings im Wasser. Ich schiebe sie mit den Händen zur Seite und tauche, die Augen offen, es wird kalt.

How to break a life
The same way you make it: Mother
           spreading legs and filling the hollowed belly
with turmeric hands and garlic cloves
           dried seeds of pomegranate and plums.
When you cut the breast like this,
           the meat stays nice and juicy.
When you cut your finger, use a towel.
           When you curse, bite your tongue,
so you can taste it: let no anger
            pass you by unnoticed.

                                                                      Try breathing for instance

Ich laufe die Straßen in Maplewood ab, biege auf den Dollarton Highway, gehe in den Wald, halte Ausschau nach Bären. Lese. Niemand kommt mir entgegen. Eine Woche verbringe ich so, Schwindel und Migräne. Ich denke, mein Körper ist empfänglicher für Krankheiten, weil ich ohnehin porös bin für alles, was von außen kommt. Stelle ungeprüfte Theorien in Verbindung zu meiner Blutgruppe auf: 0 RhD negativ (Märtyrerinnenblut).
Nachts dann die Mücken.

To break a life
The same way you make it: Mother
         covering father with skin. A sheet, the witness
for believers. The width of bones
         growing as I emerge, belly breaking. Every scar
on your tissue is me. Once bent, nothing grows
         back to what it was.

                         
                                                                  Try breathing for instance.

Die Elterngeneration ist nicht eine, sondern zwei.
Die erste: Die Widerständigen. Diejenigen, die sich auflehnen. Die Flugblätter mit dem Manifest verteilen und über Mao und Stalin diskutieren, wenn sie sich nach der Arbeit nachts zu Versammlungen treffen. So stellen wir es uns vor.
Die Transparente beschriften und Aktionen planen und Proteste. Die ihre Familien verlassen, um sie nicht in Gefahr zu bringen. Die verraten werden. Die eine Zelle abzumessen wissen. Die Hiebe zählen.

To break a life is easy: Mother
         holds a single toothpick in the air.
She gathers the three of us, and breaks
         the toothpick in half. Easy, right?
She takes three toothpicks,
         they resist, they snap.
You see: much harder to break them,
         when they stick together.
Nodding: yes, maman.
         It's a good lesson, they're harder to break.
They break nonetheless.


Die zweite: Die Jüngeren.
Kollateralschäden. Die Kinder einer Zeit, die zu schnell ist, um nach Kindern zu sehen. Wie jede Zeit. Die Kleider abgetragen, das Land. Die Blicke der Nachbarn. Die Kontrolle der Behörden. Die Konsequenzen einer gekaperten Revolution. Die Übriggebliebenen. Die Hinterherziehenden.
Über Nacht Erwachsen gewordene bleiben in der Zeit stehen. Ihre Haltung ist so unklar wie ihr Blick. Ihr Aufbegehren, dasjenige von Zehnjährigen, die einfach nur in Ruhe spielen wollen. Eine Mischung aus Enttäuschung und Scham. Manchmal.

This is how we prepare
         for the day: we fold
our lashes into knots,
         carve out the dirt under
our fingernails and minds
         leave crumbs on the counter
dander in our beds,
         and grease
stains on the surface


         Wenn ich die Landschaft verstehen würde, würde ich sie beschreiben: Im Winter, im Licht eines Schwarzweißfilms aus den Siebzigern (ja, als die Frauen noch Miniröcke), das über YouTube gestreamt wird, in einem Wohnzimmer, das das eingeengte Herz eines Hauses ist, sitzen zwei Schwestern. Dazwischen zehn Jahre, zwei Leben, ein Vorwurf nach dem anderen.


Die Kindergeneration: Übersetzer*innen.

                                                                                                        Try

To make a life, build it
         like you own it: new degrees and car keys
in the hands of workers. Half of the family talking
         about the volumes of Marx on their shelves, the other half
talking about the price of the Jeep
         none of them aware that their currency has no value
in the other's language

Wochenlang will ich zum Grab laufen. Ich erinnere mich kaum, doch es sollte nicht weit weg sein. Ich stelle mir vor, alleine dort zu sitzen. Lange. Ich habe das in Berlin, auf fremden Friedhöfen geübt. Am Vormittag meiner Abreise fahren mich meine Tante und ihr Mann dorthin, niemand geht zu Fuß, come on. Mein Onkel macht Fotos von meiner Tante und mir, während ich hinter meiner großen Sonnenbrille weine. Wer alles verloren hat, hält alles fest. Meine Großmutter, die einzige Tote, die ganz ihnen gehört.

                                                                                               Try breathing for instance.

Könnte ich die Landschaft beschreiben und sie verstehen, weil es dort auch Meer und Berge und Wälder gibt.

To make a life, feeding it.
Stroking its hair and combing the knots.
Letting it rest on your lap.
Letting it in on all you know.
Telling it, it'll pass. Look:
Bent backs on old photographs,
adults crouching down, hands
and smiles whenever a child
appears to laugh.

Die Angst kommt später.



  • Footnotes
    Image: Akhmat Biikanov, Seraph, 2022
    Courtesy of Sanatorium

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