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Let's Talk About Class

Warum wir über „Klasse“ reden müssen. Eine Verteidigung gegen ihre Verächter.

Seit einiger Zeit spiele ich hierzulande gern ein Gesellschaftsspiel: Ich sitze in einer Runde vergleichsweise wohlsinstituierter Menschen, nippe an meinem wohltemperierten Rotwein und sage den wohlfeilen Satz „Deutschland ist eine Klassengesellschaft.“ Dann lehne ich mich genüsslich zurück. Was folgt, ist eine Klaviatur an Abwehrmechanismen. Wie nach dem Lehrbuch. Bourdieu hätte seine Freude daran. Und doch sind sie immer wieder faszinierend, trotz aller Vorhersehbarkeit. Letzthin fiel mir auf, dass die Reaktionen allesamt ein grammatische Eigenheit aufweisen. Sie alle operieren mit dem Wörtchen „ZU“. Der Befund, Deutschland sei eine Klassengesellschaft, gilt wahlweise als:

 

  1. ZU übertrieben;
  2. ZU unscharf;
  3. ZU weiß;
  4. ZU egalitär;
  5. ZU anachronistisch;
  6. ZU identitätspolitisch.

 

Es lohnt sich, diese Zuschreibungen einmal der Reihe nach etwas ausführlicher zu betrachten.

 

Strategie 1: ZU übertrieben

Ein strategischer Gegenbegriff zu dem Begriff Klasse ist die Schicht. Der erste betont die Undurchlässigkeit, der andere die Durchlässigkeit. Deutschland konnte sich bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts damit brüsten, einer breiten Bevölkerungsschicht Wohlstand und Bildung beschert zu haben (wobei unter den Tisch gekehrt wird, dass der Klassenkompromiss der 60er und 70er Jahre auf dem Rücken der Gastarbeiter*innen geschlossen wurde).

Heute aber sieht das anders aus. Die Reichen werden immer reicher, die arbeitenden Armen (the working poor) immer ärmer. Die OECD-Studie (1) belegt überdies jedes Jahr aufs Neue, dass in kaum einem anderen europäischen Land die soziale Herkunft so entscheidend ist.

Wenn ich dieses kalte Herz der Statistik zitiere, begegne ich oftmals dem Vorwurf, „determinierend“ zu sprechen. Es gebe doch Ausnahmen. Alles eine Frage des Willens und der Persönlichkeit. Ein mächtiges Sprachbild dieser Ideologie ist das Bild der sozialen Leiter. Der Mythos des Aufstiegs verschleiert strukturelle Ungerechtigkeit. Erwachsene und Kinder, die es „heraus schaffen“, sind und bleiben die Ausnahmen, nicht die Regel.

 

Strategie 2: ZU unscharf

Ein beliebter Einwand ist der, dass man mit dem Begriff der Klasse „nichts analysieren“ könne. Jedenfalls nicht „aus soziologischer Sicht“. Unterstellt wird, dass der Begriff homogenisiere, wo doch größtmögliche Differenzierung geboren sei, um gesellschaftliche Zusammenhänge zu beschreiben. Kritisiert wird, dass Klasse lediglich einen „Kampfbegriff“ darstelle. ‚Lediglich‘? möchte man fragen. Und wie kommt es überhaupt, dass„Klasse“ und „Milieu“ in Konkurrenz gebracht werden zueinander? Ich forderte umgekehrt ja auch nicht, dass aus dem Klassenkampf ein „Milieukampf“ werden muss. Wer von Klassen spricht, will Klassen abschaffen. Keine Milieustudien betreiben. Glücklicherweise wird der Begriff gerade akademisch rehabilitiert. An der Universität Jena gibt es seit einiger  Zeit das Projekt „Klassenanalyse“(2). Die Wissenschaftler*innen arbeiten einerseits die Unterschiede in den verschiedenen Klassenbegriffen heraus (Federici denkt ihn anders als Marx, Marx denkt ihn anders als Mouffe …), versuchen aber auch, einen verbindenden Klassenbegriff zu formulieren. Einen, der für das komplizierte 21. Jahrhundert taugt. 

Bis man in Jena zu Ergebnissen kommt, genügt mir eine basale Definition von Klasse genügen: Who gives the orders, and who follows the orders. Das ist hinreichend scharf, meiner Meinung nach. 

 

Strategie 3: ZU weiß

Eine gefährliche Spaltung innerhalb der Linken ist die (berechtigte!) Furcht, dass mit dem Begriff der Klasse wieder ein weißes männliches Arbeiter-Subjekt im Zentrum stehen soll. Dieses Bild ist in der Tat fest verwurzelt. Die Herausforderung besteht genau darin, nicht zuzulassen, dass der Widerspruch zwischen Arm und Reich in einen zwischen Frauen und Männern, oder zwischen „Hiesige“ und „Fremde“ übersetzt wird. Mit der Kategorie soll keinesfalls der alte „Hauptwiderspruch“ heraufbeschworen, und weder feministische noch postmigrantische oder postkoloniale Diskurse sollen zur Nebensache erklärt werden. Es braucht keinen „Hauptwiderspruch.“ Weder den einen noch den anderen. Klasse im 21. Jahrhundert ist notwendig (immer auch) queer, feministisch und (post)migrantisch. Genau um diesen Schulterschluss geht es. Und mit der Bezugskategorie “Klasse” gestaltet sich die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit um einiges leichter.  

Der Klassenkampf finden nicht trotz, sondern zugunsten von All-Gender-Toiletten statt. Der Unterschied ist nur, dass “class” kein Anerkenungsdiskurs ist. Es geht nicht darum, soziale Unterschiede als soziale Diversität anzuerkennen. Armut kann man nicht anerkennen, Armut muss man abschaffen.

 

Strategie 4: ZU egalitär

Eine vierte Abwehrstrategie argumentiert bewusst oder unbewusst immer „von oben“. Wir brauchen, so die liberalistische Ideologie, die Reichen als Zugpferde. Nur eine ökonomische Elite verspricht Wohlstand für alle. Nur eine ökonomische Elite hat hierzulande Elend in Armut verwandeln können. Das kapitalistische System ist das beste aller möglichen Wirtschaftssysteme. Die Forderung nach Gerechtigkeit wird systematisch als Forderung nach Gleichheit verunglimpft: als ein Phantasma, das nie und nimmer erreicht werden könne, es sei denn zum Preis der Uniformität, die jedem freiheitsliebenden Geist widerspricht. In dieser Abwehr zeigt sich eine besonders schmerzliche Facette: Diversity is not always your friend. Ausgerechnet im Namen der Diversität wehrt man sich gegen eine (unzulässig unterstellte) Gleichmacherei.

Wer Gerechtigkeit fordert, fordert keine Gleichheit. Diese mutwillige Fehlinterpretation hat den Zweck, einen entscheidenden Kausalzusammenhang zu leugnen: Nicht: die einen sind eben reich und die anderen eben arm. Die einen sind reich, WEIL die andern arm sind. Die Gleichheit, die in Abrede gestellt wird, führt diese Perspektive überdies hinterrücks ein, wenn sie behauptet, dass alle „die gleichen Chancen“ haben, der Potenz nach. Wer das propagiert, ist selbst oben und will oben bleiben, und allenfalls gönnerhaft etwas von seinen Pfründen nach unten durchsickern lassen. Der Platz ‚da oben‘ gehört eben doch den Fittesten. 

Für mich die beste Replik bisher: “Poverty is not a lack of character, it’s a lack of cash.”(3)

 

Strategie 5: Zu anachronistisch

Ein Bonmot der Klassenverächter lautet: „Klasse? Bloß nicht. Das hatten wir alles schon.“ Der realexistierende Sozialismus respektive Kommunismus ist schließlich gescheitert und hat zwangsläufig in Diktaturen geführt. Am Begriff der Klasse klebt Blut. Und wer will ernsthaft hierzulande noch vom Lumpenproletariat sprechen? Niemand. Elend hat sich in Armut verwandelt. Das Lumpenproletariat ist in anderen, entlegeneren Teilen des Planeten zu finden. Diese globale Perspektive immer und stets mituzudenken, ist die Pflicht eines jeden linken Klassendiskurses Nur darf sie nicht dazu benutzt werde, die hiesige Armut zu relativieren. Um die Dramatikerin Nora Abdel-Maksoud zu zitieren: 

„Die Ausbeutung von sonnengebräunten Südamerikanern und ihren knopfäugigen Kindern ist auch eine pittoreske Art der Unterdrückung. (…)  Sozialhilfegesetze und Sanktionsparagraphen gegen teiggesichtige IV-Rentner hingegen beleidigen uns ästhetisch. Auch die Frage, mit welchen Unterdrückten man sich verbrüdert, ist eine Frage der Distinktion."

Interessanterweise rückt im 21. eine andere Klasse ins den Blickpunkt, eine, die bis dahin keine war, namentlich die Mittelklasse aka Mittelschicht. Die Mittelklasse ist bis heute eine Klasse „an sich“, keine „für sich selbst“ gewesen. Sie ist weit davon entfernt, ihre politische Ohnmacht gegenüber den Mächtigen in Organisation zu verwandeln oder ein gemeinsames Ziel zu formulieren. Doch geht es bei der ganzen Check-your-privileges-Debatte genau darum, dass Menschen ihre jeweiligen Privilegien erkennen, ihre Scham überwinden und in ein solidarisches Handeln zum Wohle derer überführen, die strukturell benachteiligt sind.

 

Strategie 6: ZU identitätspolitisch

In meinem Fall kommt noch eine sechste Strategie hinzu. Da ich selbst kein Arbeiterkind, sondern ein Mittelschichtskind der westdeutschen 80er Jahre, habe ich eigentlich gar nicht das Recht, über Klasse zu reden. Viel zu middle-classy, meine Perspektive. Ich habe keine Ahnung von der Realität „da unten“. Die implizite Frage lautet dann: 

„Wer bist du überhaupt, dass du über Klasse redest? Was ist deine Legitimation?“

Antwort: Ich bin in einem kleinen Dorf, in einer strukturschwachen, bäuerlich geprägten Region aufgewachsen. Selbst zu dieser satten Zeit der westdeutschen 1980er Jahre gab es dort eine Menge armer Menschen. Auch bin ich die erste Akademikerin meiner Familie. Meine Eltern haben beide kein Abitur, sie waren ihrerseits diejenigen, die als erste in der Familie „saubere" Angestelltenberufe ausgeübt haben. Meine Eltern hatten nie Geldprobleme, aber ökonomisches Kapital ist eben nicht gleichbedeutend mit kulturellem oder sozialem Kapital; und so habe ich mich in der Welt der Kunst lange „wie Falschgeld“ gefühlt.  

Wenn ich aufgrund dieser Erfahrungen über die Bedeutsamkeit der sozialen Herkunft spreche, setze ich mich dem Vorwurf aus, „zu identitätspolitisch“ zu argumentieren. (Nebenbei bemerkt: die Arbeiterbewegung war genau das: Identitätspolitik…). Also zu sehr die eigenen Belange in den Mittelpunkt zu stellen. Partikular-Interessen zu vertreten. Sexismus, Rassismus, jetzt auch noch Klassismus …? 

Dem Klassismus geht es um eine strategische Ermächtigung. Denn wer hat überhaupt ein Interesse, die Klassenfrage zu stellen? Womöglich doch eher diejenigen, die Armut aus eigener Erfahrung kennen bzw. sie, wie ich, bezeugt haben. Um hörbar zu werden, müssen diese Leute aber entweder solidarisieren und/oder in die entsprechenden Position gelangen. Genau das aber erschweren die Ausbildungsstätten, die den Zugang zu Politik, Ökonomie und Kultur regeln. Womit wir bei der OECD-Studie wären. Deshalb sind Klasse und Klassismus zwei Seiten einer Medaille.

 

Zuletzt lohnt es sich, nach dem verborgenen Unbehagen zu fragen, der sich in allen sechs „Zus“ artikuliert. Eine Freundin fand dafür ein einprägsames Bild: Menschen aus privilegierten Familien mit der Klassenfrage zu konfrontieren, sei in etwa so, als würde man erfolgreiche Tour-de-France-Fahrer*innen darüber aufklären, dass sie all die Jahre nur deshalb gewonnen haben, weil sie mit deutlich besseren Voraussetzungen ins Rennen gestartet sind als andere: Die ganze Zeit war ein kleiner Elektromotor an ihrem Fahrrad versteckt. Der jahrelange Jubel über die eigenen Erfolge fühlt sich, kaum hat jemand den Motor entdeckt und benannt, mit einem Mal schal an.

Auch Arbeiterkindern, die es „geschafft“ haben, kann das Thema unangenehm sein. Bei ihnen habe ich großes Verständnis für die Abwehr. Immer. Das Klassenthema öffnet verheilt geglaubte Wunden. Niemand darf sich gezwungen fühlen, über die eigene Herkunft zu sprechen. Allen anderen gegenüber beharre ich höflich, aber unmissverständlich darauf, dass wir über Klasse reden müssen. Inzwischen verwende ich sogar das Wort „Klassenkampf“. Die Sache ist ja so: ich muss den Kampf gar nicht eigens ausrufen. Aber als solchen benennen muss ich ihn. Denn er findet tagtäglich statt, lautlos, heimlich, im Verborgenen. Nur eben von oben nach unten. 

 

Choose your battles wisely lautet eine Regel. Die Klassenfrage zu stellen, wieder und wieder und immer wieder, ist eine sehr weise Entscheidung.

 

Die Gesprächsreihe Let’s talk about class von Michael Ebmeyer und Daniela Dröscher eröffnete am Donnerstag, den 20. Februar im ACUD (Berlin Mitte).

 

Weitere Termine, immer Donnerstags:

1. 02/April: Hatice Akyün, Annett Gröschner, & Katy Derbyshire
2. 18/Juni: Christian Baron, Stefanie de Velasco, & Alina Kolnar
3. 10/September: Dilek Güngör & Jackie Thomae
4. 05/November: Senthuran Varatharajah & Emilia Smiechowski

 

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